Frankreich Interview

Omar Youssef Souleimane: «Die französische Sprache ist meine Heimat geworden»

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geschrieben von Jonas Follonier · 10. Februar 2026 · 0 Kommentare

Als Verfechter des Universalismus plädiert der syrische Schriftsteller, der in das Land von Voltaire und Molière geflohen ist, für Vernunft gegen identitäre Auswüchse. Am Donnerstag stellt er in Genf sein Werk Die Komplizen des Bösen die den Antisemitismus der Partei "La France insoumise" dokumentiert.

Der Dichter, Romanautor und Essayist Omar Youssef Souleimane floh aus Syrien nach Frankreich, wo er nun in einer Sprache schreibt, die zu seiner «Heimat» geworden ist. Als guter Beobachter der ideologischen Brüche kritisiert er die Blindheit eines grossen Teils der Linken gegenüber dem Islamismus und verteidigt einen Liberalismus, der auf der Gleichheit vor dem Gesetz beruht. Interview wenige Tage vor seinem Vortrag in Genf*.

Le Regard LibreSie schreiben im Vorwort Ihres Buches, dass Frankreich «das Land der Meinungsfreiheit» ist. Was ist mit dem aktuellen Klima der intellektuellen Toleranz in diesem Land?

Omar Youssef Souleimane: Man muss in der Tat zwischen dem französischen Gesetz, das die Meinungsfreiheit erlaubt, und der Gesellschaft unterscheiden. Ich werde nicht vom Staat zensiert, aber alle, die mich von der extremen Linken kritisieren, sprechen über meine syrischen Wurzeln und nicht über den Inhalt meiner Äusserungen. Ich werde als ’Araber vom Dienst« beschimpft, obwohl Gleichheit ein Grundpfeiler der Linken sein sollte. Ich habe Beweise für Antisemitismus abgeglichen, indem ich Demonstrationen infiltriert habe und daraus meine Schlüsse gezogen habe. Sollen sie sich doch mit Argumenten gegen meine Arbeit wehren, anstatt mich anzugreifen.

Ist Ihr Buch angesichts der angespannten Lage im israelisch-palästinensischen Konflikt wirklich hilfreich? Predigen Sie nicht zu den Überzeugten?

Ich glaube, dass ich überzeugen kann, obwohl es tatsächlich schwierig ist. Es hat sich eine Angst aufgebaut, die immer weiter steigt. Die Personen, deren Reden ich kritisiere, verteidigen zunehmend Emotionen und keine Ideen. In Frankreich wird man heute, sobald man nicht die extreme Linke verteidigt, beschuldigt, die extreme Rechte aufsteigen zu lassen. Wenn man in einem Medium wie CNEWS oder Europe 1 auftritt, wird man als nützlicher Idiot gesehen, der von einer Allianz vereinnahmt wird, die angeblich die der Milliardäre und Reaktionäre ist.

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Abgesehen davon habe ich seit der Veröffentlichung des Buches Tausende von Nachrichten erhalten, vor allem von jungen Menschen, die mehr über das Thema erfahren möchten. Leider glaube ich, dass sie in der Minderheit sind. Aber das kann sich ändern.

Die von Ihnen beschriebenen Herausforderungen sind inzwischen durch eine weitere Nachricht ergänzt worden: den Aufstand im Iran. Hat der französische öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie in der Schweiz, zu spät darüber berichtet, was vor sich geht, nämlich einen Kampf gegen die islamistischen Machthaber?

Ja, vollkommen. Während man die Ereignisse am ersten Tag als Revolte gegen die Kaufkraft beschreiben konnte, kippte alles schon am nächsten Tag in ein politisches Engagement, das auf den Sturz der herrschenden Macht abzielte. Und tatsächlich zeichnet sich diese Revolution dadurch aus, dass sie sich nicht gegen eine traditionelle, sondern eine religiöse Tyrannei richtet. Der Iran gehört neben Afghanistan und bis zu einem gewissen Grad auch Saudi-Arabien zu den letzten Theokratien der Welt. Das ist das Unerträgliche an dieser Blindheit. Wenn die iranische Revolution erfolgreich ist, wird sie den Beginn der Revolution in der gesamten Region signalisieren. Während es den Syrern gelang, Baschar al-Assad zu stürzen, ihn aber durch Islamisten ersetzten, erhebt sich das iranische Volk sowohl gegen die Diktatur als auch gegen den Islamismus.

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Der Iran ist eine Ausnahme in der arabischen Welt, die sich ihrer nichtmuslimischen Vergangenheit nicht bewusst ist. Die Iraner sind ein aufgewecktes Volk, das sich seiner 2000-jährigen Geschichte bewusst ist. Die anderen arabischen Länder sind von ihrer fernen Vergangenheit abgekoppelt. Auch die iranische Kultur ist ihnen unbekannt. Es ist auffällig, dass die linksextremen Aktivisten, die sich so aktiv für das Schicksal der Palästinenser einsetzen, so still über den Iran sind. Was sie in Wirklichkeit besessen macht, ist Israel. Der jüdische Staat ist in dieser Krise nicht betroffen, warum sollten sie also darüber reden?

Wie kann Ihrer Meinung nach die derzeitige Polarisierung um diese Themen, die durch Identitäts- und Kommunitarismus genährt wird, gelöst werden?

Durch Engagement. Einerseits müssen Wahrheiten aufgedeckt und Untersuchungen durchgeführt werden. Andererseits muss die Debatte angeheizt werden, durch Vorträge und Diskussionen mit jungen Menschen. Die Zugehörigkeit, die uns retten kann, ist die Zugehörigkeit zum universalistischen Wert der Vernunft.

Seit wann ist Französisch die Sprache, von der Sie träumen?

Als ich das Werk des französischen Autors und Dichters Christian Boban kennenlernte, war ich sehr beeindruckt. Sein Schreiben ist von einer seltenen Feinheit. Was mein Werk seit 2016 hauptsächlich motiviert hat, ist der Verlust meines Heimatlandes, meiner Familie und meiner Freunde. Die französische Sprache ist zu meiner Heimat geworden. Sie bedeutet mir sehr viel. Sie ist eben die Sprache des Universellen, der Menschenrechte und der Freiheit.

Auf der allerletzten Seite Ihres Buches taucht der Begriff Liberalismus auf. Was verstehen Sie darunter, wenn Sie sich als Linker bezeichnen?

Der Liberalismus ist meiner Meinung nach das System, das am besten geeignet ist, Neuankömmlinge in einem Land willkommen zu heissen und sie zu integrieren. Dies habe ich selbst erlebt. Der Liberalismus verankert schlicht und einfach die Gleichheit vor dem Gesetz, im Gegensatz zu dem, was ein Grossteil der Linken behauptet.

Abschluss in Philosophie und von Beruf Journalist, Jonas Follonier ist Gründer und Chefredakteur des Regard Libre. Schreiben Sie an den Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

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*Omar Youssef Souleimane wird sein Buch vorstellen Die Komplizen des Bösen am Donnerstag, den 12. Februar 2026 um 19.00 Uhr in der Schule Beit Yossef Girsa in Genf. Das Treffen wird von der Journalistin Laetitia Guinand moderiert und es folgt ein Aperitif mit Abendessen. Letzte verfügbare Plätze: e.chettrit@beityossefgirsa.ch

Omar Youssef Souleimane
Die Komplizen des Bösen
Plon
Oktober 2025
208 Seiten

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Bundeshauskorrespondent für «L'Agefi», Singer-Songwriter, Jonas Follonier ist Gründer und Chefredakteur von «Regard Libre».

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