SVP erneut zensiert?

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geschrieben von Clément Guntern · 14. Oktober 2019 · 0 Kommentare

Ganz am Ende der letzten Woche löschte das Unternehmen YouTube ein Video der Zürcher SVP, in dem die Einwanderung in die Schweiz und ihre Folgen für die Sicherheit und die Sozialhilfe angeprangert wurden. Nachdem die Partei von der Entscheidung des Unternehmens erfahren hatte, verurteilte sie diese umgehend als Zensur.

Bevor wir uns in diese Kontroverse vertiefen, sei daran erinnert, dass YouTube ebenso wie Facebook, Airbnb oder Amazon sogenannte Plattformen sind. Dieser Begriff tauchte in den 1990er Jahren auf und bezeichnet generische Infrastrukturen, die eine Vielzahl von Funktionen erfüllen können. Der Begriff „Plattform“ kann verschiedene Bedeutungen haben: Es kann sich um eine für alle zugängliche Infrastruktur handeln, um einen Raum, an dem man das Wort ergreifen kann, oder auch um eine Stiftung.

Lange Zeit verstanden sich digitale Plattformen ausschließlich als Plattformen im Sinne von Infrastrukturen, die allen zur Verfügung standen; daher konnte dort jeder schreiben, veröffentlichen und sagen, was er wollte. Das Unternehmen sah sich nicht für die Inhalte verantwortlich, da es lediglich einen Rahmen bereitstellte und nicht der Urheber der Inhalte war. Man kann hier das Beispiel von Airbnb anführen, das behauptete, lediglich eine Plattform zu sein, die das zusammenbrachte, was die Menschen schon immer getan hatten, nämlich Wohnungen zu vermieten oder zu mieten.

Doch diese Haltung ist mittlerweile unhaltbar geworden, da die großen digitalen Plattformen vergessen haben, dass der Computercode, aus dem sie bestehen, und die Erzählungen, die sie konstruieren, die dort stattfindenden Aktivitäten strukturieren. Tatsächlich sind die Algorithmen, die die Informationen auf einer Website wie YouTube strukturieren, nicht neutral. Sie beeinflussen die dort stattfindenden Aktivitäten stark. Insbesondere Facebook hat auf schmerzhafte Weise erfahren, dass alle von ihm angebotenen Funktionen Handlungsmöglichkeiten bieten können, die seinem Markenimage sehr schaden. Man denke insbesondere an die Skandale im Zusammenhang mit den US-Präsidentschaftswahlen: Gerade weil Facebook anderen die Möglichkeit bot, sich an sein Datennetzwerk anzuschließen und seine Infrastruktur über verbundene Websites zu nutzen, konnten Manipulationen stattfinden. Andererseits haben diese Digitalgiganten ihre Geschichte auf dem Mythos einer grenzenlosen Meinungsfreiheit aufgebaut.

All diese Plattformen mussten Richtlinien und Kontrollsysteme für ihre Nutzung entwickeln, unterstützt durch Heerscharen von Content-Moderatoren und KI-Software. Die Plattform ist nun dafür verantwortlich, was auf ihrer Infrastruktur geschieht. Das Argument der Meinungsfreiheit ist für Unternehmen wie YouTube und Facebook nicht mehr haltbar. Und übrigens lautet das neue Mantra von Facebook nicht mehr Meinungsfreiheit, sondern Transparenz. Es ist normal, dass eine Plattform ihre eigenen Regeln veröffentlicht, und es ist wichtig, dass ihre Nutzer verstehen, dass es sich nicht mehr einfach um Plattformen handelt, auf denen jeder sagen kann, was er will und wie er will. Es sind Unternehmen, die Entscheidungen treffen – zwar noch wenig begründet oder transparent, aber die die Nutzer kennen müssen.

Und genau das hat die Zürcher SVP nicht verstanden, als ihr Video von YouTube entfernt wurde, weil es nach Ansicht der Plattform zu Hass aufrief. Die Urheber dieses Clips hätten sich mit den Richtlinien vertraut machen sollen, die unter anderem vorschreiben, dass Inhalte in einen Kontext gestellt und den Zuschauern erklärt werden müssen, wobei Inszenierungen zu vermeiden sind, deren einziger Zweck darin besteht, zu schockieren (sich wiederholende Bilder, beunruhigende Musik usw.). Schauen Sie sich das Video an, das noch auf der Facebook-Seite der Zürcher SVP verfügbar ist, und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Soll dieses Video das Publikum informieren oder schockieren? Offensichtlich mangelt es der gesamten Inszenierung nicht an Kohärenz und sie zielt, wenn schon nicht darauf, zu schockieren, so doch zumindest darauf, Angst zu machen.

Ist das Zensur? Jedes Medium muss ständig entscheiden, was es veröffentlicht und was nicht. Es veröffentlicht nicht alles – oder zumindest nicht, ohne einen Kontext zu liefern, der in aller Ruhe und mit dem Ziel der Aufklärung erarbeitet wurde. Das Video der SVP ähnelt eher einer Werbung für ein Spukschloss oder einen Horrorfilm als einer Darstellung politischer Fakten oder Ideen. Wenn die Zürcher SVP in Zukunft nicht mehr möchte, dass Inhalte von ihr gelöscht werden, sollte sie bedenken, dass ihr Ziel darin besteht, zu überzeugen und nicht, Angst zu schüren. Sie muss aber auch auf die Mittel ihrer Verbreitung achten und darauf, dass die Meinungsfreiheit kein absolutes Grundrecht ist. Diese kann aus einer Vielzahl von Gründen gesetzlich eingeschränkt werden. Und im weiteren Sinne ist eine Plattform keine neutrale Infrastruktur, auf der keine Regeln gelten. Selbst Facebook und YouTube haben das verstanden – warum also nicht auch sie?

Foto: YouTube

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