Schweiz Kommentar

Moutier, eine jurassische Stadt: Sie haben gewählt

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geschrieben von Lea Farine · 19. Juni 2017 · 0 Kommentare

Während ich diese Zeilen schreibe, ist bekannt, dass Moutier, eine Kleinstadt, die ihrem Slogan zufolge im «Herzen des Juras» liegt, mit einer knappen Mehrheit beschlossen hat, sich diesem Kanton anzuschließen. Mit der Abstimmung wird ein zweihundert Jahre alter Konflikt fast endgültig beendet, denn 1815 wurden die ehemaligen Ländereien des Bistums Basel vom Kanton Bern annektiert. Viel später, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, tauchte die Identitätsfrage wieder auf und flammte auf, was nach einer langen Zeit der Spannungen 1979 zum Eintritt der Republik und des Kantons Jura in die Souveränität führte.

In letzter Zeit herrschte in Moutier jedoch – wenn auch weniger gewalttätig als in den 70er Jahren, aber dennoch mit einer gewissen unterschwelligen Feindseligkeit – keine friedliche Stimmung. Es stand weder mir noch sonst jemandem zu – außer den Hauptbetroffenen selbst –, durch eine Abstimmung zu entscheiden, wer von den Separatisten oder den Loyalisten Recht oder Unrecht hatte. Was man jedoch immer wieder betonen kann, ist, inwieweit Identitätsfragen stets auf ambivalente Weise sowohl mit Sicherheit als auch mit Kampf verbunden sind. Tatsächlich ist es für das soziale Wesen, das der Mensch ist, lebenswichtig, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen – sei es einer religiösen, sprachlichen, nationalen oder familiären Gemeinschaft, die je nach persönlicher Sensibilität mehr oder weniger inklusiv ist.

Ein Gefühl der Sicherheit ist ohne dieses Zugehörigkeitsgefühl nicht möglich, und Frieden lässt sich langfristig nur schwer erreichen, wenn innerhalb der Gruppe nicht zumindest ein minimales Gefühl besteht, dass man bestimmte Werte und Eigenschaften teilt. Das ist der Daseinszweck der theoretischen Konstrukte wie Staaten, Kantone, Regionen und Gemeinden: Sie vereinen unter einem gemeinsamen Banner Individuen, die sich mehr oder weniger ähneln – manchmal nur sehr wenig –, und die, weil sie zum selben Ganzen gehören, zumindest in diesem Punkt übereinstimmen. Oft funktioniert dieses System unglaublich gut, die Schweiz ist dafür das perfekte Beispiel. Doch wenn sich eine Gruppe oder ein Individuum – aus objektiven oder subjektiven Gründen – ausgeschlossen fühlt, wenn es in seiner Gemeinschaft keine Sicherheit und Verwurzelung mehr findet oder wenn ihm diese nicht mehr garantiert werden, dann wird es darum kämpfen, sie wiederzuerlangen.

Deshalb sind sowohl ein allzu exklusiver Identitarismus als auch ein naiver Kommunitarismus Konfliktträger, und deshalb ist der Begriff des Selbstbestimmungsrechts der Völker – trotz der Unbeständigkeit der Definition des Begriffs »Volk“ und seiner in der Praxis nur sehr seltenen Anwendung – von wesentlicher Bedeutung, sofern ein demokratisches System besteht. Darauf dürfen die Einwohner von Moutier nach der Abstimmung stolz sein, trotz der unvermeidlichen Unzufriedenheit derjenigen, deren Meinung in der Minderheit liegt: Sie hatten die Möglichkeit zu wählen, während andere anderswo diese Möglichkeit nicht haben.

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