Wie das Medium «Le Peuple» ein Observatorium der RTS konzipiert hat
Raphaël Pomey, Chefredaktor des Mediums «Le Peuple». Foto: Thomas Masotti.
Mit Agora, dem Westschweizer Medium Le Peuple hat ein neuartiges Observatorium der Informationsproduktion von RTS ins Leben gerufen, das auf einer öffentlichen und reproduzierbaren Methodik beruht. Der Journalist Raphaël Pomey zeichnet die Entstehung, die Ergebnisse und die demokratischen Herausforderungen nach.
«Warum berichten die Zeitungen nicht über Agora? Das ist doch verrückt, was ihr da gemacht habt.» Diese Bemerkung haben wir in den Tagen nach dem Start des Observatoriums des Schweizer Radio und Fernsehens (RTS), das von dem Medium Le Peuple. Sie drückte Überraschung und Unverständnis aus: Wie konnte ein Projekt dieser Grösse, das es in der Westschweiz noch nie gegeben hatte, so wenig Reaktionen in der Medienwelt hervorrufen?
Agora basiert auf einer einfachen Idee: die systematische und wiederholbare Beobachtung der Nachrichtenproduktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das auf freiwilliger Basis entwickelte Tool analysiert automatisch Tag für Tag die wichtigsten Nachrichtensendungen des Radiosenders. Die Erste. Es handelt sich hierbei weder um ein Pamphlet noch um eine Absichtserklärung, sondern um ein Analyseinstrument. Der Ursprung dieses Instruments liegt übrigens in unserer internen Debatte über die Linie, die wir in Bezug auf die Zukunft der Rundfunkgebühren verfolgen sollen.
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Die Methodik dieser Plattform ist öffentlich (lesen Sie den Kommentar am Ende des Artikels). Der technische Rahmen, die Bewertungskriterien, die genauen Anweisungen an die künstliche Intelligenz (KI): Alles ist zugänglich, dokumentiert und überprüfbar. Jeder kann das System einsehen, seine Grenzen diskutieren - oder es nachbauen. Warum also so zurückhaltend?
Es wäre unehrlich, zu leugnen, dass Le Peuple bekennt sich zu einer konservativen Ausrichtung. In einer Medienlandschaft, in der Neutralität oft mit ideologischer Abgrenzung verwechselt wird, reicht dieses Etikett manchmal aus, um eine Initiative in Misskredit zu bringen. Doch das Thema verdient mehr als nur Reflexe: Es erfordert eine Überprüfung der Fakten. Agora hat ein ganzes Jahr lang 1588 Sendungen und fast 15.000 Segmente analysiert. Dabei wurden offen militante oder redaktionell gestaltete Sendungen wie z. B. «Genderfrage» - um nicht die Ränder, sondern den Kern der Informationsproduktion zu messen.
Die wichtigsten Erkenntnisse von Agora
Die Ergebnisse, die in dem unter agora.lepeuple.ch abrufbaren Bericht 2025 dargestellt sind, lassen mehrere wichtige Feststellungen erkennen.
Zunächst eine gute Nachricht: Die Rohinformation - Zeitungen, Nachrichtensendungen, faktenbasierte Berichterstattung - bleibt im Großen und Ganzen solide. Die professionellen Standards werden weitgehend eingehalten und die ideologischen Verzerrungen sind deutlich geringer als bei den interpretativen Formaten.

Punkt zwei ist beunruhigender: Einige Themensendungen weisen eine klar erkennbare, strukturelle ideologische Ausrichtung auf, die über die Zeit hinweg stabil ist. Es handelt sich hierbei nicht um punktuelle Ausrutscher, sondern um kohärente redaktionelle Linien.
Drittens zeigt die gesamte analysierte Produktion eine leichte links-progressive Neigung. Nichts Karikaturistisches, nichts Extremes - sondern ein regelmäßiger, konstanter, messbarer Trend.
Und hier ist der wichtigste Punkt für uns: Unsere Arbeit zeigt, dass die Pluralität der Standpunkte vor allem von den Gästen und weniger von den Journalisten selbst ausgeht. Das bedeutet, dass Widersprüche meist von außen eingebracht werden. Der redaktionelle Rahmen hingegen tendiert dazu, eine implizite, linksgerichtete ideologische Kohärenz zu fördern.
Schließlich hebt unsere Analyse hervor, dass die Emission «Hohe Frequenzen» ist diejenige, die ideologisch am stärksten links gefärbt ist - mehr noch als die anderen Inhalte von RTS, die sich mit religiösen Fragen befassen. Wenn man dies mit der relativen Neutralität der humoristischen Beiträge in Verbindung bringt, drängt sich eine seltsame Feststellung auf: Neutralität ist lustig, links sein ist heilig.
Ist das ein Skandal? Wir sollten vorsichtig sein: Ein öffentlicher Dienst ist kein neutrales Objekt im mathematischen Sinne des Wortes. Er ist das Produkt einer Kultur, eines Milieus und einer Geschichte. Aber gerade deshalb muss er beobachtet, hinterfragt und dokumentiert werden.
Agora ist kein Werkzeug gegen die RTS. Es ist ein Werkzeug für die demokratische Debatte. In einer offenen Gesellschaft ist die Transparenz darüber, was jedermann muss Die Bezahlung ist keine Bedrohung, sondern eine Voraussetzung für Vertrauen. Es wäre ein Fehler und eine illiberale Versuchung, jede Form der externen Bewertung im Namen der angeblichen Tugendhaftigkeit der Institutionen abzulehnen.
Wie geht es weiter?
Die von uns entwickelte Infrastruktur ist nicht auf die Analyse der RTS beschränkt. Sie kann mobilisiert werden, um andere Medien, spezifische Themen oder auch die Behandlung bestimmter Kreise oder Persönlichkeiten in den Printmedien, im Radio oder im Fernsehen zu untersuchen. Wir beabsichtigen, diese personalisierten Medienaudits künftig anzubieten, um unsere Tätigkeit zu unterstützen und zu verstetigen.
Die Schaffung einer eigenständigen Website, die unsere systematische Analyse von RTS «TV» wiedergibt - eines unserer mittelfristigen Ziele - würde je nach Umfang eine Investition von schätzungsweise 10 000 bis 15 000 Franken erfordern. Werden wir diese Summe in der jetzigen Phase, in der die Abstimmung über die Rundfunkgebühren bevorsteht, aufbringen können? Es ist unmöglich, dies zu sagen, aber wir werden stolz darauf sein, an einer Debatte teilgenommen zu haben, die auf Fakten und nicht auf Emotionen beruht.
Raphaël Pomey ist Gründer und Chefredakteur des Mediums Le Peuple.
Sie haben gerade einen frei zugänglichen Meinungsbeitrag gelesen, aus unserem Dossier «Welcher öffentliche Dienst?», das in unserer Printausgabe veröffentlicht wurde (Le Regard Libre N°123). Debatten, Analysen, Kulturnachrichten: abonnieren Sie zu unserem Reflexionsmedium, um uns zu unterstützen und Zugang zu all unseren Inhalten zu erhalten.
Die Arbeitsstifte
Das Agora-Team arbeitete mit den Sprachmodellen GPT-5.1, den neuesten Sprachmodellen von OpenAI. «Es ging darum, relativ lange Texte möglichst gut zu verstehen», erklärt Raphaël Pomey. Der Journalist sagt, er habe sich mit «Geeks» und «Ingenieuren» umgeben, die Mitglieder seines Vereins Le Peuple sind, ohne weitere Details zu nennen. J.F.
1 Kommentar
Die kritische Beobachtung eines öffentlich-rechtlichen Mediums ist natürlich legitim und kann eine nützliche Debatte anregen. Aber wenn man diesen Beitrag liest, sollten einige Punkte dennoch relativiert werden.
Erstens: Sich auf das «Volk» zu berufen und gleichzeitig eine konservative Ausrichtung zu beanspruchen, wirft bereits eine Ausgangsfrage auf. In einer Demokratie ist das Volk nie homogen, und keine politische Richtung kann vernünftigerweise behaupten, in seinem Namen zu sprechen.
Zweitens ist es in einem Land wie der Schweiz, dessen politisches Gleichgewicht historisch gesehen eher im Mitte-Rechts-Spektrum liegt, nicht sehr überraschend, dass kritische journalistische Arbeit manchmal als «progressiv» wahrgenommen werden kann. Das Hinterfragen der öffentlichen Politik und der Machtverhältnisse gehört ebenfalls zur normalen Rolle des Journalismus.
Schließlich stellt sich die Frage nach der Methode. Die Analyse bezieht sich hauptsächlich auf Radiosendungen von La Première, aber die Schlussfolgerungen scheinen dann auf «die RTS» als Ganzes ausgeweitet zu werden. Diese Verallgemeinerung erscheint etwas voreilig.
Zumal die akademischen Arbeiten über die Schweizer Medienlandschaft - insbesondere die Jahresberichte des Forschungszentrums für Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich - eher auf ein insgesamt pluralistisches und politisch relativ ausgewogenes Mediensystem hinweisen. Das bedeutet nicht, dass alles perfekt ist, aber es lädt zumindest dazu ein, diese Ergebnisse in einen größeren Rahmen zu stellen.
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