Die Uniform als Spiegel einer modernen Welt
Mithilfe von künstlicher Intelligenz erzeugtes Bild (ChatGPT)
Entgegen der landläufigen Meinung ist die Schuluniform weder ein autoritäres Überbleibsel noch ein rückwärtsgewandtes Symbol. Wie Jean-Claude Kaufmann zeigt, offenbart sie vielmehr unser empfindliches Gleichgewicht zwischen Gleichheit, Freiheit und kollektivem Sinn.
Die Schuluniform ist ein handgenähtes Paradoxon. In Europa wird sie wie ein Relikt aus einer anderen Zeit betrachtet, ein Überbleibsel einer Schule der Autorität und des Konformismus. Doch wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in L’uniforme scolaire (Die Schuluniform) (Armand Colin, 2025), ist sie keineswegs veraltet. In den meisten Ländern der Welt ist die Uniform weder ein Symbol für Ordnung noch für die Vergangenheit: Sie ist einfach normal. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Kontinentaleuropa ist eine Ausnahme.
Kaufmann zeichnet die Geschichte dieses Kleidungsstücks nach, das viel über die Gesellschaft aussagt. Die Uniform wurde nicht geboren, um zu disziplinieren, sondern um zu egalisieren. Ihre Entstehung geht auf die Charity-Schulen die in England Mitte des 16. Jahrhundert, unter anderem auf Initiative des Christ's Hospital in London. Diese Schulen nahmen Waisen und Kinder aus mittellosen Familien auf und hatten ein klares Ziel: die soziale Ausgrenzung durch Bildung zu verhindern. Sie boten ihnen einen schützenden Rahmen - ein Dach über dem Kopf, Mahlzeiten und eine gemeinsame Kleidung - und sorgten so für eine Art Gleichheit ab dem Eintritt in die Schule. Die Uniform entstand also aus einem Emanzipationsprojekt. Dieses Ideal ist auch der Grund für seine weltweite Verbreitung.
Brisantes Thema in Europa
Von Afrika bis Asien hat sie sich in den Sitten und Gebräuchen festgesetzt. In Japan beauftragen einige Schulen sogar Designer wie Armani, elegante und moderne Uniformen zu entwerfen. In den USA hatte Bill Clinton sie in den 1990er Jahren zu einem Instrument der Befriedung gemacht. Er glaubte, dass die Uniform ein Mittel sein könnte, um Spannungen zwischen Schülern abzubauen. Überall anders als bei uns schockiert das Tragen einer Uniform nicht. Im Gegenteil, es ist ein gewöhnlicher Marker des Schulalltags und keine Ausnahme.
Dennoch bleibt das Thema auf unserem Kontinent brisant. Die Debatte in Europa polarisiert sich sofort: Die einen loben die Disziplin, die sie symbolisiert, die anderen kritisieren sie als Angriff auf die Freiheit. Kaufmann sieht darin ein Paradoxon: Historisch gesehen waren es die Linken, die die Uniform unterstützten, im Namen der sozialen Gerechtigkeit und der Aufwertung der Schule als wichtigem Ort, an dem Wissen vermittelt wird. Heute ist es oft die Rechte, die sich ihrer bemächtigt. Die Linke hat die Seiten gewechselt.
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Die Schweiz ist ein Beispiel für das europäische Unbehagen, aber ohne die rhetorischen Spannungen, die anderswo zu beobachten sind. Im Jahr 2006 versuchte eine Basler Schule ein Experiment: 40 Schüler erhielten eine Uniform, die von einer lokalen Designerin entworfen worden war - Cargohosen, Kapuzenpullover, Mütze. Zu modern, zu sehr an das angelehnt, was die Kinder bereits trugen. Das Ergebnis war ein Misserfolg. Die Uniform hatte ihren Sinn verloren, da sie nicht den ästhetischen Code erfüllte, den jeder unbewusst erwartet: eine gewisse Feierlichkeit, eine ernste Ausstrahlung, eine Form von Eleganz. Der Fehler lag nicht im Prinzip, sondern im Schnitt.
Das ist die Raffinesse von Kaufmanns Analyse: Die Schuluniform ist mehr als nur ein Stück Stoff. Sie sagt etwas über unsere Beziehung zum Kollektiv aus und über die Bedeutung, die der Schule als einem Ort beigemessen wird, der sich vom Rest des Lebens unterscheidet. Kaufmann erinnert uns mit seinem Buch daran, dass die Uniform im Grunde weder rückwärtsgewandt noch avantgardistisch ist. Sie ist ein Miniaturlabor für unsere Widersprüche: zwischen Gleichheit und Unterscheidung, zwischen Zugehörigkeit und Freiheit.
Stellvertretender Direktor des Liberal Institute, Nicolas Jutzet ist Redakteur beim Freier Blick.
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Jean-Claude Kaufmann
L’uniforme scolaire (Die Schuluniform)
Armand Colin
August 2025
208 Seiten
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