Pierric Bailly, Länder der Faszination

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geschrieben von Quentin Perissinotto · 10. Oktober 2023 · 0 Kommentare

Mit Der Blitz, Pierric Bailly durchstreift erneut die Landschaften des französischen Jura, um Einsamkeiten, Schweigen und Liebesleidenschaften zu entdecken. Ein sehr guter Roman, der die Verzweiflung der Menschen angesichts des Unausweichlichen ziseliert.

Als John eines Abends zufällig in einer alten Zeitung blättert, bevor er sie in den Holzofen wirft, stellt er zu seinem Erstaunen fest, dass einer seiner Schulkameraden wegen Totschlags im Gefängnis sitzt. Er hatte einen Mann mit einem Brett erschlagen. Versehentlich, heißt es in dem Artikel. Diese Information wirft ihn völlig aus der Bahn. Gerade als er dachte, er hätte sich zumindest für die Zeit der Sommerfrische aus der Gesellschaft zurückgezogen, holt ihn der deutlich geschriebene Name seines ehemaligen Freundes brutal in die Realität zurück.

Ohne groß nachzudenken, schickt er eine Nachricht an die Frau des Mannes, um sein Mitgefühl auszudrücken. Er bereut es und ruft sie dann an. Schon bald treffen sie sich und sprechen über den Mord, den Alexandre begangen hat, darüber, was aus ihm seit der Schule geworden ist, über den bevorstehenden Prozess. John schwelgt in Erinnerungen an die Freundesgruppe, die sie waren, an die Verletzungen, die folgten, an die individuellen Lebenswege und die Brüche. Vor allem aber versteht er nicht, welche Rolle er in dieser Tragödie übernommen hat: Warum will er Nadias Vertrauter sein? Was will er ihr abnehmen? Soll er Alexander ersetzen? Soll er einfach eine Verletzung aus seiner Jugend rächen? Der Abgrund zwischen den Flanken des Col de la Faucille klafft weit auseinander und wird immer tiefer.

Sentimentale Verwurzelung und gesellschaftliche Entwurzelung

Ohne Ausschweifungen beschwört Pierric Bailly die Details des Alltags der Mittelschicht herauf, verwebt Banales mit Dramatischem, um einen tief verkörperten Roman hervorzubringen. Es ist das Buch einer Generation und einer Region, die sich gegenseitig prägen. Denn bei ihm geht es nie darum, sich unnötig in majestätischen Landschaften zu ergehen oder eine verklärte Natur zu schildern, sondern immer nur um die Menschen und die Natur, ihre Verbindungen und Einschnitte.

Pierric Baillys Schreiben ist keine kontemplative Pause, sondern eine Anhäufung von Schichten, sozialen und sensiblen. Und obwohl das Buch eine Fülle von Themen und Gesichtern aufweist (vom Kriminalroman bis zum Liebesroman, von der Abstammungsgeschichte bis zur psychologischen Analyse), ist es wichtig, sich vor allem mit dem Material zu befassen, das diese Romanwelt begründet: dem Ort.

Von Natur schreiben ronchon

Johns Verehrung für seinen Großvater, der ein lebendiges Andenken an die Almen ist, lässt den gesamten Haut-Jura entstehen, der eine eigenständige Figur des Romans ist. Wir entdecken taufrische Landstriche, dornige Bergmassive, die von donnernden Gewittern hin und her geworfen werden, Wäldchen, die von einer flüchtenden Gämse durchbrochen werden, aber auch die Abneigung des Erzählers gegen Touristen, die in seine Einsamkeit eindringen und ihn für eine lokale Sehenswürdigkeit halten. John, der ein guter Hirte ist, stellt sogar ein Warnschild vor der Hütte auf: «Kein Trinkwasser, untrinkbarer Hirte».»

«Das sollte ich ihnen sagen, wenn sie mich fragen, was am schlimmsten ist: die Kälte, der Regen, die Gewitter, die Einsamkeit? Es liegt an dir, es liegt an euch, es liegt an all den Leuten, die mir auf die Nerven gehen.»

Diese urkomischen Seitenhiebe verleihen der Erzählung eine gewisse Höhe und entziehen sie der reinen Naturbeobachtung, indem sie verhindern, dass sie in die Klischees der Schäferliteratur abrutscht. Durch den Schäfer als Erzähler verleiht Pierric Bailly dem Text eine reflexive, oder besser gesagt, eine herausfordernde Dimension: Er wendet sich an den Leser, um ihn mit seinen städtischen Verhaltensweisen zu konfrontieren und ihn daran zu erinnern, dass die ländliche Welt nicht dazu berufen ist, phantasiert oder mythisiert zu werden. ist, ...einfach so.

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Diese Aussage stand auch im Mittelpunkt von Blaise Hofmanns Erzählung Sommerweide, Darin ging es um den Alltag und die scharfen Reflexionen eines Schäfers, der einen Sommer lang eine Schafherde betreute. Der Schweizer Autor entlarvte die Mythen der ländlichen Schweiz und stellte die Frage nach der Dysneylandisierung der Alpen sowie der exotische Charakter, der den ländlichen Berufen in den Bergen zugeschrieben wird. Das Misstrauen der Einheimischen gegenüber den Siedlern in Wanderschuhen ist keine literarische Neuheit, doch unter der Feder von Pierric Bailly nimmt es die Züge einer schadenfrohen Anklage an.

Der Blitz, Hinter dem Nebel des sozialen Dramas und der unmöglichen Leidenschaft ist ein wunderschöner, nüchterner Roman, der die Schwierigkeit beschreibt, einfach und zutiefst menschlich zu sein.

Schreiben Sie dem Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com

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Pierric Bailly
Der Blitz
P.O.L
464 Seiten
August 2023

Quentin Perissinotto
Quentin Perissinotto

Kundenberater und Schriftsteller, Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker für Le Regard Libre.

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