Das unheimliche Verschwinden des Lesers

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geschrieben von Quentin Perissinotto · 13. Dezember 2024 · 0 Kommentare

Pauline Toulet liefert einen skurrilen und die literarische Welt kritisierenden Debütroman, in dessen Mittelpunkt eine verrückte Figur steht, die mehr auf Marabus steht als auf ihre Zeit. Der es jedoch nicht geschafft hat, mich in seinen Bann zu ziehen.

Anatole Bernolu, ein junger Anthropologieforscher, hat Schwierigkeiten, einen Job zu finden, als seine Arbeitsvermittlerin ihm einen Job vermittelt, der wie für ihn gemacht ist, wenn auch etwas fernab der akademischen Welt: Verlagsassistent in einem Verlagshaus. Doch anstatt sich damit zu begnügen, die von ihm betreute Reihe «Bien-Etre et Psychologie» zu betreuen, erzählt er der Verlegerin von seinem Manuskript. Traurige Geschäfte, Anatole ist ein Essay, der beweisen soll, dass Claude Lévi-Strauss ein Serienmörder war und seine gesamte Karriere durch die Ermordung von Rivalen aufgebaut hat. Man versteht also sehr schnell, dass Anatole nicht nur im Leben etwas verkorkst ist, sondern auch völlig extravagant und wahnwitzig.

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Ein Roman mit Schubladen, die man in den Schrank stellen kann

Pauline Toulet legt dem Leser ein vielschichtiges Buch vor, das abwechselnd ein Bildungsroman, ein burlesker Scheinkrimi und eine Universitätssatire ist, mit einem schrägen Ton und fantasievoller Ironie. Doch trotz all dieser schönen Versprechungen ließ es mich auf der Strecke. Ich blätterte die Seiten um und anstatt zu sehen, wie sich die Szenen aneinanderreihen, sah ich sie vorbeiziehen und die Handlung ausfransen. Die Figur Anatole ist mir nie ans Herz gewachsen, ich habe sie verfolgt, als hätte ich sie durch die beschlagene Scheibe eines Bistros gesehen. Von dieser Literatur habe ich nichts gerochen, nichts geschnuppert, nichts erlebt. Nur ausgehalten.

Ich habe gelesen Anatole ist verschwunden Es ist wie ein Big Mac nach dem Sport: Es füllt auf, aber es bleibt nicht viel im Mund. Es ist ein Roman, den man aus Hunger liest, nicht aus Appetit. Das liegt an der Voice-over-Erzählung, die mehr beschreibt als zeigt, die geheimnislos kommentiert und so Anatole ständig auf Distanz hält, sodass der Leser sich nicht wirklich für diese Figur interessieren kann und gezwungen ist, nichts weiter als ein Schaulustiger zu sein. Alle Szenen werden als bereits kommentiert geliefert: Ich hatte das Gefühl, eine schlüsselfertige Geschichte mit Gebrauchsanweisung vor mir zu haben. Wenn Anatole Bernolu tatsächlich verschwunden ist, kann man nicht davon ausgehen, dass ich mich auf die Suche nach ihm mache.

Schreiben Sie dem Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com

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Pauline Toulet
Anatole Bernolu ist verschwunden
Le Dilettante
August 2024
256 Seiten

Quentin Perissinotto
Quentin Perissinotto

Kundenberater und Schriftsteller, Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker für Le Regard Libre.

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