Kino Freiheit im Ziel

In der Schweiz werden keine Filme für das Publikum gedreht

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geschrieben von Jocelyn Daloz · 02. Juli 2026 · 0 Kommentare

Ohne öffentliche Fördermittel gäbe es den Schweizer Film nicht. Es ist daher berechtigt, sich zu fragen, nach welchen Kriterien die Projekte ausgewählt werden und welche tatsächlichen Auswirkungen die ausgewählten Projekte haben.

«Ich werde niemals den Publikumspreis gewinnen, weil das Publikum meine Filme hasst. Was nicht verwunderlich ist, da ich keine Filme für das Publikum mache.» Mit seinem messerscharfen Deutschschweizer Akzent, seinem snobistischen Penner-Look und seinen schielenden Augen bringt Tommy Küng die Redaktion von «52 Minuten», der Satiresendung der beiden Vincents im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, regelmässig zum Lachen, bis die Tränen kommen. Diese Figur des Vincent Kucholl ist ein Konzentrat aus Klischees eines Autorenfilmregisseurs: pedantisch, versunken in der abgeschotteten Welt einer kulturellen Elite, die sich dafür auf die Schulter klopft, keine «Unterhaltung», sondern «Kunst» zu machen. Nabelschau, die an intellektuelle Selbstbefriedigung grenzt, wie Tommy Küng es zweifellos sagen würde. Im umgangssprachlichen Französisch nennt man das „intellektuelle Selbstbefriedigung“.

Die Karikatur ist gnadenlos, aber ist sie deshalb falsch? Der Solothurner Filmpreis 2026 wurde an Nicolas Wadimoff für einen Dokumentarfilm von minimalistischer Nüchternheit verliehen: Überlebende aus Gaza berichten vor schwarzem Hintergrund von der Hölle, die sie überstanden haben, und vom Verlust so vieler ihrer Angehörigen, während sie mit weisser Farbe eine Karte des Gazastreifens zeichnen. Zu seiner Entscheidung, keinerlei Kriegsszenen zu zeigen, erklärt der Regisseur: «Es gibt dennoch etwas, das über Worte hinausgeht und dem Kino eigen ist: die Erfahrung der Vermittlung durch eine Person, die zu uns spricht, die ihre Stimme und ihr Schweigen hörbar macht. Man kann diese Schweigen nicht lesen, aber man kann sie filmen.»

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Der Filmfan in mir stimmt dem voll und ganz zu und erkennt ohne Weiteres die Kraft dieses herzzerreissenden Films an. Aber wie kann man sich wundern, dass eine solche künstlerische Entscheidung nicht gerade die Kinokassen sprengen kann?

Welche Bedeutung hat das für den Schweizer Film?

Im Allgemeinen scheinen die Zusammenfassungen der an den Solothurner Filmtagen ausgewählten Filme so verfasst zu sein, dass sie den Juroren grosser Festivals und den Abonnenten der «Cinémas du Grütli» oder der Cinémathèque suisse gefallen: «die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen vor dem Hintergrund der Klimakrise», «ein filmisches Experiment, das auf Online-Bewertungen und Kommentaren basiert», «Wo verläuft die Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit?»…

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Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage, sieht in den hohen Besucherzahlen des Festivals einen Beweis für die Relevanz des Schweizer Kinos. Doch abgesehen von der Begeisterung für Filmfestivals, die bereits in einer früheren Kolumne angesprochen wurde, muss man feststellen, dass die Bedeutung der Schweizer Filme damit auch schon endet: Ihr Marktanteil an den nationalen Kinos beträgt lediglich 9%, ein Wert, der zu den niedrigsten in Europa zählt: Deutsche Filme machen in Deutschland 20% des Marktanteils aus, französische 44,4%. Auch von Dänemark wird die Schweiz deutlich übertroffen, wo einheimische Filme im Jahr 2025 für 40% der verkauften Kinokarten verantwortlich waren.

Die Höhe der staatlichen Fördermittel in der Schweiz entspricht jedoch in etwa der in Dänemark gewährten Summe, nämlich rund 30 Millionen Euro in Kaufkraftparität.

Das dänische Kino richtet sich auch an ein breites Publikum

Zwar gibt es strukturelle Unterschiede, die dieses Ergebnis teilweise erklären: Die Schweiz ist in verschiedene Sprachräume und damit in ebenso viele Märkte aufgesplittert, in denen Schweizer Produktionen der Konkurrenz aus Frankreich, Deutschland und Italien ausgesetzt sind, während Dänemark dem skandinavischen Wettbewerb weitaus weniger ausgesetzt ist.

Allerdings lässt sich aus diesen Zahlen auch ein strategischer Unterschied ablesen: Dänemark räumt der Förderung der Filmkunst innerhalb der eigenen Bevölkerung einen hohen Stellenwert ein, während das Ziel der internationalen Verbreitung von Filmen in der Schweiz bei den Auswahlkriterien stark ins Gewicht fällt. Mit „international“ ist gemeint: auf den Festivals, auf denen sich die Tommy Küngs dieser Welt tummeln.

Dänemark verfügt über ein spezielles Förderprogramm für Mainstream-Filme, «die fesseln, weil sie eine populäre Geschichte erzählen oder einem vertrauten Genre angehören». Im Gegensatz dazu macht bei den Bewertungskriterien des Bundesamtes für Kultur die «Fähigkeit, das Schweizer und internationale Publikum zu erreichen» nur 20% der Endnote eines Filmprojekts aus. Das bedeutet so viel wie: Der Bund stimmt Tommy Küng zu: In der Schweiz macht man kein Kino für das Publikum.

Jeden Monat unsere Filmkritik Jocelyn Daloz erforscht die siebte Kunst in ihrem sozio-historischen Kontext.

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