Im Café, ein Durst nach Gesellschaft

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geschrieben von Loris S. Musumeci · 17. Februar 2019 · 0 Kommentare

Le Regard Libre Nr. 46 – Loris S. Musumeci

Das Museum für Kunst und Geschichte Freiburg (MAHF) präsentiert eine außergewöhnliche Ausstellung. Zwar zeichnet sich die Institution generell stets durch eine sehr hohe Qualität ihrer Arbeit aus, doch erreicht sie hier den Gipfel des Erfolgs, indem sie den Besuchern einen emotionalen Aspekt ihres Alltags näherbringt, nämlich das Café als Ort der Begegnung. Zwischen Geschichte, Reflexion, Unterhaltung und Kunst: «Im Café – Durst nach Gesellschaft». Auf keinen Fall verpassen, noch bis zum 17. März 2019 (praktische Informationen am Ende des Artikels).

Das Café hat für jeden eine andere Bedeutung. Zum einen, weil es jeden anspricht, vom Baby bis zum alten Menschen. Das Kind begleitet seine Mama nachmittags in ein Café, wo es – Gott sei Dank! – einen Bereich gibt, der für es geeignet ist. Während Mama sich mit ihren Freundinnen unterhält – oft ebenfalls Mütter, die die Kleinen zusammenbringen, damit sie miteinander spielen und sie ein bisschen in Ruhe lassen –, sitzt das Kind an einem niedrigeren Tisch in einer Ecke des Lokals, geschmückt mit bunten Malereien oder sogar Maskottchen des Lokals – Jamadu, ohne Werbung machen zu wollen, sagt euch das etwas?

Es stehen ein paar Holzklötze bereit, aus denen der kleine Junge später einmal Maurer werden soll. Meistens gibt es auch ein paar Bücher, aus denen ein anderes, weniger wohlerzogenes Kind Seiten herausgerissen hat. Aber das Drama beginnt erst, wenn der Puzzle Ein Teil fehlt. Hat es vielleicht jemand zwischen zwei Schlucken Grenadinesirup verschluckt? Wenn sie genug von den vorbildlichen Kinderspielen haben, spielen die Unruhigsten eine Runde Verstecken oder Fangen.

Alles läuft gut, bis diese hier anfangen zu schreien und die Omas stören, die in großer Runde zum Tee gekommen sind. Da steht eine Mutter auf, brüllt einmal ordentlich los, und schon kehrt wieder Ruhe ein. Allerdings nicht für lange, denn es ist Zeit für den Nachmittagssnack: Man bestellt ein Milchbrötchen, das zweifellos von den Müttern verputzt wird, deren Kinder den Hunger vergessen haben, sobald das Spielen wieder im Vordergrund steht.

Ein Ort für alle Altersgruppen

Das Café beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Kindertagesstätte; als Teenager ist es nach der Schule ein guter Ort, um binch mit den Freunden, das uns erwartet. Sobald man ins Berufsleben eingetreten ist, erfrischt man sich nicht nur nach der Arbeit mit einem Bier, bevor man sich wieder in den Trubel des Familienlebens stürzt, sondern man ist – aus Gründen der Würde! – dazu verpflichtet, morgens auf einen Kaffee vorbeizuschauen und die Zeitung zu lesen. Und auch wenn man mittlerweile Le Matin auf seinem Smartphone, warum sollte man eine gute Gewohnheit ändern? Schließlich trinkt man seinen Kaffee doch an der Theke, wobei man mit einem Auge auf den Bildschirm schaut und mit dem anderen das Kommen und Gehen der Kellnerinnen und der anderen Gäste beobachtet.

Die älteren Menschen hingegen gehen ins Café, um sich die Zeit zu vertreiben. Allein kommt der Rentner hierher, um das Leben und die Geschäftigkeit zu genießen, die im Laufe der Zeit aus seiner Wohnung verschwunden sind. In Gesellschaft spielt die ältere Generation Karten und unterhält sich – nicht ohne Nostalgie – über die guten alten Zeiten. Doch im Café treffen nicht nur Menschen aller Altersgruppen aufeinander, sondern auch alle sozialen Schichten. Die stark verschmutzte Latzhose des Arbeiters mischt sich unter die ordentlich gebundenen Krawatten der Versicherungsvertreter; und die mit Zement verschmierten Arbeitsschuhe unter die gut geputzten Mokassins. Trotz der Unterschiede haben alle Durst, einen Durst nach Gesellschaft.

Eine umfassende und lebendige Ausstellung

Um auf die Ausstellung selbst zurückzukommen: Dass sie diese Eindrücke rund um das Café – einen Ort für alle und von allen – so perfekt vermittelt, liegt daran, dass sie das Ergebnis einer umfassenden und beachtlichen Arbeit ist. Unter der Leitung von Verena Villiger, der Direktorin des MAHF, wurde der Ausstellungsraum in den drei Sälen des Museums gestaltet und in acht Abschnitte unterteilt, die jeweils den vielfältigen Facetten des Cafés gewidmet sind. Zudem begnügt sich die Ausstellung nicht damit, einfach nur Objekte zu zeigen, sondern hebt diese durch einfache Erläuterungen und eine Anordnung hervor, die dem Eindruck entspricht, den sie vermitteln möchte.

© Indra Crittin für Der freie Blick

Die Wände sind mit Fotos, Zeichnungen und Gemälden geschmückt, aber auch mit ausgefalleneren Kunstobjekten wie senkrecht stehenden Tischen oder Krawatten, auf denen verschiedene Freiburger Bistros abgebildet sind. Und natürlich gibt es auch ein Jukebox, alte Kisten, Aschenbecher, Tische, Stühle, Geschirr und viele weitere Gegenstände. Eine interaktive Projektion, die sich über die gesamte Fläche einer großen Wand erstreckt, zeigt eine Karte von Freiburg aus dem Jahr 1606, auf der der Besucher von einem Gasthaus zum nächsten wandern kann. Fast hätte ich die Musik vergessen: Man kann sich einige Titel des Freiburger Chansonniers und Kabarettisten Max Folly anhören. Ein Bad in Geschichte und Unterhaltung. Einfach genial!

Die ausgestellten Werke vermitteln schließlich eine ganz eigene Atmosphäre. Die Flaggen der Landwehr oder das offizielle Porträt von General Guisan versetzen uns zurück in eine längst vergangene Zeit. Gleiches gilt für die Würdigungen der großen Freiburger Gastwirte, darunter die der großartigen Marie-Rose Holenstein, Wirtin am Gotthard. Auch die Zeitungen haben ihren Platz: Sie spiegeln die parteipolitischen Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Progressiven wider. Die Werbeplakate hingegen regen zum maßlosen Alkoholkonsum an oder mahnen im Gegenteil dazu, sich vor Trunkenheit zu hüten und sich stattdessen mit einem guten Apfelsaft zu begnügen.

Das künstlerische Schaffen in den Cafés wird insbesondere durch Jacques Chessex verkörpert, dem ein Foto besondere Ehre erweist, sowie durch Jean Tinguely, einen Meister der Stimmungsgestaltung, dessen Gemälde mehrfach Szenen aus dem Leben in dem einen oder anderen Schweizer Lokal darstellen. Und wie bewegt war ich, als ich, der ich aus Sédun stamme, entdeckte, dass das Gemälde, das als Plakat für die Ausstellung diente, einen Mann im legendären Café du Boulevard in Sion darstellte! Und ich kann Ihnen versichern, dass wirklich jeder Besucher ein Objekt oder einen Ort finden wird, mit dem ein Stück seines Lebens verbunden ist.

Wurde ich etwa bestochen, um so viel Begeisterung für die Ausstellung zu zeigen? Ganz sicher nicht. Ich liebe einfach Cafés, genau wie ihr alle; und wenn ein Team ihnen eine solche Hommage widmet, kann man sich dem nur anschließen. Umso mehr, als der Besuch zwar einen Hauch von Nostalgie versprüht, selbst angesichts einer Zeit, die wir nicht erlebt haben, so lässt sie durch die fröhliche Atmosphäre und die Fülle an Kreativität erkennen, dass nichts verloren ist und dass die Cafés trotz aller Veränderungen noch lange nicht aussterben werden und so lange bestehen bleiben, wie es Durst gibt, solange es Gesellschaft gibt.

Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Indra Crittin für Le Regard Libre


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