Die künstlerische Interpretation – ein weiteres Opfer unserer Zeit
Amanda Gorman recites her inaugural poem, "The Hill We Climb," during the 59th Presidential Inauguration ceremony in Washington, Jan. 20, 2021. President Joe Biden and Vice President Kamala Harris took the oath of office on the West Front of the U.S. Capitol. (DOD Photo by Navy Petty Officer 1st Class Carlos M. Vazquez II)
Le Regard Libre Nr. 73 - Jonas Follonier
Drei aktuelle Ereignisse verdeutlichen, wie viel Schaden das der derzeitige Identitätswahn nicht nur in gesellschaftliche Debatten, sondern auch in Kunst und Kultur. Ein kurzer Rückblick auf die wichtigsten Nachrichten. Am 20. Januar 2021, anlässlich der Amtseinführung von Joe Biden als neuem Präsidenten der Vereinigten Staaten, trug die 22-jährige Dichterin Amanda Gorman ein selbst verfasstes Gedicht vor, das ebenso viele Emotionen wie Presseartikel hervorrief. In diesem Gedicht mit dem Titel Der Berg, den wir erklimmen Die junge Künstlerin, die zur Versöhnung innerhalb der amerikanischen Bevölkerung aufrief, bezeichnete sich selbst als «dünnes schwarzes Mädchen, Nachfahrin von Sklaven und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen» – eine Hervorhebung ihrer Lebensumstände, die Anklang bei der Protestbewegung fand Black Lives Matter. Ab dem 21. Januar machten sich Verlage auf der ganzen Welt auf die Suche nach den besten Talenten, um das Gedicht zu übersetzen.
Nun hat die Aktivistin Janice Deul in den Niederlanden in einem Gastbeitrag geschrieben, dass die Wahl der jungen und brillanten Autorin Marieke Lucas Rijneveld für die niederländische Übersetzung des Gedichts von Amanda Gorman eine «verpasste Gelegenheit» gewesen sei: man hätte sich besser für eine junge schwarze Übersetzerin. Der Grund? «Die Leistungen und Qualitäten von Schwarzen werden nur sporadisch oder gar nicht gewürdigt. Schwarze Frauen werden zudem systematisch an den Rand gedrängt.» Interessant ist, dass die Wahl von Marieke Lucas Rijneveld bereits von Amanda Gorman gelobt worden war – nicht nur wegen ihres Genies, sondern auch, weil sie sich für sexuelle Minderheiten einsetzt und sich selbst als nicht-binär (weder Mann noch Frau) definiert. Ich persönlich kenne nur eine einzige relevante Einheit, die kleinste und edelste «Minderheit», die es gibt: das Individuum, das mit seinen Mitmenschen seine menschliche Natur teilt. Aber lassen wir das…
Drei Tage nach der Veröffentlichung des Gastbeitrags von Janice Deul gab der Übersetzer bekannt, dass er zurücktrete. Die Kontroverse erfasste die ganze Welt. Dem katalanischen Übersetzer Victor Obiols wurde daraufhin mitgeteilt, dass sein Verleger ihn entlassen werde. Der Verlag erklärte, er suche ein anderes Profil: «Eine Frau, jung, Aktivistin und vorzugsweise schwarz.» (sic!).
Abgesehen davon, dass die Einstufung von Menschen nach ihrer Hautfarbe Rassismus gleichkommt, zeigt diese Art der Auswahl von Übersetzern nach ihrer Herkunft und anderen Merkmalen als der Leistung (Jugend, Aktivismus) ein völliges Unverständnis dessen, was Übersetzen eigentlich ausmacht, nämlich sich in die Haut und den Geist des anderen hineinzuversetzen, ohne dabei’da nicht der andere. Schon allein wegen seiner Muttersprache…
Die zweite Meldung betrifft das humoristische Video der Westschweizer Komikerin Claude-Inga Barbey, das von Die Zeit, die von einigen LGBT-Gruppen als transphob eingestuft wurde. Hier wird – bewusst oder unbewusst, beides ist erschreckend – eine Schauspielerin mit ihren Rollen (eine Psychologin und eine Transfrau) verwechselt, für die sie übrigens Zuneigung empfindet, und das merkt man auch…
Und schließlich die bedauerliche 46. Die César-Verleihung am 12. März dieses Jahres, bei der sich die Schauspielerin Corinne Masiero aus Solidarität mit den freischaffenden Künstlern vollständig entblößte und mit blutroter Farbe übergossen war, markiert ebenfalls das Ende des Schauspielerberufs als geschützter Bereich, der vom Zeitgeist unberührt bleibt. Man muss nun seine Individualität betonen, eine Opferrolle einnehmen und jammern, wenn möglich inmitten einer exklusiven Clique. Bedeutet es nicht gerade, ein Künstler zu sein, vielmehr, viele Welten zu erschaffen?
Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com
Fotokredit: Wikimedia CC 2.0
Lesen Sie dazu auch in diese Nummer Zu diesem Thema: der Gastbeitrag von Max Lobe und der Gegenkommentar von Diana-Alice Ramsauer und Indra Crittin
Einen Kommentar hinterlassen