«Les Nouvelles Eves»: Eine Doku, ohne (m)ein Ei zu zerbrechen

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geschrieben von Fanny Agostino · 26. Januar 2022 · 0 Kommentare

Mittwochs im Kino - Fanny Agostino

Wie sieht der Alltag der Frauen in der Schweiz ein Jahr nach der feministischer Streik im Juni 2019? Welche Herausforderungen müssen sie fünfzig Jahre nach der Einführung des Wahlrechts bewältigen? Diese Frage stellten Judith Lichtnecker und Liliane Ott einer Gruppe von sechs Schweizer Regisseurinnen. Das Ergebnis ist angesichts des hochgesteckten Ziels eher ungeschliffen. Die neuen Evas: Ein Dokumentarfilm, der unter dem Deckmantel guter Absichten seine Botschaft in einem Wirrwarr von Allgemeinplätzen untergeht.

Es sind insgesamt sechs Frauen, die in der Schweiz leben: Cosima, Sophie, Sela, Delphine, Naima und Valeria. Sie kennen sich nicht und leben in verschiedenen Sprachregionen. Die eine ist noch ein Kind, die andere eine junge Rentnerin. Die eine ist Professorin an der Universität Lausanne, die andere versucht verzweifelt, sich endgültig in der Schweiz zu integrieren und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Was haben sie gemeinsam? Sie sind alle Frauen… Reicht das wirklich aus?

Man fragt sich wirklich, was die Regisseurinnen wohl in den Kopf gekommen ist, als sie sich an dieses überraschende Projekt wagten. Ehrgeiz? Eine Neigung zum Größenwahn? Leider wird sich unsere böse Vorahnung nur bestätigen.

Sechs Leben, sechs Regisseurinnen

Zunächst müsste man mit einem Glauben, einem Mythos aufräumen, der offenbar nach wie vor in der kollektiven Vorstellung verankert ist. Ein Dokumentarfilm besteht nicht in dem verworrenen Vorhaben, «einen Ausschnitt aus dem Leben zu filmen». Es reicht nicht aus, eine Kamera vor eine Person zu stellen, ihr ein paar Anweisungen zu geben, damit sie sich richtig positioniert, und sie dann in einen Monolog zu versetzen, um «einen Dokumentarfilm zu drehen». Doch gerade angesichts dieser Feststellung Die neuen Evas hinterlassen. Dem Spielfilm fehlt jeglicher Standpunkt, jegliche künstlerische Note. Diese Leere macht die Handlung so banal, dass sie kaum spannender ist als ein Abend, an dem uns die Depression überkommt. Wenn man in der Dämmerung der Langeweile einen Pakt mit dem Teufel schließt, ohne es sich einzugestehen. Wenn man sich in einem Moment der Trägheit passiv von einer Staffel von «Bye bye la Suisse» auf RTS einlullen lässt.

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Dieses Fehlen eines echten Schwerpunkts scheint uns auf eine weitere fragwürdige Entscheidung zurückzuführen zu sein, nämlich die, die Co-Regie des Dokumentarfilms sechs Personen zu überlassen. Tatsächlich wird die Geschichte jeder Frau einer anderen Regisseurin anvertraut, und das macht sich bemerkbar. Dem Film fehlt es an Kohärenz; es gibt keinen roten Faden, der es dem Dokumentarfilm ermöglichen würde, sich abzuheben und ein homogenes Ganzes zu bilden.

Ein Dokumentarfilm mit Thesen, der ins Wasser fällt

Während meines Studiums der Filmgeschichte gehörte eine der ersten filmischen Erfahrungen, mit denen ich mich beschäftigen durfte, dem russischen Kino an. Es handelte sich um eine Beobachtung eines sowjetischen Regisseurs. Der Kuleshov-Effekt – oder kurz „K-Effekt“, wie er unter Insidern genannt wird – verdeutlichte die Fähigkeit des Zuschauers, dank des Schnitts zwischen zwei Einstellungen einen Sinnzusammenhang herzustellen. Kurz gesagt: Eine erste Einstellung zeigt einen Schauspieler, der mit neutralem Gesichtsausdruck in die Kamera blickt. Anschließend wird dieser Standbildaufnahme eine der folgenden drei Einstellungen hinzugefügt: Eine zeigt eine auf einem Sofa liegende Frau, eine andere einen Teller Suppe und die letzte ein Kind in einem Sarg. Die Zuschauer, die eine der drei genannten Sequenzen gesehen hatten, interpretierten die gesamte Emotion des Schauspielers unterschiedlich: als Verlangen, Hunger oder Traurigkeit. Lev Kuleschow konnte sich daraufhin über die Kraft des Mediums Film wundern, die seiner Meinung nach in der Überzeugungskraft des Schnitts lag.

Seltsamerweise kam mir der K-Effekt in einer der letzten Sequenzen des Dokumentarfilms wieder in den Sinn. Während sich jede Einzelsequenz allmählich dem Ende zuneigt, zeigt der Film Rushs aufgenommen am 14. Juni 2019 während des Frauenstreiks. Diese Einstellung untermauert die Werbebotschaft des Dokumentarfilms, die sich um die «Heldinnen des Alltags» dreht – aus einer feministischen Perspektive, in der sie als «vom Frauenstreik getragen» betrachtet werden. Dennoch werden die Protagonistinnen nie zu diesem Thema befragt. Lediglich die deutlichen Andeutungen der Kamera – zum Beispiel, wenn Cosima und ihre Freundinnen „Indianer und Cowboys“ spielen – verweisen auf die Lebensumstände jeder dieser Frauen.

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Nach einer langen, eintönigen und langweiligen Reise, Die neuen Evas bringen eben nichts Neues. Dabei sind die Leben dieser verschiedenen Frauen keineswegs uninteressant. Sie machen echte gesellschaftliche Probleme wie Rente, Integration, aber auch Einsamkeit sichtbar. Musste man unbedingt Verbindungen herstellen, die in Bezug auf die Situation der Frauen oberflächlich wirken? Eine Feststellung drängt sich auf: Der Dokumentarfilm ist keine Form im Dienste des Zeitgeistes, sondern dessen Barometer.

Schreiben Sie der Autorin: fanny.agostino@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Emilia Productions

Fanny Agostino
Fanny Agostino

Fanny Agostino ist Lehrerin und schreibt Filmkritiken sowie Artikel über Geschichte und Musik für Le Regard Libre. Sie ist außerdem für die Rubrik Cinéma mitverantwortlich.

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