«Loin de Douala» - und Sie vermissen Afrika
OLYMPUS DIGITALKAMERA
Die Westschweizer Briefe vom Dienstag - Loris S. Musumeci
Roger will boza. Das heißt, er will nach Europa auswandern. Der junge Kameruner hält es in Douala nicht mehr aus. Er träumt vom Fußball, er träumt von der Freiheit. Der Junge sieht bei den Mädchen gut aus und ist ein ausgezeichneter Spieler mit dem Ball. Aber die Schule interessiert ihn nicht: Dort ist er einfach nur schlecht. Eine Schande für die Familie. Zum Glück rettet der kleine Bruder Jean den Tag, denn er ist ein brillanter Schüler. Mit Mädchen und Bällen hat er jedoch keinen Erfolg.
Es ist nicht nur die Liebe zum Fußball, die Roger dazu bringt, für immer zu gehen, er hasst auch seine Mutter. Sie tobt gegen ihn und schlägt ihn brutal. Eigentlich hat sie nur Augen für ihren «Choupinours» Jean, was die Eifersucht zwischen den Brüdern schürt. Das einzige Familienmitglied, mit dem ein wenig Freundschaft möglich ist, ist der Vater. Dieser stirbt jedoch unter der Passivität seiner bigotten Frau, die lieber betet, als Hilfe zu rufen. Zu viel ist zu viel. Adieu, Douala. Roger wird vermisst. Jean macht sich mit seinem Cousin Simon, der ein Beispiel für Mut ist, auf die Suche nach seinem Bruder. Das Abenteuer durch ein Kamerun, das unter den Anschlägen leidet, beginnt.
Vom mündlichen Stil zum Humor
Max Lobes Schrift ist gut gefüllt. Der Schriftsteller versteht es, längere Erzählabschnitte und Pausen miteinander zu verbinden. Er bleibt bei Details oder kostbaren Momenten stehen. Ein zu scharfes Gericht, die Brust eines Mädchens, ein bunter Lendenschurz. Der mündliche Stil ist Teil der Vorliebe des Autors für Pausen. Die Ausdrücke in einem ganz afrikanischen Französisch verleihen dem Roman einen realistischen, aber vor allem komischen Touch.
Dennoch ist der Humor nie spöttisch. Er weist mit Zärtlichkeit auf die Lächerlichkeit kamerunischer Sprachticks hin, ohne sie abzuwerten. Es ist die Sprache des Landes. Mit ihrer langsamen, wenn auch unruhigen Phrasierung. Und der Slapstick hat seinen Platz. Lachen und Lachen! Jean und Simon treffen auf dem Weg zu ihrem «Bruder-Cousin» eine schöne und attraktive Frau, die sich als Mann entpuppt. Die Reaktion der beiden Jugendlichen ist einfach köstlich. «Die tiefe Stimme der jungen Frau lässt keine Zweifel offen. Sie ist eine Transe.»
Sie vermissen Afrika
Im Laufe der Reise wird es immer angenehmer, das Land zu entdecken. Der größte Verdienst des Films besteht darin, dass er nicht in eine Kamerun-Show um jeden Preis umschlägt. Das Abenteuer ist frei von jeglicher dokumentarischer Anmutung. Der Leser kann sich von Seite zu Seite, von Stadt zu Stadt, an den Persönlichkeiten des Ortes erfreuen und an den Missgeschicken, die einen ernsten Aspekt annehmen.
Obwohl sich der Roman leicht lesen lässt, bringt Max Lobe die ernste und tragische Seite der Dinge teils richtig, teils übertrieben auf den Punkt. Wenn der Autor das Bild einer korrupten Gesellschaft zeichnet, hält er die Katastrophe in Grenzen; seine Kritik ist also weder ideologisch noch grundlos. Die Erwähnung von Boko Haram passt gut zum Abenteuer von Jean und Simon, die eine sich verändernde Gesellschaft entdecken.
Wo der Autor vielleicht einen Missbrauch begeht, sind die Fragen der familiären und der sexuellen Identität. Es ist anzumerken, dass er in die Sackgasse der psychologisierenden Erklärungen gerät; alles hat einen Sinn, der unbedingt erzählt und dem Leser in einer so einfach erscheinenden Logik wiederholt werden muss. Dennoch ist das Lesevergnügen garantiert. Ein Mal Weit weg von Douala auf dem Tisch liegt, dass Sie Afrika schon vermissen.
«Aber auf einmal hören wir Schüsse. Und alle legen sich hin. Stille. Angst und Schrecken. Heilige Mutter Gottes! Wo ist Simon geblieben? Ich drehe meinen Kopf nach links, nach rechts. In meinem Herzen rezitiere ich: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.. Dann versuche ich, mich an den Koranvers zu erinnern. Ich habe ihn schon vergessen. Mist!»
Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Loris S. Musumeci für Le Regard Libre
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