«Mars», der letzte Zorn eines jungen Zürchers
Zollikon und Küsnacht an der Goldküste © Roland zh
In seinem einzigen Roman, der 1976 posthum veröffentlicht wurde, ersticht Fritz Zorn die bürgerliche Gesellschaft der Schweiz, die ihn getötet hat. Ein Buch über zwei konvergierende Krebsarten: seine eigene und die Konformität. Dieses wichtige Buch wurde in diesem Jahr neu ins Französische übersetzt.
In einer bürgerlichen Familie am Goldenen Ufer des Zürichsees geboren zu sein. In den 70er Jahren «richtig» erzogen worden zu sein und ein «richtiges» Leben geführt zu haben. Mit 32 Jahren von Krebs zerfressen zu sterben, ohne gelebt zu haben. Und sich dessen vor allem bewusst zu sein. Zu spät. Fritz Zorn hat allen Grund, verdammt wütend zu sein. Das erzählt er in März.
Dieses Buch, das nun zum zweiten Mal ins Französische übersetzt wurde, sorgte bereits bei seinem Erscheinen vor fünfzig Jahren für grosses Aufsehen, doch sein Echo hallt noch immer in der heutigen Schweiz nach. Denn es handelt sich nicht um eine banale Autobiografie. Vielmehr handelt es sich um eine Autopsie. Fritz Zorn, oder besser gesagt Fritz «Angst», wie er mit bürgerlichem Namen heißt, ein junger Mann, der versucht, die Wurzeln des Bösen zu verstehen. Von seine schlecht. Denn seine Krankheit ist eine doppelte. Einerseits ist da der Parasit des bürgerlichen Konformismus, der ihn zerfrisst. Und dann der Krebs, der ihn tötet. Beide vermischen sich in einem «Psychosomatismus», den jeder Arzt für zweifelhaft halten würde, der aber in der Literatur eine starke Symbolkraft besitzt. Denn laut dem Erzähler sind es seine Erziehung, die gesellschaftlichen Normen und die Art und Weise, wie er mit ihnen umgeht, die sich in seinen Körper gegraben haben.
«(...) Ich war der Meinung, dass der Tumor “geschluckte Tränen” enthalten würde. Es war, als hätten sich alle Tränen, die ich in meinem Leben nicht hatte vergießen können - und wollen -, in meinem Hals gesammelt und diesen Tumor gebildet, weil sie ihre eigentliche Funktion, nämlich zu fließen, nicht erfüllen konnten (...)».»
In diesem posthum veröffentlichten Buch peitscht der Zürcher anhand zahlreicher Beispiele ein generationenübergreifendes Erbe aus, das ihn in einer engen, mundtot gemachten, verklemmten, bleichen, protestantischen, traurigen, frigiden und von Zurückhaltung geprägten Welt eingeschlossen hat. Eine wohlhabende Umgebung, in der alles, was zu einem Streit führen könnte, systematisch mit einem «Es ist kompliziert» entschärft wird. Wo sich niemand traut, «nein» zu sagen, aus Angst, die Harmonie zu zerstören. Wo es «gute Literatur» oder «gute Musik» gibt, unabhängig vom Geschmack und den Vorlieben derjenigen, die sie lesen oder hören. Codes, die so vordefiniert sind, dass es unmöglich wird, sich eine Meinung zu bilden oder Feinde zu haben. Nicht einmal Freunde. Und schon gar keine Liebhaberinnen.
Ein Generationentestament
In dieser molaren Atmosphäre geht der Erzähler durch sein Leben. Dabei durchläuft er mehr oder weniger starke depressive Episoden. Vor seinem Tod scheint er also noch eine Rechnung begleichen zu wollen. Seine Eltern werden als (fast) perfekte Vertreter des verhassten Modells gezeichnet. Die Kritik ist schwer. Aber sie ist auch subtil. Denn für Fritz Zorn sind seine Erzeuger eher Opfer als Täter. So wie er selbst, der es nicht geschafft hat, zum Akteur seiner eigenen Entscheidungen zu werden.
«(...) Für mich ist der Krieg verloren. Aber gegen wen hätte ich diesen Krieg eigentlich geführt? Wer waren meine Feinde? Es fällt mir schwer, eine Antwort zu geben, aber die Worte drängen sich in meinem Kopf: meine Eltern, meine Familie, das Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, die bürgerliche Gesellschaft, die Schweiz, das System.»
Aber noch mehr als eine geplante Tötung erweist sich Mars als ein Testament an die Generation, die in den 50er Jahren geboren wurde. Diese deutsch-schweizerischen 68er, die den Vater töten wollten und für die das Genießen bereits eine Revolution war. Männer und Frauen, die heute - wenn sie nicht vom Bösen mitgerissen wurden - im Ruhestand sind. Es ist ein Fenster in ihre Welt, das uns Fritz Zorn durch eine Schrift vorschlägt, die er vor seinem Verschwinden dramatisch zu Papier gebracht hat und die nun so nah wie möglich an seiner gewalttätigen und einzigartigen Sprache übersetzt wird.
Schreiben Sie der Autorin: diana-alice.ramsauer@leregardlibre.com



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