Der neue McCartney: Ein Meisterwerk, wirklich?

3 Leseminuten
geschrieben von Jonas Follonier · 21. Oktober 2018 · 0 Kommentare

Le Regard Libre Nr. 43 - Jonas Follonier

Paul McCartney, der ehemalige Bassist der legendären Band The Beatles, hat sich als Solokünstler längst als Ikone des Britpop etabliert. Sein neues Album, Egypt station, in den USA die Nummer eins in den Verkaufszahlen. Die Medien schlossen sich dieser populären Anerkennung an und lobten die Genialität des englischen Rockmusikers. Ist diese Einmütigkeit der Journalisten gerechtfertigt? Die Versuchung ist zu groß, bei einem solchen Star von der Annahme auszugehen, dass jedes Album ein Meisterwerk sein muss.

Es ist sechsunddreißig Jahre her, dass Sir Paul McCartney in den USA an der Spitze der Verkaufscharts stand. Ein kommerzieller Erfolg, auch ein populärer Erfolg, unbestreitbar. Aber die Menschen haben nicht unbedingt einen guten Geschmack. Die Medien auch nicht. Ich auch nicht. Kann man nicht trotzdem versuchen, eine möglichst faire Kritik an diesem Album zu schreiben? Das hoffe ich doch. Denn was soll man sonst noch lesen? Rock&Folk? Musikkritik ist relevant, sie hat ihre Daseinsberechtigung. Sie ermöglicht es, die objektiven Eigenschaften eines musikalischen Werkes zu beleuchten, wenn auch mit den eigenen Ohren.

Ein abwechslungsreiches und mitreißendes Album

Ich hörte also zu Egypt station, den neuen McCartney. Mit einem gewissen Vergnügen und sogar einem gewissen Genuss, das muss ich zugeben. Die Lieder lassen sich genießen, vorausgesetzt, man hört sie mit Kopfhörern. Produziert wurde das Album von Greg Kurstin, der für Adeles Hits wie Hello oder Million Years Ago, Das siebzehnte Soloalbum des 70-Jährigen ist abwechslungsreich. Das Album enthält nicht weniger als 16 Titel und reicht musikalisch von Rockballaden bis hin zu verspielten Popsongs, die schon lange Teil der DNA des Sängers sind.

Auch auf Textebene, Egypt station ist vielfältig. Der 76-Jährige spricht darin natürlich über die Liebe, aber zum Beispiel auch über Zweifel und enthüllt einen McCartney, der in einigen Liedern, wie dem zweiten Titel des Albums, intimer ist als sonst, I Don't Know. Zwei weitere Balladen verdienen es, wegen ihrer Schönheit erwähnt zu werden: Hand in Hand und Do It Now.

Einfacher Pop und unsichere Stimme

Aber ein abwechslungsreiches und mitreißendes Album ist nicht zwangsläufig ein Meisterwerk. Es braucht das gewisse Extra. Diese zusätzliche Genialität findet man nicht unbedingt in den Songs, die zwar respektabel, aber auch nicht kosmisch sind. Die emotionale Bilanz ist durchschnittlich, die allgemeine Tonalität ist angemessen. Wir haben es hier, und das ist nicht unbedingt ein Fehler, mit einem einfachen Pop zu tun. Die Künstlerin hat bereits mit der Überlagerung von vier Melodien in einem Lied experimentiert.

Was die Stimme betrifft, so muss man zugeben, dass sie seit ihrem letzten Album stark nachgelassen hat, NEW, In dieser Zeit konnte der Sänger und Songwriter noch hohe Noten erreichen. Im Pop ist die Stimme ein wichtiges Element, vor allem, wenn es sich nicht um Songs mit Text handelt, wie hier. Immerhin hat diese unsichere Stimme etwas Berührendes.

Letztendlich macht diese ganze Diskussion nur Sinn, wenn man sich bewusst ist, dass man von einem ganz Großen spricht. Ein Mann, der sich selbst zur Legende gemacht hat, wie Sting, der ebenfalls Bassist einer der größten Rockbands der Geschichte war. Wenn wir also von einem Album sprechen, das kein Meisterwerk ist, meinen wir damit, dass es weniger gut ist als das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben. Egypt station bleibt im extraterrestrischen Bereich der Exzellenz. Es ist jedoch wichtig, nicht davon auszugehen, dass es an diesem neuen Baby nichts zu bemängeln gibt. Das ist die Gefahr bei Genies: Sie servieren uns etwas so Schönes, dass wir ihnen für immer eine Magie zuschreiben. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Magie manchmal Fehler hat und nicht ewig währt. Aber sie kann auch wiedergeboren werden.

Paul McCartney, Egypt Station (2018), Capitol, 16 Titel

Schreiben Sie dem Autor : jonas.follonier@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Capitol

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Bundeshauskorrespondent für «L'Agefi», Singer-Songwriter, Jonas Follonier ist Gründer und Chefredakteur von «Regard Libre».

Einen Kommentar hinterlassen