Warum die Atomkraft wieder in die Debatte kommt

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geschrieben von Jonas Follonier · 09. Juni 2022 · 0 Kommentare

Das Schweizer Volk stimmte 2017 für den schrittweisen Ausstieg aus den Kernkraftwerken und nahm die Energiestrategie 2050 des Bundesrats an. In den letzten fünf Jahren hat sich jedoch viel...

Bundesrat Guy Parmelin, damals Bundespräsident, erklärte im vergangenen Oktober dass mittelfristig die Gefahr einer Stromknappheit bestehen könnte, wobei er sich auf zwei Berichte stützte, die von der Eidgenössischen Elektrizitätskommission und Swissgrid erstellt worden waren. Es handelt sich dabei um das Risiko des berühmten Stromausfall, was natürlich eine sozioökonomische Katastrophe wäre. Eine solche öffentliche Äußerung seitens eines Regierungsmitglieds gab es noch nie.

Energieunabhängigkeit und technologische Entwicklung

Auch das Thema Energieunabhängigkeit hat in den letzten Monaten und Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Denn der Verzicht des Bundesrats auf das institutionelle Abkommen mit der Europäischen Union (EU) Ende Mai letzten Jahres hat den Abschluss eines Energieabkommens mit der EU mehr oder weniger zunichte gemacht. Zudem reichen die im Gesetz von 2017 vorgesehenen erneuerbaren Energien nicht aus, um die Energieunabhängigkeit zu gewährleisten – und werden dies auch in Zukunft nicht tun. Schließlich wirft der Krieg in der Ukraine die Frage nach der Energiesouveränität so eindringlich wie nie zuvor auf. Die Lage ist derart, dass Wladimir Putin seinen Krieg wahrscheinlich nicht finanzieren könnte, wenn Europa nicht von russischem Gas abhängig wäre.

Außerdem arbeiten Wissenschaftler – wenn auch weniger sichtbar – weiterhin daran, die Technologie der Kernfusion «industrietauglich» und rentabel zu machen – die Reaktion selbst ist bereits bekannt (Lesen Sie unser Interview mit einem Experten auf diesem Gebiet). Der schrittweise Übergang von der Kernspaltung zur Kernfusion würde die Nutzung der Kernenergie nicht nur wiederbeleben, sondern revolutionieren. Die Kernfusion ist nichts anderes als die Nachbildung des energieerzeugendsten physikalischen Prozesses überhaupt, nämlich der thermonuklearen Reaktionen in Sternen, die sich noch nicht am Ende ihres Lebenszyklus befinden, bei denen vier Wasserstoffatome zu einem Heliumatom verschmelzen. Darüber hinaus würde diese Technologie die Wiederverwertung radioaktiver Abfälle ermöglichen – eines der heiklen Themen bei den heutigen Kernkraftwerken.

Die Rückkehr der politischen Debatte

Auf politischer Ebene war es die Rechte, die in der Schweiz die Debatte wiederbelebt hat. Den Anfang machte der Berner SVP-Nationalrat Erich Hess, Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie, hat am 18. Juni einen Antrag eingereicht mit der Forderung nach einer Aufhebung des Verbots für den Bau neuer Kernkraftwerke. Er erklärte gegenüber der Presse, er wolle nicht, dass die Schweiz ihre von der Bevölkerung verabschiedete Energiestrategie 2050 aufgibt, sondern lediglich den Artikel zur Kernenergie – einen Artikel unter vielen im Text. Im Februar dieses Jahres verabschiedeten die Delegierten der FDP an ihrer Versammlung einstimmig eine Resolution, die der Schweiz die Möglichkeit offenlässt, neue Kernkraftwerke zu bauen, allerdings nur als letztes Mittel.

Die Debatten zum Thema Energie gehen weit über diesen Bereich hinaus; sie berühren Themen wie Souveränität, technologischen Fortschritt, Sicherheit, Nachhaltigkeit oder auch Zukunftsplanung. Das ist einer der Gründe, warum diese Diskussionen so spannend sind. Und wenn ein Tabu gebrochen wird, ist das eine Gelegenheit, alles offen auf den Tisch zu legen. Viel Spaß beim Lesen unseres Juni-Ausgabe!

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Bild: Kernkraftwerk Gösgen im Kanton Solothurn, Schweiz © Wikimedia CC By-SA 3.0

Vorbestellung der Ausgabe (erscheint diesen Freitag, den 10. Juni):

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Jonas Follonier ist Chefredakteur von «L’Agefi» und Essayist sowie Gründer und Vorsitzender von «Regard Libre».

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