Welt Essay des Monats

Den antidemokratischen Mythos in Afrika zerlegen 

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geschrieben von Pablo Sánchez · 14. März 2026 · 0 Kommentare

In Afrika gegen die Demokratie («L’Afrique contre la démocratie»)räumt der senegalesische Journalist Ousmane Ndiaye in seinem Buch mit einem immer weiter verbreiteten Narrativ auf: dem eines Kontinents, der angeblich nicht mit der Demokratie vereinbar ist. Eine energische Untersuchung über eine Idee, die zum Alibi der neuen Autoritarismen geworden ist.

«Afrika ist nicht für die Demokratie geschaffen.» Dieser Mythos hat sich wie eine faule Selbstverständlichkeit durchgesetzt. Er hat sich langsam von den Reden in die Köpfe der Menschen geschlichen. Er wurde zu einer rhetorischen Waffe bei Diktatoren, verführte einige Intellektuelle und panafrikanische Aktivisten, bis er schliesslich auf ein beachtliches Echo in der afrikanischen Bevölkerung stiess. In seinem Essay Afrika gegen die Demokratie («L’Afrique contre la démocratie»), Ousmane Ndiaye, ehemaliger Afrika-Redakteur von TV5 Monde, nimmt dieses ideologische Konstrukt mit seinen negativen Folgen methodisch auseinander. 

Seit der Erlangung der Unabhängigkeit wurde die Demokratie auf der anderen Seite des Mittelmeers zunehmend disqualifiziert. Die «demokratischen Revolutionen» der 1990er Jahre versprachen einen tiefen Bruch mit den autoritären Regimen. Doch der so sehr erhoffte Machtwechsel, der durch die Machtübernahme von Oppositionellen wie Laurent Gbagbo in der Elfenbeinküste oder Alpha Condé in Guinea verkörpert wurde, erwies sich als nichts anderes als eine Fortsetzung des Autoritarismus in einem anderen Gewand. Diese «Tragödie der historischen Oppositionellen», wie Ndiaye sie nennt, hat stark zur Abkehr von demokratischen Systemen beigetragen. 

Sackgasse des Panafrikanismus

Zu dieser «Tragödie der Oppositionellen» gesellte sich ein Narrativ, demzufolge die Demokratie nur ein Import des europäischen Imperialismus sei. Ein System, das den afrikanischen Realitäten nicht angemessen sei. Der senegalesische Journalist zeigt, dass dieser Diskurs vor allem als Alibi dient. Er wird von einer Konstellation von Figuren wie dem Aktivisten Kemi Seba oder dem Journalisten Alain Foka getragen und legitimiert autoritäre Regime, die als souveräner, effizienter und «wahrhaft» afrikanisch dargestellt werden.

So werden die Junta der Sahelzone zu Hoffnungen des Panafrikanismus erhoben, ihre Führer heroisiert, während freiheitsfeindliche Massnahmen verschwiegen werden. Einige Intellektuelle wie Boubacar Boris Diop oder Aminata Dramane Traoré, einst Sänger der Freiheit, verharmlosen heute die Verbrechen der Diktaturen im Namen des Kampfes gegen den Imperialismus. Sie sind, wie Ndiaye es formuliert, «zum intellektuellen Schirm der Demokratieverweigerung» geworden. 

Der ruandische Fall erscheint als der paradigmatischste. Paul Kagames Ruanda wird zum absoluten Vorbild erhoben und als Beweis dafür herangezogen, dass ein effektiver Autoritarismus besser sei als eine instabile Demokratie. Der Essayist weist darauf hin, dass dieses Modell in erster Linie als Symbol funktioniert. Die Ergebnisse sind weitaus kontrastreicher. 

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Nach mehr als 20 Jahren unter Kagame ist Ruanda laut Human Development Index immer noch eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt und liegt weit hinter Demokratien wie Botswana oder Kap Verde zurück. Die wirtschaftliche Entwicklung konzentriert sich hauptsächlich auf die Hauptstadt Kigali, in der nur etwa 17 % der Bevölkerung leben. Andernorts verblasst das ruandische Wunder. Das Argument der Effizienz erweist sich angesichts der politischen Kosten als schwach: eine ausgeschaltete Opposition und eine mundtot gemachte Presse.

Westliche Einmischung

Angesichts dieses antidemokratischen Mythos kehrt der senegalesische Journalist die Perspektive um und versucht, die Demokratie aus ihrer westlichen Zuordnung zu reissen. Ohne in eine Idealisierung des vorkolonialen Afrika zu verfallen, erinnert er daran, dass der Kontinent nicht auf Europa gewartet hat, um Formen der Beratung, der Repräsentation und des Machtausgleichs zu erfinden. Ndiaye vertritt die Ansicht, dass die Kolonialisierung vor allem endogene demokratische Formen eingedämmt hat. Diese anregende These wird durch mehrere Beispiele untermauert, wie die Lebu-Republik im XVIII.. Jahrhundert oder bestimmte Praktiken der Amazigh und Tuareg, die jedoch von einer weiteren Vertiefung profitiert hätten. 

Mit grossem Aufwand an Analysen und Porträts, ist Afrika gegen die Demokratie («L’Afrique contre la démocratie») ein mutiger Essay. Der Autor leugnet weder die Realität des Imperialismus noch die der westlichen Einmischungen, weigert sich aber, daraus eine totalisierende Erklärung und eine falsche Rechtfertigung für diktatorische Regime zu machen. Diese Position ist zweifellos die intellektuell ehrlichste, um über das heutige Afrika nachzudenken. Und die politisch unrentabelste.

Journalist und Berater, Pablo Sánchez ist Redakteur beim Regard Libre. Schreiben Sie dem Autor: pablo.sánchez@leregardlibre.com.

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Ousmane Ndiaye
Afrika gegen die Demokratie («L’Afrique contre la démocratie»)
Riveneuve
Juli 2025
172 Seiten

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