Gedanken eines Historikers über die Einwanderung in die Schweiz
Patrick Willisch ist Lehrer am Lycée-Collège des Creusets in Sion (VS). Er hat sich auf Migrationsforschung spezialisiert und seine Doktorarbeit über die Verleihung des Bürgerrechts an Staatenlose im Kanton Wallis verfasst. Wir haben ihn zur Einwanderung in die Schweiz sowie zur Initiative befragt «gegen die Masseneinwanderung» die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) ins Leben gerufen wurde.
Le Regard Libre: Woher rührt Ihr Interesse an Migrationsfragen?
Patrick Willisch: Eigentlich hat alles schon in meiner Kindheit angefangen. Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Brig aufgewachsen, eine halbe Stunde von der italienischen Grenze entfernt. Diese Italiener, die auf der Durchreise waren oder in Brig lebten – ihre Sprache und ihre Kultur haben mich schon immer fasziniert.
Was finden Sie am interessantesten an der Erforschung von Migration im Allgemeinen?
Dieser kulturelle Austausch ist untrennbar mit Migration verbunden. Ein Einwanderer ist jemand, der in unserem Land lebt und dort arbeitet, doch oft wird vergessen, dass er auch auf kultureller Ebene einen Beitrag leistet. Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: Der Einfluss der Italiener auf die Schweizer Küche ist nicht zu unterschätzen.
Sie sind der Ansicht, dass das Thema Einwanderung von den Schweizer Historikern oft vernachlässigt wurde. Wirklich? Und woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ob im Wallis, in der Schweiz oder in Europa – die Einwanderungsforschung hat sich erst sehr spät entwickelt. Im Wallis hat sich die Einwanderungsforschung erst ab 1990 etabliert. Zudem findet die Einwanderung in den Standardwerken zur Schweizer Geschichte nur sehr wenig Beachtung, obwohl ein Drittel der Schweizer Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat und die Forschung zu diesem Thema an Bedeutung gewonnen hat. Die meisten Schweizer wissen nicht, dass unser Land bereits 1888 zu einem Einwanderungsland geworden ist; dieses Vergessen ist übrigens nicht nur der Schweiz eigen: Auch Frankreich und Deutschland tun sich beispielsweise schwer damit, zuzugeben, dass sie zu Einwanderungsländern geworden sind. Im Gegensatz dazu begann die Einwanderungsforschung in den Vereinigten Staaten, dem Einwanderungsland schlechthin, schon sehr früh; die Einwanderung ist im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner fest verankert.
In ihrer neuen Initiative fordert die SVP zwar weniger Einwanderung, stellt aber auch die bilateralen Abkommen in Frage, die ursprünglich als Plan B für den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum gedacht waren – einen Beitritt, den eben diese Partei erfolgreich bekämpft hatte. Wie lässt sich das erklären?
Ende der 80er Jahre war die SVP eine konservative Partei im Niedergang mit einer Wählerschaft von 11% im Nationalrat (Zahl von 1987) und nur einem Bundesrat. Ab 1992 erlebte die Partei dann einen Wendepunkt, als das Volk den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) ablehnte. Die Partei konzentrierte sich daraufhin auf Themen, die bei der Bevölkerung Anklang fanden, die von den anderen Parteien jedoch kaum angesprochen wurden, wie die Unabhängigkeit der Schweiz, die Einwanderung, die Asylpolitik oder auch die Sicherheit. In den Jahren 1994 und 2004 lehnte das Volk die von der SVP bekämpfte erleichterte Einbürgerung ab. Die bilateralen Abkommen – einschließlich des Rechts auf Personenfreizügigkeit – wurden jedoch im Jahr 2000 von zwei Dritteln der Schweizer Bevölkerung angenommen, ebenso wie die Ausweitung der oben genannten Abkommen in den Jahren 2004 und 2009, die vor allem die osteuropäischen Länder betrafen. Durch die Thematisierung dieser Themen gelang es der SVP, sich 2003 zur stärksten Partei der Schweiz zu entwickeln. Im Jahr 2007 wurde mit 28,9% der Stimmen für den Nationalrat der Höhepunkt erreicht. Daher möchte die SVP ihre Wählerschaft erhalten oder sogar ausbauen, indem sie Initiativen lanciert wie jene, über die das Volk am kommenden 9. Februar abstimmen wird. Diese Initiative «gegen die Masseneinwanderung» umfasst alle Themen, die ihrer Ideologie am Herzen liegen, indem sie einen Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeit der Schweiz, Europa, Ausländern und Kriminalität herstellt.
Wenn die Initiative «gegen die Masseneinwanderung» angenommen würde, würde sie Ihrer Meinung nach bestimmte Probleme wie die Kriminalität zumindest teilweise lösen?
«Mehr Ausländer, mehr Kriminalität» ist eine viel zu vereinfachende Denkweise. Nehmen wir das Beispiel der Einbrecher: Diese «kriminellen Touristen“ wären von der Umsetzung dieser Initiative nicht betroffen. Denn diese Kriminellen kommen in der Regel aus den Nachbarländern und kehren dorthin zurück. Diese Probleme müssen mit polizeilichen Massnahmen bekämpft werden, nicht mit einer Volksinitiative.
Glauben Sie, dass diese Initiative angenommen wird?
In der Vergangenheit sind alle Volksinitiativen, die darauf abzielten, die Zahl der Ausländer in der Schweiz zu begrenzen, gescheitert: insbesondere die Volksinitiative Schwarzenbach mit 54% Nein-Stimmen im Jahr 1970, die Volksinitiative «zur Begrenzung der Einwanderung» mit 67,3% Nein-Stimmen im Jahr 1988 oder auch die Volksinitiative «für eine Regulierung der Einwanderung» (die darauf abzielte, den Ausländeranteil in der Schweiz auf 18% zu begrenzen), die im Jahr 2000 mit 63,8% abgelehnt wurde. Meiner Meinung nach sind sich die Schweizer der wirtschaftlichen Bedeutung der Ausländer für unser Land bewusst. Und ich glaube, dass die Mehrheit unserer Mitbürger dieser Linie folgen wird.
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