Die Socìetas Raffaello Sanzio: Das ikonoklastische Theater oder die Kunst, die Repräsentation zu durchbrechen

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geschrieben von Ivan Garcia · 30. September 2019 · 0 Kommentare

Le Regard Libre Nr. 54 - Ivan Garcia

Serie «Die Abenteuer der Bühne», Episode #1

Von der antiken Tragödie über die für das klassische Theater charakteristische Deklamation in Alexandrinern bis hin zum Texttheater des 19.. Jahrhundert bis zum Aufkommen der zeitgenössischen Inszenierung und Performance hat das dramatische Genre viele (Gegen-)Revolutionen und Entwicklungen erlebt. In jeder Folge der Serie «Les aventures de la scène» steht ein Ensemble oder ein Künstler im Mittelpunkt, sei es ein Dramaturg, ein Drehbuchautor, ein Regisseur, ein Tänzer oder ein anderer Künstler, oder auch Theoretiker der darstellenden Kunst, die alle auf die eine oder andere Weise dazu beigetragen haben, das Theater zu formen, wie wir es heute als die besondere Art und Weise verstehen, in der Menschen Geschichten erzählen.

In der Stadt Cesena in der italienischen Region Emilia-Romagna beginnt diese erste Folge unserer Serie, die den Abenteuern der Theaterwelt gewidmet ist. Genauer gesagt im Teatro Comandini, einer Hochburg des zeitgenössischen Theaterexperiments, das als Hauptquartier einer geheimnisvollen Theatergruppe dient: der Socìetas Raffello Sanzio. Die 1981 von Romeo und Claudia Castellucci sowie Clara Guichi (der Lebensgefährtin von Romeo Castellucci) gegründete Socìetas übt ihre hochpolitische und kulturelle Kunst aus, indem sie alle Disziplinen miteinander verbindet: Theologie, Kunstgeschichte, Philosophie, Theater, Biologie und viele andere noch. Im Herzen dieser Praxis Hinter dem Theater steht ein einziger Wunsch: zur Essenz der Tragödie zurückzufinden.

Die Geschichte einer experimentellen Theatergruppe

Die Theatergruppe der Castelluccis, die 1981 in Cesena offiziell gegründet wurde, deren Entstehung jedoch bereits lange zuvor ins Rollen gekommen war, trägt den Namen des italienischen Malers Raffael (auf Italienisch Raffaello Sanzio). Im Jahr 2007, anlässlich des Festivals von Avignon und der Aufführung von Hey, Mädel – eine neue Inszenierung –, befragt Jean-François Perrier Romeo Castellucci zu diesem Verweis auf den Maler der italienischen Renaissance. Laut Romeo Castellucci soll dieser Verweis auf Raffael die Ambivalenz zum Ausdruck bringen, die dem Schaffen der Socìetas eigen ist – zwischen dem Streben nach Darstellung und der Präsenz der Leere: «[…] Raffael war in seinen Gemälden von der Perfektion der Form, des Lichts, der Volumen und der Ausgewogenheit getrieben, und zugleich verspürte er Zweifel und hatte das Gefühl, am Abgrund zu stehen. Diese Ambivalenz erklärt, warum wir ihn als Leitfigur für unsere Arbeit gewählt haben.»

Wenn wir uns mit der Socìetas und insbesondere mit ihrem Kernteam, bestehend aus den drei Mitgliedern der Familie Castellucci, beschäftigen, fällt ein Detail sofort ins Auge: Diese stammen nicht direkt aus dem Theatermilieu. Romeo Castellucci, der zunächst Landwirt war, beschäftigte sich in seiner Jugend – als Amateur – mit Theater. Nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung interessierte er sich für die Malerei und wandte sich seiner großen Leidenschaft zu: der Kunstgeschichte. Er studierte diese an der Akademie der Bildenden Künste in Bologna und schloss sein Studium mit einem Diplom in Malerei und Bühnenbild ab. Beeinflusst vom italienischen Regisseur und Schauspieler Carmelo Bene und dem französischen Theoretiker Antonin Artaud widmet sich Romeo Castellucci fortan der Regie und der Bühnenbildgestaltung verschiedener Aufführungen der Theatergruppe.

Seine zukünftige Frau, Chiara Guidi, studierte Kunstgeschichte an der Universität Bologna und schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Geisteswissenschaften ab. Innerhalb der Socìetas kümmert sie sich um die künstlerische Koproduktion der verschiedenen Stücke, um die Schreibprozesse im Zusammenhang mit den Texten sowie um die stimmliche Entwicklung der Schauspieler. Claudia Castellucci hingegen hat neben ihrer Ausbildung zur Schauspielerin auch an der Akademie der Bildenden Künste in Bologna studiert und arbeitet an der Ausarbeitung theoretischer und dramatischer Texte für das Ensemble. Letztere verfasste den Text, der als eine Art Manifest der Theatergruppe angesehen werden kann und ihr erstes echtes dramatisches Werk darstellte: Santa Sofia Teatro Khmer – Manifest eines ikonoklastischen Theaters (1986).

Wie wir feststellen können, lassen sich die Castelluccis stärker von der Kunstgeschichte als vom Theater im eigentlichen Sinne beeinflussen. Ihre wichtigsten Bezugspunkte stammen aus der Malerei oder der Bildhauerei. Doch genau darin liegt ihre Stärke: Bilder sichtbar zu machen, zu zerstören oder zu erschaffen. Die gesamte ästhetische Herausforderung des Theaters der Socìetas Raffaello Sanzio beruht darauf, die großen Ikonen der westlichen Kultur in den Vordergrund zu rücken und sie zu zerstören, um sie auf andere Weise neu zu gestalten und so zu den Ursprüngen der Theaterkunst zurückzukehren.

Das ikonoklastische Theater

Unsere westliche Sichtweise des Theaters, die in der aristotelischen Tradition verwurzelt ist, ist zutiefst mimetisch. Mit anderen Worten: Wir gehen davon aus, dass die Funktion des Theaters darin besteht, eine Vertretung (Mimesis) von etwas. Aus dieser ästhetischen Voraussetzung sind viele Topoi wie der berühmte Teatro Mundi (Die Welt ist ein Theater) oder die ganz und gar barocke Vorstellung, dass das Theater eine Kunst der Illusion und der Künstlichkeit sei. Für den traditionellen Zuschauer und den traditionellen Regisseur beruht das westliche Theater auf einer dreifachen Übersetzung: Der Autor schreibt ein Theaterstück für die Bühne; der Regisseur setzt durch seine Entscheidungen eine Lesart des Textes um, die er auf die Bühne überträgt; schließlich lernt der Schauspieler diesen Text und interpretiert ihn auf der Bühne. Das Ergebnis dieser dreifachen Übersetzung ist die Theateraufführung, die diesen Text und seine Interpretation darstellen soll.

In ihrer stark von der Kunstgeschichte inspirierten Theaterpraxis strebt die Socìetas danach, mit dem Konzept der Darstellung und erst recht mit dem Bild und der Ikone Schluss zu machen. Die Castelluccis bezeichnen ihre Theaterpraxis als ikonoklastisch. Mit anderen Worten: Sie beschäftigen sich mit den großen Ikonen, die unsere westliche Sichtweise prägen, insbesondere mit dem Christentum als der Religion des Westens. Das dramatische Ziel ihres Theaters ist die Zerstörung dieser Ikonen, seien sie nun bildlicher Natur – ein Porträt Christi, die Darstellung eines antiken Helden, die Vorstellung, die wir von einem Protagonisten haben, … – oder textlicher Natur.

Für die Dramatheorie der Socìetas besteht der einzige Weg, die Darstellung zu verbannen, in ihrer vollständigen Zerstörung, um das Wesentliche davon zu bewahren. Im Falle der Ikone (dem heiligen Bild schlechthin) führt ihre Zerstörung zweifellos zu einem Vergleich mit dem, was zuvor existierte, um zu sehen, was danach übrig bleibt. Die Ikone ist in erster Linie ein heiliges Bild – das somit an die rituelle Dimension der dramatischen Kunst erinnert –, das eine Einheit innerhalb der Gemeinschaft schafft.

Was den Text betrifft, so lassen die Castelluccis den Ausgangstext niemals wörtlich hören oder sehen, sondern deuten ihn lediglich an. Die Theatergruppe stellt die Allmacht des dramatischen Textes bei der Beschreibung der szenischen Realität in Frage. In ihren Inszenierungen wird der Text nicht wörtlich befolgt wörtlich oder ist auf der Bühne nicht vertreten, doch seine Präsenz bleibt dennoch spürbar. Die Socìetas Raffaello Sanzio erarbeitet ihre Texte jedoch unter Verwendung der «Bühnen-Schreibweise». Mit anderen Worten: Im Gegensatz zur dramatischen Tradition, bei der der Text der Szene vorausgeht oder außerhalb dieser entsteht, besteht das Verfahren der Bühnen-Schreibweise darin, den Text ausgehend von der Bühne und ihren Gegebenheiten. Diese Auffassungen von Text und Drama zielen darauf ab, eine materielle Lesart – so nah wie möglich an der Bühne – der Texte und ihrer Interpretationen zu vermitteln. Die Ikonoklasmus der Socìetas Raffaello Sanzio beinhaltet somit ein Spiel mit den heiligen Ikonen der westlichen Kunst und eine Neuinterpretation der großen Texte der weltweiten Theatertradition.

«Wende dich von der Welt ab – hier erzählen wir keine traditionellen biografischen Geschichten. Komm her, du, der du gegen die Tatsache ankämpfen willst, geboren worden zu sein, und gegen die Tatsache, hier zu sein, und gegen die Tatsache, diese Instrumente zu benutzen. Dies ist das Theater, das die Darstellung ablehnt. “Wenn es keine Darstellung gibt, dann sprudeln die wahren Darstellungen hervor” – dieser Satz stammt nicht von mir.» (Claudia Castellucci, Die Pilger der Materie. Theorie und Praxis Theater, Schriften der Socìetas Raffello Sanzio, übersetzt von Karin Espinosa, Les Solitaires Intempestifs, 2011)

Der Friedhof der Texte

Für jeden, der eine Aufführung dieser Theatergruppe besucht, scheint ihr Theater a priori ganz ohne Text. Nicht, dass die Schauspieler auf der Bühne schweigen würden, aber die Socìetas betreibt – streng genommen – kein Text-Theater. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Text in ihrer Praxis keine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil: Die Castelluccis – deren Stücke sich meist mit den großen Texten der menschlichen Zivilisation befassen (die Bibel, das Gilgamesch-Epos, Shakespeare usw.) – beherrschen die Texte und verfügen über ein äußerst tiefes Wissen darüber. Der Bruch zwischen dieser Theatergruppe und der textorientierten Theatertradition liegt in der Art und Weise, wie sie den Text und vor allem dessen Rolle auf der Bühne betrachten.

Für Romeo Castellucci legt das westliche Theater zu viel Wert auf die Darstellung des Textes und verhindert dadurch, dass ein unsichtbarer Teil des Dramas sichtbar wird. Durch den Einsatz von Musik, den Körpern der Schauspieler und anderen szenografischen Mitteln macht der Regisseur den Text sichtbar, ohne ihn jedoch – wörtlich – auf die Bühne zu bringen. Indem sie den Text auf das absolute Minimum reduzieren, machen die Castelluccis das Wesentliche sichtbar. Getreu ihrer ikonoklastischen Theorie beseitigen sie das Überflüssige, um das Wesen des Textes freizulegen und es durch eine neuartige szenische Umsetzung zu verkörpern. «Das Buch ist eine Leiche. Es ist ein toter Buchstabe, immer und egal, was man tut. Hamlet wird zu einem Namen und einem Körper; auf der Bühne ist er kein Buch.»

Machen wir uns nichts vor. Die Socìetas Raffaello Sanzio hegt einen immensen Respekt vor den Texten, die sie verwendet und erforscht. Doch nach Ansicht der Castelluccis landet der Text, wenn man versucht, das Drama einzufrieren, letztendlich leblos auf einem Friedhof. Diese Leiche, die das Buch darstellt, muss die Prüfung der Bühne durchlaufen, um wieder zum Leben zu erwachen; doch dazu muss sie eine andere Form annehmen und sich dem Publikum auf andere Weise offenbaren. Das dramaturgische Anliegen dieser Theatergruppe besteht nicht darin, eine vollständige Geschichte zu inszenieren, sondern ein Drama zu schaffen, dessen Fäden der Zuschauer – entsprechend seinem Empfinden – zusammenführt und dessen fehlende Teile er selbst vervollständigt.

Eine Tragödie der Materie

Die Socìetas Raffello Sanzio hat sich zu einer international anerkannten experimentellen Theatergruppe entwickelt und zahlreiche unvergessliche Aufführungen inszeniert. Im Folgenden möchten wir einige davon hervorheben. 1992 brachte die Gruppe ihr Stück zur Uraufführung Amleto. Die heftige Äußerung des Todes einer Weichtierart (Hamlet. Die vehemente Äußerung des Todes eines Weichtiers), in dem eine Art autistischer «Kind-Hamlet» in Szene gesetzt wird, der in einem Zimmer in seiner eigenen Welt, inmitten seiner Spielsachen, eingeschlossen ist und versucht, die Frage „Sein oder Nichtsein?“ zu beantworten. Die Figur des Horatio, verkörpert durch den Schauspieler Paolo Tonti, verkörpert und erzählt die Legende des dänischen Prinzen auf ergreifende und überraschende Weise.

Beim Festival von Avignon 2008, Die Göttliche Komödie „Des Castellucci“ beleuchtet im Rahmen dieser Veranstaltung drei Orte der Stadt der Päpste. Dieses dreiteilige Großspektakel bietet Romeo Castellucci die Gelegenheit, sich auf die Figur des Dichters Dante Alighieri zu konzentrieren. Dieser ist zugleich Haupt Erzähler, Protagonist und Akteur seines Gedichts Die Göttliche Komödie, wird zum Gegenstand von Castelluccis Arbeit, der sich zum Ziel gesetzt hat, sich vollkommen in den Dichter hineinzuversetzen, um diesen Klassiker der westlichen Literatur auf die Bühne zu bringen. Diese Inszenierung wird, wie die Presse betont hat, als eines der großen Theaterwerke dieses Jahrhundertanfangs in Erinnerung bleiben.

Im Jahr 2010 ihr neues Werk Über das Konzept des Antlitzes im Sohn Gottes (Über das Konzept vom Antlitz des Sohnes Gottes) fut un franc succès. Cependant, lorsqu’elle fut jouée en 2011 au Théâtre de la Ville à Paris, celle-ci suscita des manifestations d’intégristes religieux qui jugeaient l’œuvre blasphématoire. Cette pièce met en en scène un père âgé et son fils dans la fleur de l’âge. Ce dernier s’occupe du premier qui est sujet à de fréquentes diarrhées. Au fond de la scène, un portrait géant du Christ, probablement peint par Antonello de Messine, domine le plateau, ainsi que le public. Au fur et à mesure que la représentation arrive à son terme, cette icône laisse place à un texte, You are my Shepherd (Tu es mon berger, tiré de la Bible), et, progressivement, la peinture finit par voler en éclats: l’icône a été détruite.

Loin de se considérer comme un provocateur, Castellucci souhaitait donner à voir une relation entre un père et son fils et, plus spécifiquement, comment relier le plus banal (la scatologie incarnée par les diarrhées du père) à la dimension la plus sacrée (l’eschatologie, l’étude de la fin des temps, incarnée par la figure du Christ). Les incontinences du père incarnent l’humanité dans son extraction la plus basse, sous le regard du Christ rédempteur et empli de bonté. Or, pour devenir homme, ce dernier a dû se vider, abandonner sa part divine pour rejoindre la misère humaine organique et matérielle. A travers cette basse matière, il y aurait donc un point commun entre l’humanité et la divinité.

Un théâtre de la division

A l’heure où les institutions publiques et culturelles en appellent à un théâtre rassembleur et citoyen, les Castellucci font valoir leur vision d’un théâtre de la division et de la confrontation dans la lignée de la tragédie grecque antique. Dans leur interprétation de la tragédie antique, les Castellucci considèrent que celle-ci s’est bâtie sur le constat de l’inexistence de Dieu, ce qui a créé un vide et la volonté d’un rassemblement autour de ce néant. Or, loin d’être un rassemblement unificateur, celui-ci ne cherche pas à combler le vide mais résulte d’une crise – cette mort de Dieu – que nul ne peut combler.

Dans leur conception de l’art dramatique, la Socìetas Raffaello Sanzio s’oppose à tout théâtre didactique qui vise à dire aux spectateurs ce qu’ils doivent penser ou faire, car, selon eux, leur théâtre ne vise justement pas à une réconciliation ou à une résolution, mais à la crise et au conflit. Le spectateur ne doit pas venir au théâtre pour reconnaître ce qu’il connaît déjà – en assistant à des mises en scènes traditionnelles des classiques, par exemple – mais pour se confronter à l’inconnu et à l’invisible. Aux dires des Castellucci, le théâtre, «c’est faire l’expérience d’un autre temps». Ce temps, celui du vide et de la crise, qui voit ses icônes se faire briser mais dont la scène et nos impressions permettent d’en rejouer l’origine.

«La tragédie a pris le nom de tragédie parce que quelqu’un s’est mis à crie: le dieu Pan est mort. La fonction du théâtre, comme celle de l’acteur, est depuis toujours une fonction religieuse, rassembleuse, au sens étymologique du mot. La communauté instantanée que le théâtre crée – une communion entre des personnes qui ne se connaissent pas –, s’organise précisément autour de ce vide.» (Bruno Tackels, Les Castellucci, Ecrivains de plateau I, Les Solitaires Intempestifs, 2005)

Schreiben Sie dem Autor: ivan.garcia@leregardlibre.com

Ivan Garcia
Ivan Garcia

Ivan Garcia ist Web-Editor bei der Zeitung Le Temps und Referendar. Er leitet die Literaturrubrik von Le Regard Libre und schreibt dort regelmäßig.

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