«Barbara» oder die Reinheit des Kinos

5 Leseminuten
geschrieben von Jonas Follonier · 13 September 2017 · 0 Kommentare

Les mercredidis du cinéma - Jonas Follonier

Es ist schon lange her, dass ein biografischer Film dem anderen glich, egal wie erfolgreich er war. Cloclo und Dalida zeugen davon. Plötzlich kommt ein UFO des Genres in die Kinos, ein eminent innovatives Werk, das die Codes des Biopics auf den Kopf stellt. Barbara. Unter dem Vorwand, uns die berühmte Figur des französischen Chansons wiederentdecken zu lassen, lässt uns dieser neue Film von Mathieu Amalric vor allem das Kino wiederentdecken.

Ein Film im Film

Mathieu Amalric ist kein Regisseur wie alle anderen. Das sieht man schon an seinem Gesicht, das von einem ständigen Staunen geprägt ist. Der französische Filmemacher reißt ständig die Augen weit auf; vielleicht ist das das Zeichen für ein Kino, das alles bewundert, was mit Menschen, dem Leben, kurz gesagt mit dem Kino selbst zu tun hat, und das sich daher auch selbst bewundert. Mathieu Amalric konnte keinen konventionellen Biopic drehen. Er konnte gar keinen Biopic drehen.

Barbara, der letzte Woche in den Kinos der Romandie angelaufen ist, widerspricht seinem Titel: Nicht die Sängerin steht im Mittelpunkt des Films, sondern eine Schauspielerin, Brigitte (Jeanne Balibar), die in einem Film die Rolle der Barbara verkörpern soll. Der Regisseur dieses Films im Film? Yves Sand, ein Barbara-Fanatiker, verkörpert von einem gewissen … Mathieu Amalric. Ein Film auf mindestens zwei Ebenen, der mit Mehrdeutigkeiten spielt, sodass sich die Mise en Abîme und die Illusion scheinbar auf sich selbst beziehen. Grandios.

Die Kunst der Suggestion

Es kommt jedoch nicht in Frage zu glauben, dass der Film uns nichts über Barbara verrät. Oder dass er nur ein Vorwand ist, damit das Duo Amalric-Balibar dank des Kinos wieder ein Paar wird. Barbara, indem man sich weigert, das Leben der Sängerin so zu schildern, wie man es beispielsweise in einem PowerPoint, sagt mehr aus, als es jede noch so ausführliche Biografie könnte. Denn gerade durch die kleinen Fragmente seines Alltags gelingt es uns, in die intime Welt des Künstlers einzutauchen. Durch diese Reihe von Bildern – und nicht von Szenen – wird ein Leben erzählt, und kein Theater.

Der Film, in dem sich Schatten und Unausgesprochenes häufen, Barbara spiegelt die Sängerin Barbara auf eine subtilere Weise wider, als man es sich jemals hätte vorstellen können. Dank Mathieu Amalric entdecken wir die Bedeutung der Andeutung neu. «Es ist schön, wenn jemand eine Melodie komponiert und nach den richtigen Worten sucht. Genau diese Momente wollte ich zeigen.», erklärte der Regisseur – ich weiß nicht mehr, wo. Barbara verbringt ihre Tage vor ihrem Klavier. In der Musik, für die Musik.

Man versteht, dass Balibar und Amalric (BaliBARBARAmalric) versucht haben, allein durch die Lieder ihrer Vorstellung von Barbara näherzukommen, sie darzustellen und sie heraufzubeschwören. Der Spielfilm stellt übrigens nicht die bekanntesten Titel in den Vordergrund. Zudem ist die Stimme, die man hört, mal die der „falschen“ Barbara, mal die der „echten“, und auch die Gesichter, die sie verkörpern, wechseln zwischen den beiden Frauen hin und her. Schauspielerin und Künstlerin spielen miteinander und verschmelzen miteinander, wodurch eine umfassende Emotionalität entsteht.

Jeanne Barbara

Das größte Verdienst gebührt in der Tat derjenigen, die sich letztendlich als der wahre Star des Films herausstellt: die neue Barbara. Jeanne Balibar, mehr Jeanne Balibar denn je. Wie Yann Moix in der ersten Folge der neuen Staffel von’On n'est pas couché, auf France 2: «Barbara hat etwas von Jeanne Balibar.» Das Schauspiel ist so perfekt und so natürlich, dass man sich fragt, ob Mathieu Amalric nicht vielleicht beschlossen hat, sein achtes Werk der Mutter seiner ersten beiden Kinder zu widmen. Als Zeugen dafür nenne ich die Inzestuöse Liebesbeziehungen, ein unvergesslicher Moment des Films.

NEWSLETTER DES FREIEN BLICKS

Erhalten Sie unsere Artikel jeden Sonntag.

Wie der Kritiker ebenfalls feststellte, kann die mangelnde Ähnlichkeit (darüber lässt sich natürlich streiten) zwischen Barbara und Jeanne Balibar keineswegs als Mangel des Films angesehen werden. Ganz im Gegenteil. Gerade aufgrund der offensichtlichen Unähnlichkeit der beiden Frauen nimmt der Zuschauer im Laufe des Films wie von Zauberhand nur noch ihre Gemeinsamkeiten wahr und wird schließlich sogar den Unterschied nicht mehr erkennen.

Genau darin liegt der Zauber des Kinos. Mathieu Amalric ist es gelungen, uns diese Reinheit zu zeigen, ohne dabei gekünstelt zu wirken. Und das kommt nur ein paar Mal in einem halben Jahrhundert vor.

Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Bundeshauskorrespondent für «L'Agefi», Singer-Songwriter, Jonas Follonier ist Gründer und Chefredakteur von «Regard Libre».

Einen Kommentar hinterlassen