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«Die Krümel», hier und las

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geschrieben von Quentin Perissinotto · 11. Juni 2026 · 0 Kommentare

Die Heldin der Krümel geht durch das Leben, wie man durch ein Land geht, das nicht auf einen wartet. Zwischen Fabriken, geerbten Schulden und schwindenden Lieben erzählt Lukas Bärfuss von einer Existenz, die sich mit offenem Visier vorwärts bewegt, auf Kosten all dessen, was aufrecht stehen sollte.

Als ich den letzten Roman von Lukas Bärfuss las, wurde mir klar, dass ich unter den Schweizer Schriftstellern die Deutschsprachigen den Französischsprachigen vorziehe. Ich weiss nicht, ob das tragisch ist oder nicht, aber es ist eine Tatsache. Ob Peter Stamm, Gottfried Keller oder Lukas Bärfuss, ich habe eine grössere Affinität zu ihren Werken als zu denen von Metin Arditi oder Jacques Chessex. Vielleicht, weil sie eine andere, urbanere Energie umsetzen. Eine kollektive Einsamkeit.

Die gleiche Einsamkeit durchdringt Lukas Bärfuss' Roman, der in den 1970er Jahren in der Schweiz spielt. Die Liebesbegegnung von Adelinas Eltern bildet die Kulisse für ihr weiteres Leben: ein aussichtsloser Kampf gegen den Fatalismus. Und gegen die Männer, die hinter ihrer Feigheit und ihren Tiefschlägen verschwinden. Für Adelina beginnt ein Wettlauf mit der Erschöpfung. Sie ist alleinerziehende Mutter, arm, ohne wirkliche Unterstützung und versucht nur, in einem wohlhabenden Land zu bestehen, das denjenigen, die am Rande leben, nur noch Reste übrig lässt.

Von Männern zu Enttäuschungen, von Gelegenheitsjobs zu stillen Demütigungen, Adelina schreitet trotz allem voran, getragen von einer fast tragischen Energie, die sich weigert, ganz unterzugehen. Sie schwimmt über Wasser, getragen von Hoffnungen, von denen sie weiss, dass sie illusorisch sind, die sie aber als Atempausen erhofft.

Ein Roman, der eine ebenso offene wie erschreckende Frage in sich trägt: Woran soll man glauben, wenn man nichts ist und einem alles sukzessive entrissen wird?

Sitten und Gebräuche der Gewalt

Lukas Bärfuss, Autor von über vierzig Theaterstücken, neun Romanen sowie politischen Kolumnen in deutschen Zeitungen und in rund zwanzig Sprachen übersetzt, ist eine der stärksten Stimmen der deutschsprachigen Literatur und weit über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt. Mit diesem Text musste er jedoch nicht anderswo nach Inspiration suchen, denn der Zürcher Schriftsteller wagte sich ganz nah an seine eigene Familiengeschichte heran, indem er seiner Heldin den Lebensweg ihrer Mutter anvertraute.

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Die Krümel ist die Geschichte einer allmählichen Enteignung, einer Frau, die versucht, einer Welt, die ihr nur noch Reste lässt, ein paar Fragmente ihrer Würde abzuringen. Die beschriebene Gewalt findet im Alltag statt, zwischen diskreten Demütigungen und verschlossenen Türen. Es gibt weder eine demonstrative Soziologie noch eine politische Denunziation, sondern lediglich das unerbittliche Eingeständnis der Literatur.

In diesem Roman, der die Patina der Dorfkneipen aus der Zeit vor dem Rauchverbot in den Kneipen hat, eine vom Staub vergilbte Farbe, zeichnet sich Lukas Bärfuss dadurch aus, dass er scheinbare Banalitäten aufgreift, um Leben zu formen, die scheinbar benachbart sind. Er baut aus dem Nichts eine Welt der Vertrautheit. Wie eine minimalistische Kulisse, die dennoch lebensecht wirkt. Er hat eine Kunst der Verengung, eine geniale Fähigkeit, Figuren in den Leere und Stille zu skizzieren. Er ist ein Silhouettenkünstler der Dramen. Ein Dokumentarist der Nöte.

Auch wenn der Stil kühl und der Ton sachlich ist, ist die Erzählung nie eintönig, sondern trägt im Gegenteil eine schwere Spannung in sich. Ein Gewitter, das man voranschreiten sieht, ohne dass der Donner grollt. Man blättert also die Seiten um und wartet auf die Detonation.

Jeden Monat, Quentin Perissinotto versucht, ein literarisches Werk durch ein Kaleidoskop zu schicken, um die Bilder, die es projiziert, zu sammeln und ihre Beugung wiederzugeben. Dabei kann es vorkommen, dass sich die Geistesblitze als Glassplitter erweisen. Schreiben Sie dem Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com

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Lukas Bärfuss
Die Krümel
Übersetzung aus dem Deutschen von Camille Luscher
Editons Zoé

Januar 2026
240 Seiten

Quentin Perissinotto
Quentin Perissinotto

Kundenberater und Schriftsteller, Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker für Le Regard Libre.

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