Ein Genie «entrobert» von Loïc Prigent

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geschrieben von Anaïs Sierro · 22. Dezember 2020 · 0 Kommentare

Bücher am Dienstag - Anaïs Sierro

In einer Zeit, in der Modenschauen durch Gesundheitsmaßnahmen in Mitleidenschaft gezogen werden, schlage ich Ihnen vor, Ihre Fantasie in diese Welt zu versetzen. Versetzen Sie sich in die Rolle eines prominenten Gastes in der ersten Reihe eines catwalk eines großen französischen oder Mailänder Modehauses. Entdecken Sie die seidige Eleganz eines maßgeschneiderten Kleides oder eines Dreiteilers. Design, Sie können sich auf die Köstlichkeiten eines renommierten Catering-Unternehmens freuen oder auf die Liebkosung eines Schlucks teuren Champagners. Vor allem aber sollten Sie Ihre Ohren auf das Geplapper der Umgebung richten, auf das geadelte Geschnatter und das Gezwitscher der Leute, die Sie kennen. Der berühmte französische Modejournalist Loïc Prigent hat beschlossen, uns diesen Geschmack auf Kaviar-Toast und scharfkantigen veganen Eierscheiben zu servieren.

«Eine Sammlung von Zitaten, die spontan rund um die Modeszene aufgegriffen wurden» – so lautet die Formulierung von Loïc Prigent für diesen zweiten Band «Reich mir mal den Champagner, ich habe einen Kloß im Hals». Das Buch weckt das Interesse, ebenso wie der Titel. Doch da stellte sich mir die Frage: «Werde ich mir wirklich einen Zitatband kaufen?» Denn, das muss man sich eingestehen, Prigent versetzt uns hier einen heftigen Schlag Marketing.

 «Jedes Mal, wenn ich mit ihr zusammen bin, spüre ich, dass etwas Aufregendes passiert – nur eben woanders.»

 «Da ich meine Klamotten weiterverkaufe, habe ich weniger das Gefühl, verrückt zu sein, weil ich nicht jeden Morgen vor den 1.250 Taschen stehe, die ich in den letzten zehn Jahren gekauft habe.»

«Eigentlich ist er ganz nett, man muss nur über sein Instagram hinausschauen.»

Aber das Versprechen war zu verlockend, um das Objekt nicht mitzunehmen. Und wenn ich es so nenne, dann deshalb, weil es schon allein durch sein Aussehen ein Marketingobjekt für sich ist. Ich zähle die Merkmale auf: Ein silberner Spiegeleinband, der jeden noch so kleinen Lichtstrahl der Buchhandlung reflektiert, als wäre alles darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dann ein Etikett, das oben aufgeklebt ist, wie das AufkleberWerbeschriftzug, den man abends, wenn man schon ein bisschen beschwipst ist, hastig auf den Toilettenspiegel klebt. Und schließlich diese hier: die Schlagzeile, die einer Skandal-Titelseite würdig ist, verfasst in einer sehr fetten, geradlinigen Schriftart mit dem Namen des «Autors» – oder, treffender gesagt, des «Marketingfachmanns» … Schock!

Schon allein aufgrund dieser Faktoren werden wir zu bloßen Konsumenten reduziert, die von einer Vielzahl von Verfahren manipuliert werden, die eine starke visuelle Identität schaffen. Wenn wir aber obendrein das Pech haben, das Buch aufzuschlagen und zufällig eines der darin abgedruckten Zitate zu lesen, sind wir so gut wie verloren – wie Ratten in den Klauen einer perfekten Werbung. Ich würde sogar noch weiter gehen: eines Genies!

«Die Leute aus der Modebranche mögen nur das, was sie nicht verstehen. Man muss also einfach etwas Unverständliches machen, und schon sind sie begeistert.»

«Zum Glück hat er seine Brille, die ihm Charakter verleiht.»

«Ich brauche ein Sabbatjahr von einer Woche.»

Doch das Geniale daran geht noch weiter. Die Idee einer Zitatsammlung, in der die Zitate untereinander angeordnet sind und durch einen doppelten Zeilenabstand voneinander getrennt werden, ermöglicht eine völlige Unabhängigkeit der einzelnen Zitate und vor allem eine unglaubliche Neutralität. Denn auch wenn Prigent uns ein unterhaltsames Vorwort liefert, in dem sich journalistischer Schreibstil, Sarkasmus und Zuneigung zu seinen «Kollegen mit außergewöhnlichem gesunden Menschenverstand» sowie eine Liebe zur Mode vermischen, so bleibt diese Sammlung dennoch frei von Meinungen, Kommentaren und Tonfall.

So werden wir selbst zu Lesern und Akteuren. Es sind unsere Meinungen über die Modewelt oder zu jedem einzelnen dieser Zitate, die den Ton angeben. Je nachdem, wie wir es wollen, kann dieses Buch sarkastisch oder urkomisch sein – oder auch verlockend, wenn wir davon träumen, in einer solchen Welt leben zu können. Kurz gesagt: Mal lachen wir beim Lesen eines Zitats, mal weinen wir vor Scham angesichts eines anderen, und mal staunen wir über die rhetorische Genialität eines dritten. Doch das Gefühl, das alle anderen übertrifft, ist dieses unanständige Vergnügen, in ein Milieu einzutauchen, das den meisten von uns fremd ist. Das Gefühl, Voyeur von hundert verschiedenen Lebenswegen zu sein und vor allem, wenn auch nur für einen Augenblick, zu dieser Welt aus Luxus und Glitzer zu gehören. Aber dabei denken wir: «Oh nein, ich wäre doch weit über so etwas erhaben»… Wer weiß!

«Das Neue daran ist wirklich die Aufrichtigkeit. Ich finde das großartig und bin gerade dabei, meine Art zu kommunizieren komplett umzustellen.»

«Meine Chefin hat mich um ein Moodboard zum Thema Wohltätigkeit gebeten, weil sie sich im Wohltätigkeitsbereich engagieren möchte.»

«– Ich bin krankgeschrieben.
– Aber warum?
– »Ich habe mich bei der Arbeit beim Öffnen einer Champagnerflasche verletzt.“

Loïc Prigent bietet uns hier also ein geniales Erlebnis: die Aneignung eines «fremden» Inhalts, der im Rahmen eines Marketingprodukts verkauft wird. Literarischer Journalismus? Tatsachen schildern – diesmal in ihrer größten Authentizität. So sehr sogar, dass sie neutral werden und den Lesern zur freien Interpretation überlassen bleiben. Ein Genie, das übrigens ein wenig schuldbeladen ist, das man mit Genuss liest, das man zaghaft kauft und das man mit Bitterkeit lobt. Denn, seien wir ehrlich, es ist ein bisschen unehrlich…

Und da man uns die Haltung einer «Luxus-Fashionista» eingeimpft hat, sei abschließend gesagt, dass Prigents Genialität hier in «einem neo-journalistischen und literarischen Ansatz“ liegt Fusion »wo sich Journalismus und Satire zu einem Farbenspiel aus sprudelndem Champagner und Kaviar vereinen, der unter einem veganen und umweltbewussten Label gezüchtet wurde.“

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Loïc Prigent
«Reich mir mal den Champagner, ich habe einen Kloß im Hals.»
Grasset-Verlag
2020
280 Seiten

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