| Ein Neuenburger Exil zu den kleinen Pariser Machenschaften

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geschrieben von Quentin Perissinotto · 22. August 2023 · 0 Kommentare

Von den ruhigen Vororten Neuenburgs bis zu den Volksaufständen in Paris führt uns Colin Thibert in das Herz des späten 18.. Jahrhundert, auf den Wegen eines ebenso aufstrebenden wie naiven Antihelden. Eine spannende Lektüre.

Ein versehentlich begangener Mord zwingt Alexandre-Joseph Martinet-Dubied, die Druckerei seiner Familie und das unabhängige Fürstentum Neuenburg zu verlassen und nach Paris ins Exil zu gehen. Er braucht eine neue Identität: Er heißt nun Alessandro Vesperelli aus Cremona.

Nachdem der Mann in der Hauptstadt angekommen war, dauerte es nicht lange, bis er sich in die Herrenhäuser einschlich und seinen Charme und seine Tricks selbstlos einsetzte. Zunächst war er der Assistent des Arztes und Magnetiseurs Messmer, bevor er selbst Madame de Vaupertuis in ihren privaten Salons die universelle Flüssigkeit durch anmutige Berührungen einflößte.

Doch Alessandro Vesperelli hat nicht die Absicht, es dabei zu belassen und seinen sozialen Aufstieg zu bremsen. So gibt er den Sirenen eines alten Marquis nach, der sich für Katoptrik begeistert, und verwandelt sich in einen Liebhaber. Die Raupe wird zum Schmetterling und die einfache Hilfskraft zum Ritter befördert. Doch sein Appetit auf die Welt wird nicht gestillt.

Ein falscher lombardischer Ritter für ein Italienisches Theater

Colin Thibert führt seine Geschichte mit einem Paukenschlag weiter, indem er die Ereignisse, Missverständnisse und Wendungen der Charaktere aneinanderreiht, ohne das Tempo zu drosseln. Der französisch-schweizerische Schriftsteller führt uns in ein verrücktes Epos, das von listigen Fälschern, exzentrischen Aristokraten, hinterlistigen Händlern, katastrophalen Handwerkern und großbürgerlichen Ganoven bevölkert wird.

Das macht diesen Zerschmetterter Ritter ist sowohl ein historischer Roman als auch ein Abenteuerroman: Der Autor verwendet keine langen Beschreibungen, um die Epoche zu schildern, sondern lässt sie uns durch die Handlungen des jungen Antihelden erleben. Die rasante Handlung verliert sich nicht in überflüssigen Details, sondern wird dem Leser im Stil eines Boulevardstücks mit vielen Tricks und Schelmenstücken nahegebracht. Mit diesem falschen Ritter aus der Lombardei kann man sich wunderbar zum Narren halten lassen.

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Aber nicht nur die Erzählung, sondern auch die Dialoge sind sehr lebhaft - das Duell der Bibelzitate ist ein Wunder an Humor - und der Tonfall des Erzählers schwankt zwischen scherzhaft und eloquent, amüsant und scharfzüngig. Am Vorabend der Revolution fliegen die Witze so schnell wie die Köpfe! Die Sprache ist ein Genuss und man merkt, dass der Autor sich selbst und seine eigenen Leute erfreut. Eines ist sicher: Colin Thibert hat einen Sinn für Wortwitz. Das Ergebnis ist eine Reise mit zügellosem Temperament, die von einer respektlosen Energie getragen wird.

«Auf dem Stoppelparkett scheint der junge Schweizer zu tanzen, Herr eines Balletts, dessen Takt er vorgibt. Die Männer attestieren ihm Haltung, und hinter ihren Fächern träumen die Frauen von Unanständigkeiten.»

Colin Thibert hat mit Schwung und Kühnheit einen köstlichen Roman geschrieben, der sowohl erfrischt als auch unterhält. Es gibt nur wenige Bücher, die Literatur und Unterhaltung miteinander verbinden. Dieser Zerschmetterter Ritter gelingt dies mit Bravour.

Schreiben Sie dem Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com

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Colin Thibert 
Der zerschmetterte Ritter

Verlag Héloïse d'Ormesson 
2023 
208 Seiten 

Quentin Perissinotto
Quentin Perissinotto

Kundenberater und Schriftsteller, Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker für Le Regard Libre.

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