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Literatur

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Lob des langen Satzes4 Leseminuten

von Pablo Sánchez
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lange Sätze

Im Zeitalter der Slogans und der flüchtigen Aufmerksamkeit setzt sich der kurze Satz durch. Er ist knallig, schlagkräftig und verkaufsfördernd. Doch es gibt Räume, die sich dagegen wehren. In den Windungen der Literatur holt die Sprache wieder Luft.

Wir leben in der Herrschaft des kurzen Satzes. Das liegt an den kommunikativen Geboten, die Aufmerksamkeit zu erregen, die Botschaft zu verinnerlichen und sofort zu überzeugen. Wenn der moderne Mensch in sozialen Netzwerken unterwegs ist, wird er mit Sätzen überschüttet, die auf den Punkt kommen. Die Texte stellen stolz ihre etwas erzwungenen Anaphern zur Schau. Es ist kurz, es ist getaktet, es ist repetitiv. Es muss geworben werden, ein Rhythmus geschaffen werden. Dynamisch. Direkt. Kurz.

Verstehen wir uns nicht falsch, das Anliegen ist legitim. Man muss klar und prägnant formulieren, um verstanden zu werden. Lange Sätze verlieren ein ständig angeregtes Publikum. Aufmerksamkeit muss man sich hart erkämpfen. Ähnlich wie der architektonische Minimalismus entschlackt der kurze Satz. Dennoch gibt es in einer Welt der pastellfarbenen schwedischen Lofts noch orthodoxe Kirchen der Sprache, Räume, in denen sich die Wörter dehnen, Kommas sich häufen, Abschweifungen blühen und Sätze sich umschlingen.

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Die Literatur ist dieser Ort der sprachlichen Ekstase par excellence. Ihre vollkommene instrumentelle Nutzlosigkeit gibt den Autoren die Freiheit, die Sprache atmen zu lassen und Überflüssiges zu wagen. Das Ornamentale wirkt nicht mehr verdächtig, und der Leser kann immer noch durch die Schichten des Textes wandern, wie man einen barocken Palast erkundet. Nehmen wir Joris-Karl Huysmans, einen Schriftsteller von absoluter Raffinesse, der das prächtige Gemälde beschreibt Salome tanzt vor Herodes von Gustave Moreau (siehe nebenstehend) in A Rebours (1884):

«Um diese Statue [Herodes] herum, die unbeweglich in der hieratischen Pose eines Hindu-Gottes erstarrt war, brannten Düfte und sprühten Dampfschwaden aus, die von den Feuern der in die Thronwände eingelassenen Steine wie die Phosphoraugen von Tieren durchbrochen wurden; dann stieg der Dampf auf und entfaltete sich unter den Arkaden, wo sich der blaue Rauch mit dem Goldstaub der großen Tageslichtstrahlen vermischte, die von den Kuppeln fielen. (...)
Mit gesammeltem Gesicht, feierlich, fast erhaben, beginnt sie [Salome] den lüsternen Tanz, der die schlummernden Sinne des alten Herodes wecken soll; ihre Brüste wellen sich und beim Reiben ihrer wirbelnden Ketten stehen die Enden auf; auf ihrer feuchten Haut glitzern die Diamanten, die an ihr befestigt sind; ihre Armbänder, Gürtel und Ringe spucken Funken; Auf ihrem triumphalen Kleid, das mit Perlen besetzt, mit Silber verzweigt und mit Gold überzogen ist, brennt der Panzer der Goldschmiedekunst, bei dem jede Masche ein Stein ist, in Flammen auf, kreuzt feurige Schlangen, wimmelt auf dem matten Fleisch, auf der teerosen Haut, ebenso wie prächtige Insekten mit blendenden Elytren, die karminrot marmoriert, auroragelb punktiert, stahlblau diapariert und pfauengrün getigert sind.»

Was für ein Wirbelwind von Worten, um einen einfachen Tanz zu beschreiben! Aber Schönheit bleibt ein Grundbedürfnis, ja sogar ein Imperativ. Im Gegensatz zur Rentabilität des Wortes erhebt die literarische Erfahrung das Individuum. Die Beziehung zu den Worten nimmt eine tiefe und sinnliche Wendung. In der Literatur kann der moderne Bürger, der mit «schlagkräftigen» Sätzen überschüttet wird, Zuflucht finden. Er verliert sich in einem ziellosen Spaziergang und lernt wieder, die Sprache in einem langsamen und kontinuierlichen Atemzug zu erleben.

Journalist und Berater, Pablo Sánchez ist Redakteur beim Regard Libre. Schreiben Sie dem Autor: pablo.sanchez@leregardlibre.com

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