«Sigmund Freud noho ma ka pale umauma» ertönte aus dem Nekrophon*.

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geschrieben von Anaïs Sierro · 16. März 2021 · 0 Kommentare

Bücher am Dienstag - Anaïs Sierro

Wer ist da? ist sicherlich die Frage, die man der Autorin Carla Demierre stellen könnte, wenn man ihre zehn Fiktionen liest. Wer ist in ihrem Kopf, während sie ihre Zeilen schreibt? Man bewegt sich in einem völlig verrückten, lustigen Universum, das manchmal völlig wissenschaftlich-seriös, oft spirituell-perché und vor allem wahrheitsgetreu-sonor ist. Ein solcher Satz könnte - ohne jede Anmaßung - in dieser Sammlung von Fiktionen stehen, die ein gemeinsames Thema haben: den Klang und seine Erforschung auf absurde Weise. Die Aufnahme eines Schamanen, einer Frau, die Marsianisch oder Hawaiianisch spricht (wir haben es selbst noch nicht herausgefunden), einer Umwandlung von seltsamen Erinnerungen, der Stimme eines Verstorbenen - kurz gesagt, alles, was man aufnehmen kann. Und das Talent der Autorin besteht darin, dass sie uns nicht nur in Geschichten, sondern vor allem in eine literarische Kunstperformance entführt. «Wenn Worte Klänge übersetzen» - nichts könnte dieses Buch, dieses Kunstwerk, besser zusammenfassen. Oh und ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen den Titel später übersetzen werde...

Wie viele Fragen stellen sich beim Zuklappen dieses Buches hinsichtlich der Person, die sich hinter diesen Worten verbirgt – oder eben auch nicht. Carla Demierre ist in erster Linie Künstlerin und erst in zweiter Linie Autorin. Ausgebildet in Genf und Montreal in den Bereichen Kunst und literarisches Schaffen, besteht für sie kein Zweifel daran, dass ein Buch ein Kunstwerk ist. Doch sie ist nicht nur Künstlerin, sondern vor allem auch Forscherin oder Entdeckerin im Bereich der Kunst. Klänge, gedruckte, akustische und visuelle Formen sowie technische Fakten und historische Konzepte – sie experimentiert mit einer künstlerischen Gattung, indem sie all dies miteinander vermischt und in Worte fasst.

Sein Schreibstil in Wer ist da?, ist so klangvoll, dass der Hintergrund manchmal in den Hintergrund tritt. Mal macht er Platz für Wahnsinn, mal für Poesie und manchmal für eine Form literarischer Spiritualität. Und genau wie bei der Poesie genießt man diese gekonnte Mischung beim Vorlesen noch besser… So versetzt uns die Autorin in eine seltsame Trance, verloren zwischen Unverständnis und Wahnsinn oder zwischen einem offensichtlich mit technischer und historischer Präzision dokumentierten Hintergrund – den Aufnahmeverfahren jener Zeit – und einer erfundenen Form. Man weiß nicht mehr so recht, wo man sich einordnen soll. Aber verdammt, ist das köstlich!

«Die Hellseherin richtete ihre Gedanken auf einen Gedanken: ihre Gedanken auf diesen Gedanken zu richten (ihre Gedanken auf einen Gedanken zu richten).“.

                                             Diese Idee

                                                                                       Eine Idee

                                             Diese Idee

                                                                                       Eine Idee

                                             Diese Idee

                                                                                       Eine Idee

                                             Sich konzentrieren

                                                                                       usw.»

Abgesehen von Carla Demierres Schreibstil, der uns wie ein literarisches Opium mit genussvollen Klängen erscheint, ist die zugrunde liegende Kritik stahlhart. Ist das eine Absicht der Autorin? Oder ist es unsere voreingenommene Lesart, da wir nicht umhin können, uns als Experten aufzuspielen? buchstabierfreudig die den Autoren lediglich Absichten von unbestreitbarem literarischen Wert unterstellen wollen? Wie dem auch sei, diese Besessenheit, die die Figuren (oder Maschinen) – die «Klangjäger» – offenbar haben, die Stimmen von Geistern, traditionelle Gesänge oder auch die Stimmen von Nutzern künstlicher Intelligenz aufnehmen zu wollen, löst in uns ein seltsames Unbehagen aus. Da wir das Bedürfnis verspüren, hinter die bloßen aufgezeichneten Klänge zu blicken, ist es in Wirklichkeit die Intimität dieser Klänge, die wir suchen. Carla Demierre besitzt eine solche Fähigkeit, sie präzise zu benennen und zu beschreiben, dass sie über ihre bloße Natur hinauswachsen. Sie sind Erbe, Wissen und Wahnsinn, Erinnerungen, Erkenntnis und Größenwahn. Sie sind. Die Klänge sind.  So wird die Aufnahme zu einer Verletzung, einer Aneignung und einem Eingriff. Als ob man durch das Aufnehmen eines Klangs dessen Geheimnisse, das verborgene Wissen seiner Entstehung, in Besitz nähme. Das Unbehagen ist da. Vielleicht ist es also gerade dieses Unbehagen, «das da ist».

«Der Atem wurde lauter, abwechselnd beim Buchstaben F und beim Buchstaben S, jedes Mal lauter. […] Es war zugleich komisch und unangenehm anzuhören, denn der Atem enthielt ein feuchtes, abgehacktes Röcheln, das die Anatomie des Rachens allzu deutlich vor Augen führte.»

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Ein Kunstobjekt für den Außenbereich – das ist das edle Markenzeichen des Verlags Kunst & Fiktion - genauso wie im Inneren. Dieser Sammelband ist eine künstlerische Performance, an der wir mit unseren Augen und Ohren teilhaben. Geschichten, die wir nicht wirklich verstehen, nach denen wir aber immer wieder verlangen, als wären wir bereits süchtig nach dem Opiat dieser Linien. Das Unverständnis bleibt reizvoll, denn man versetzt sich in die Lage eines Verrückten, der nicht genau versteht, was um ihn herum geschieht, der sich aber durch Klänge, Bilder und Worte in einen Wahnsinnsrausch flüchtet, in einen gar nicht so schlecht Trip. Wer ist da? oder einen Unsinn schreiben und ihn auslösen.

«A: Hör dir das mal an: [C’.e.s.t.t.o.u.t.b.i.z.a.r.r.e]. Der Finger [Klick] und das Tonbandgerät [frgtch-grt-g.rcht-ftt]. C’.e.s.t.t.o.u.t.b.i.z.a.r.r.e.

B: Ja, na ja

C: Noch einmal in Zeitlupe. D…a…s… i…s…t… a…l…l…s… s…e…r…i…e…u…s…

A: Ha-ha! Das klingt wie Bretonisch…

B: Aber er ist doch gar kein Bretone!?

C: »Nein, das liegt wohl an der Gruppe, aber manchmal.“

P.S.: Wie versprochen: «Sigmund Freud noho ma ka pale umauma»*2 bedeutet: ???
Lest das Buch, dann werdet ihr es erfahren!

*1 Das Nekrofon ist ein Aufnahmegerät, das dazu diente, die Stimmen der Verstorbenen aufzuzeichnen, um mit ihnen zu kommunizieren.

*2 Deutsche Übersetzung: Sigmund Freud sitzt beim Friseur.

Schreiben Sie der Autorin: anais.sierro@leregardlibre.com

Bildnachweis: Illustrationsbild aus dem Buch Tonabnehmer und Musikverstärkung von P. Hémardinquer

Carla Demierre
Wer ist da?
Kunst & Fiktion
2020
156 Seiten

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