«Das erzählt Sarah»: Ein Choix Goncourt aus der Schweiz im Herzen einer lesbischen Leidenschaft
OLYMPUS DIGITALKAMERA
Le Regard Libre Nr. 51 - Loris S. Musumeci
Ein Überblick über einige der wichtigsten Literaturpreise, Folge #4
«Es erzählt von Sarah, ihrer beispiellosen Schönheit, ihrer steilen Nase wie ein seltener Vogel, ihren Augen mit einer unerhörten Farbe, steinig, grün, aber nein, nicht grün, ihren Augen mit Absinth, Malachit, umgeklapptem Grüngrau, ihren Schlangenaugen mit den hängenden Augenlidern. Es erzählt von dem Frühling, in dem sie in mein Leben trat, wie man eine Bühne betritt, voller Elan, erobernd. Siegreich.»
Sie wissen also, worum es geht. Es erzählt Sarah, Nun, Sarah erzählt. Es erzählt Sarah durch die Augen einer Erzählerin, in die sie sich verliebt. Mit ihr erlebt sie eine verrückte und erotische Leidenschaft. Dann das Ende dieser Liebe und der langsame Tod, der durch die Trennung eingeleitet wird. Das Thema ist einfach, das Buch ist kurz, was den Juroren der Schweizer Goncourt-Auswahl gefiel.
Dieser Literaturpreis ist direkt und offiziell mit der Académie Goncourt verbunden. Neben der Schweiz wählen zwölf weitere Länder ihren eigenen Goncourt aus den Romanen, die für den Haupt-Goncourt in Frage kommen. Die Schweiz nimmt seit 2015 an diesem literarischen Abenteuer teil und hat sich bereits durch qualitativ hochwertige Argumente und Entscheidungen des Zentralkomitees hervorgetan.
Warum also hat eine so kurze, fulminante Geschichte die Leser in ihren Bann gezogen? Zwei Dinge: der Stil und die Vergänglichkeit. Zwei Punkte, die für dieses Buch charakteristisch sind. Beim Lesen ist es beeindruckend, wie die Augen von einem Satz zum nächsten, von einer Zeile zur nächsten gleiten. Das ist eine mehr als überraschende Erfahrung. Pauline Delabroy-Allard beschränkt sich auf das Nötigste; ihr trockener und nüchterner Schreibstil bewegt sich ohne Atemholen im Rhythmus des Herzschlags.
Auch zu lesen: François, Porträt eines Abwesenden: ein Dezemberpreis der Freundschaft
Worte, Worte und Worte fliegen vorbei und ohne zu warten, treffen wir Sarah mit der Erzählerin, lassen uns verführen und begeben uns mit ihnen auf die heißen Seiten des lesbischen Sex. Das ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber die Erfahrung lohnt sich. Auch wenn der zweite Teil des Romans das frenetische Tempo der Idylle unterbricht, um sich zusehends zu verlangsamen und in dem morbiden Gefühl zu verharren, zu sterben, weil die Liebe nicht mehr da ist. Ich war von dieser Fortsetzung weniger überzeugt. Dennoch hat die Wahl der Schweizer Juroren das Verdienst, eine originelle und vielversprechende Literatur zu feiern, die etwas Neues und Aufregendes in sich trägt.
«Sie erhebt sich über mir, ihre Brüste sind nackt und stolz, sie ist schön und tragisch schön. Die Zeit dehnt sich, bleibt fast stehen. Alles wird langsam und lang. Mein Herz rast durch meine Brust, durch meine Venen, durch meine Schläfen. Auf den Knien neben mir sieht es aus wie eine Ikone, ein religiöses Bild. Man könnte meinen, dass sie betet. Sie berührt mich nicht. Sie streichelt mich mit ihrem Blick. Ein Moment der Gnade. Ein heiliger Moment. Schweigen. Dann schaut sie mir in die Augen und drückt ihre Finger in mich hinein, weit, sehr weit, so weit, dass es mich dazu bringt, den Kopf zu drehen, die Augenlider zu senken. Sie haucht gegen meine Wimpern, ihr Mund ist ganz nah an meinem. Sie flüstert Worte der Liebe, die mich durchdringen. Ihre Finger sind lang, verloren in mir, sie spielt tief in meinem Bauch eine Musik, die mich verrückt macht. Sie lässt meinen Körper sich winden, meine Lenden sich aufbäumen, sie hört nie auf. Sie geht immer weiter und weiter, immer schneller, so dass ich nur noch eine Stoffpuppe, eine Marionette bin».»
Dieser Artikel ist Teil der letzten Folge unseres Dossiers über Literaturpreise, das in unserem 51. Ausgabe hier bestellt werden.
Schreiben Sie dem Autor: loris.musumeci@leregardlibre.com
Bildnachweis: © Loris S. Musumeci für Le Regard Libre
Einen Kommentar hinterlassen