Intimes in Reinform
Eine gute Zeit verbringen, ein Martyrium, oder einfach nur denken, dass man plötzlich das Gefühl hat, sein Leben wirklich zu leben. Die wechselnde Farbe des Himmels und der Sonne betrachten, die eines Nachmittags Damaskus überflutet. In Vevey eine Unterschriftensammlung mit Chappaz, Corinna Bille und Georges Borgeaud durchführen. Zwei Kühe und drei Kälber für die Metzgerei verladen und dem Metzger die feste Hand schütteln. Verheißen, verzweifelt versprechen, Artikel für Zeitungen zu schreiben. Unter einem Olivenbaum auf dem südlichen Peloponnes scheißen. Die Zeit messen, indem man Holzscheite ins Feuer legt. Den Kopf in die Schultern ziehen und spüren, wie der Regen auf die Stirn tropft. Mit anderen Worten: Auf dieser Erde zu verweilen und nur zu verweilen, indem wir das Muster unseres Kommens und Gehens, die Erzählung unserer Wanderungen, das Segment unserer Wege, die Erzählung unserer geheimen Anziehungen und unserer Abneigungen auf das Papier eines Tagebuchs kratzen - das ist es, was diese Sonderausgabe der Zeitschrift Die Literarischen Momente, In diesem Buch geht es um das Leben von Schweizer Tagebuchschreibern aus drei Jahrhunderten, von Henri-Frédéric Amiel bis Douna Loup.
Récemment, un éditeur m’a dit que cinq pour cent des lecteurs lisaient la préface d’un livre. Pour être à contre-courant, parlons de la préface avant de plonger tête la première dans la vie des autres. D’emblée, le lecteur qui ouvrira ce livre sera informé par Jean François Duval du processus éditorial de ce numéro. Ce qui est très utile, et payant, pour tous les curieux qui veulent connaître l’élaboration d’un tel chantier, les motivations à l’origine du projet ainsi que les doutes rencontrés en chemin. De la sempiternelle question qui hante encore d’irréductibles gaulois du milieu du livre suisse: «Qu’est-ce qu’une littérature romande à l’heure où la jeune littérature romande est de plus en plus “métissée et polyphonique”?» à la dénomination du journal intime lui-même: «Faut-il l’appeler journal? Feuillets? Notes?» Une question cardinale sort du lot de cette aventure: «Qu’est-ce qui relève réellement de l’intime?» Et pour tenter d’aller plus loin, on pourrait se demander qui se cache derrière les courbes de telle ou telle plume. Ou ce qu’il est important de narrer, en tant que diariste, de la course folle de nos atomes. A quelle fréquence s’évertuer, le soir ou le matin, à noircir un cahier pour y fixer le temps qu’il fait, une rencontre, ou allez savoir, l’accident du jour?
Sobald diese Fragen ins Feuer geworfen sind, haben Sie die Gelegenheit, kopfüber in verschiedene Intimitäten einzutauchen. In das riesige Tagebuch von Henri-Frédéric Amiel, in das emotionale Tagebuch von Monique Saint-Hélier, in das liebevolle Fototagebuch von René Groebli oder auch in das wirbelnde Tagebuch von Corinne Desarzens. Und das Reizvolle an der Intimität ist der Blick. Der Blick, den diese Tagebuchschreiber auf ihre Zeit und auf die Unwägbarkeiten, die sie durchziehen, richten. Wie die tageszeitlichen Bewegungen des Himmels. Wie das Gewitter an einem Sonntag, dem 12. September 1869, in Charnex:
«(Fünf Minuten später.) Völlige Überflutung, nur eine Ecke bleibt hell, der Eingang zum Wallis ... Da ist es erloschen. Die Grenzen von Himmel und Erde sind verschwunden. Ich kann mich in einem Ballon wähnen. Dennoch ist der Regen sanft und seelenvoll. Die Drohung war schrecklicher als der Schlag. Selbst das Gewitter bewahrt eine Art musikalische Sanftheit und väterliche Güte. Der Löwe macht eine Samtpfote. Vielleicht ist diese Sanftheit das Merkmal des Herbstes? Der September kennt nicht mehr die Wut des Juli. Das Alter dämpft, mäßigt und erweicht die Ausbrüche einer anderen Jahreszeit. Auch die Elemente scheinen sich mehr zu beherrschen und ihre wilden Ausbrüche zu unterdrücken.»
Plusieurs diaristes réunis, c’est forcément une bouquet de voix, de personnalités, d’égo et d’impressions. Chacun a sa perception des choses humaines. Il y aura donc fatalement des journaux qui plairont, d’autres qui rebuteront, d’autres qui réveillent. Si certains s’inscrivent dans une histoire littéraire commune, partagée comme le pain, c’est le cas du poète Alexandre Voisard qui doit répondre à Alain Bosquet lui posant la question de définir (en moins de dix mots) sa poésie. Si certains partent de l’individu pour aller au-delà, le franchir, le dépasser pour finalement rejoindre une mécanique d’ensemble, universelle et quasi astrale, en parlant des autres, du temps qu’il fait, de la découverte d’un nouveau livre, etc.
Während die einen natürlich das Papier schwärzen, um etwas zu erfinden, ein Stück Geschichte in eine Ecke zu schreiben, ein Gedicht zu verfassen, um eine Episode des Tages festzuhalten oder besser noch, um von der Realität des Existierens zu sprechen, wie es bei diesem Gedicht von Jérôme Meizoz am Ende der Rezension der Fall ist, drehen sich andere im Kreis und folgen nur der Zentrifugalbewegung ihrer eigenen Beschleunigung, kehren immer wieder zu sich selbst zurück, diesem einzigen Ausgangs- und Zielpunkt, ohne jemals jemanden zu erreichen. Wieder andere erzählen ein bisschen, geben ein paar Geständnisse ab, wie zum Beispiel die Dolce Vita von Roland Jaccard, der über seine Arbeit, verpennte Blumenmädchen, seine Neuralgie, sein Schreiben, kurz: seinen Alltag in den Achtzigerjahren spricht.
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Jedem seine eigene Zeitung. Jedem seine Stimme und sein Stil. Denn die Tagebuchschreiber in dieser Ausgabe verfügen zweifellos über eine literarische Verve und eine bekannte und anerkannte Qualität des Schreibens, die diese Sonderausgabe zu einem Buch machen, aus dem man sich wahllos einen aufmerksamen und einzigartigen Blick auf die vergehenden Tage herauspicken kann. Und für diejenigen, die nach all diesen verschiedenen Tagebüchern, nach all diesen Introspektionen etwas anderes lesen und nichts mehr vom Intimen erwarten wollen, gibt es immer noch Michel Tournier und seine Extimes Tagebuch, à lire sans modération, pleinement tourné vers l’extérieur au moyen d’une écriture du dehors.
«Boxen
Die anderen sind die Realität
und du
du bist eine Fiktion
hat dir der Spiegel heute Morgen gesagt.
Im Moment
du würdest sie gerne haben
gebrochen
aber sogar
blutende Finger,
Boxer,
würde das nicht ausreichen, um zu beweisen
dass du existierst»
Dem Autor schreiben: [email protected]
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Jean-François Duval
Amiel & Co: Schweizer Diaristen
Literarische Momente N°43
Zoé-Verlag
2020
333 Seiten
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