Covid-Management in der Schweiz: Zu viel oder zu wenig Föderalismus?

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geschrieben von Jonas Follonier · 20. November 2021 · 0 Kommentare

Die Sache scheint klar zu sein: Hätte die Schweiz in ihrem politischen System nicht das Instrument des Föderalismus, wäre die Bewältigung der Covid-Krise effizienter verlaufen. Oder besser gesagt, gemäß dem Vorsorgeprinzip «weniger ineffizient». Die Tatsache, dass der Bund trotz seiner Sonderbefugnisse in dieser Ausnahmesituation die Kantone konsultieren muss, bevor er wichtige Entscheidungen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit trifft, erscheint vielen Kommentatoren – ob Fachleuten oder Stubenphilosophen – absurd. Und dass eben diese Kantone untereinander widersprüchliche Massnahmen ergreifen können, ist für diejenigen kaum erträglicher, die gerne mit dem berühmten Refrain daran erinnern, dass «das Virus keine Grenzen kennt» – was ja auch stimmt. Dass es zu Beginn der Krise noch ausreichte, einfach die Grenze zwischen Neuenburg und Bern zu überqueren, um in einem Restaurant essen zu gehen, wäre der perfekte Beweis für diese «Kakophonie».

Aber es gibt auch eine andere Sichtweise auf die Dinge. Das ist zumindest die Meinung verschiedener Experten, die die These vertreten, dass die Schweiz bessere Ergebnisse erzielt hätte, wenn sie nicht weniger Föderalismus, sondern mehr des Föderalismus. Zu ihnen gehört Mark Schelker, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg, der im April unter anderem in der Wirtschaftsleben zusammen mit Christoph A. Schaltegger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Luzern, einen Beitrag mit dem Titel «Covid-19: Welchen Nutzen hat der Föderalismus in Krisenzeiten?» verfasst und am „Journée libérale romande“ im vergangenen Oktober einen Vortrag zu diesem Thema gehalten.

Welche Argumente sprechen für diese wenig beachtete und kaum beachtete Position? Zunächst einmal bewahrheitet sich diese von Hayek theoretisch dargelegte Vorstellung, dass Informationen lokal verfügbar sind, sogar im Falle einer Pandemie: Jeder Kanton verwaltet sein eigenes Spitalsystem, weist eine bestimmte Mentalität in seiner Bevölkerung auf, liegt geografisch mehr oder weniger nahe an den Virusherden usw. Zudem ist in einem Kontext grosser Unsicherheit nicht nur die Entwicklung einer Vision erforderlich, sondern auch eine gewisse Bescheidenheit. Dies macht Vergleiche zwischen Ländern, aber im Falle der Schweiz auch zwischen Kantonen besonders relevant. Dahinter steht die Idee, dass der Wettbewerb der Massnahmen zu einer optimierten Nutzung der Ressourcen und zur raschen Erkennung fehlerhafter Entscheidungen führt.

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Natürlich gibt es Voraussetzungen für das reibungslose Funktionieren des Föderalismus. Als Beispiele seien hier die steuerliche Äquivalenz (Ausgaben und Einnahmen müssen auf derselben Ebene finanziert werden) und die Einheit von Zuständigkeit und Verantwortung genannt (wenn eine Ebene für eine Aufgabe zuständig ist, muss sie auch die Verantwortung dafür tragen). Die aktuelle Situation hat die Grenzen der Vergemeinschaftung von Zuständigkeiten aufgezeigt. Zudem darf man nie vergessen, dass Föderalismus keine Kompetenzübertragung «von oben» – vom Bund an die Kantone – ist, sondern «von unten»: Die Kantone entscheiden gemeinsam mit dem Volk, welche Kompetenzen sie dem Bund übertragen möchten.

Die Debatte sollte zumindest stattfinden. Nicht, um im Nachhinein Bedauern oder Vorwürfe hinsichtlich des Umgangs der Schweiz mit Covid-19 zu schüren. Sondern vielmehr, um die in der Schweizer Demokratie nach wie vor lebendige Reflexion über den Föderalismus anzuregen. Dabei geht es sowohl um die Vermeidung ähnlicher Ereignisse wie derjenigen, die wir heute erleben, als auch um die Bewahrung unseres politischen Systems, seines Verständnisses und seiner Weiterentwicklung.

Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

Zeichnung: © Nathanaël Schmid für Le Regard Libre

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Jonas Follonier
Jonas Follonier

Jonas Follonier ist Chefredakteur von «L’Agefi» und Essayist sowie Gründer und Vorsitzender von «Regard Libre».

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