Schweiz Tribüne

Für ein starkes föderales Europa

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geschrieben von Yann Fauconnet · 19. August 2017 · 1 Kommentar

Europa wird in den kommenden Jahrzehnten zweifellos mit zahlreichen Herausforderungen auf technologischer, politischer, institutioneller, militärischer, identitätsstiftender, kultureller, religiöser, sozialer und ökologischer Ebene konfrontiert sein. Doch welche Rolle soll Europa dabei spielen?

Für dieses Plädoyer ist es von entscheidender Bedeutung, die folgenden Prämissen festzulegen: Es geht hier um Europa im weiteren Sinne, d. h. vom Atlantik bis zum Ural, von Island bis Anatolien, von der Straße von Gibraltar bis Murmansk, über die Alpen und den Balkan; Dabei werden die derzeitigen politischen Entscheidungsträger, unabhängig davon, ob sie der Idee eines starken Europas ablehnend gegenüberstehen oder nicht, außer Acht gelassen. Der Schlüssel zum Erfolg dieses Europas und damit zu seinem Überleben muss auf drei Grundsätzen beruhen: Frieden, föderale Institutionen und verstärkte Zusammenarbeit.

Ein grundlegender Frieden

Die heutige Europäische Union (EU) wurde, wie bekannt ist, auf wirtschaftlicher Grundlage gegründet, um einen dauerhaften Frieden zwischen zwei ehemaligen Feinden zu sichern, die heute wohl die engsten Verbündeten der Welt sind. Das Europa von morgen muss diesen Weg und dieses Friedensideal fortsetzen.

Kriege kommen immer nur einem kleinen Kreis von Menschen zugute, sehr selten jedoch der betroffenen Zivilbevölkerung während und nach dem Konflikt. Im Falle Europas scheint dies die Ausnahme zu sein, die die Regel bestätigt: Wie ein Phönix, der aus der Asche aufersteht, ist es Europa gelungen, wieder auf die Beine zu kommen und gemeinsam voranzukommen.

Ein solides föderales Modell von unten nach oben

Wenn das Europa von morgen sich durchsetzen und seine Legitimität am Tisch der großen politischen Mächte dieser Welt festigen will, muss es sich dringend ein klares föderales politisches und institutionelles System geben, das in einer neuen europäischen Verfassung fest verankert ist. Die Vielfalt des Kontinents in den zuvor genannten Bereichen verlangt geradezu nach einer klaren Aufteilung der Zuständigkeiten zwischen den künftigen Bundesstaaten und der föderalen Ebene.

Die Außenpolitik, die Streitkräfte, die Kontrolle der Außengrenzen und die Steuerung der Einwanderung sollten im Interesse der Kohärenz ausschließlich in die Zuständigkeit des Bundes fallen. Dagegen sollten Bildung, Kultur sowie die Gesetzgebung im Zivil- und Strafrecht weiterhin in der Zuständigkeit der Bundesländer liegen.

Dies sind zwar nur Beispiele, doch vor jeder Kompetenzverteilung muss eine unabdingbare Voraussetzung erfüllt sein: Es sind die künftigen Bundesländer, die der Bundesebene diese Kompetenzen von unten nach oben übertragen, und nicht umgekehrt, wie es im kanadischen System der Fall ist.

Was das (einzige) Recht zur Geldprägung betrifft, müssen diese künftigen Institutionen mit dem derzeitigen Konzept der Eurozone tabula rasa machen und neue Grundlagen schaffen, um die begangenen Fehler zu vermeiden. Das Gleiche gilt für die Finanzpolitik.

Ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten?

Die Frage nach einem – oder vielmehr mehreren – institutionellen Europas mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten wurde kürzlich in den traditionellen Medien als möglicher Ausweg aus der Sackgasse thematisiert, in die sich die Europäische Union manövriert hat. Man sollte vielmehr davon ausgehen, dass diese zahlreichen Europas bereits existieren und mehr oder weniger effizient funktionieren.

Sie tragen die Namen EU, EFTA, NATO, OSZE, OECD, Schengen/Dublin-Raum, Europa-Zone und Europarat. Einige beschränken sich auf den Kontinent, andere sind weitaus größer. Man muss dieses Modell der Vielfalt der Zusammenschlüsse beibehalten und den Staaten, die bei bestimmten Themen gemeinsam weiter voranschreiten wollen, die Freiheit lassen, dies zu tun, anstatt sie zu bremsen – oder sie sollen austreten.

Dies darf einer engagierten Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen keineswegs im Wege stehen, vorausgesetzt, dass sie den Europäern zugutekommt.

Eine Schweiz in Alarmbereitschaft

Was soll die Schweiz tun, werden Sie mich fragen? Angesichts der aktuellen Lage kann sie nur eines tun: abwarten. Abwarten und intern darüber diskutieren. Auf den richtigen und passenden Anlass warten. Abwarten, bis das künftige föderale Europa reif und ausgereift ist, um sie aufzunehmen. Abwarten, bis sich das Volk an den Gedanken gewöhnt hat, dass ein föderales Europa kein Ungeheuer, sondern eine Chance ist. Abwarten, bis der Volksentscheidungsprozess buchstabengetreu und nach allen Regeln der Kunst respektiert wird – andernfalls droht ein endgültiges Zuschlagen der Tür für jede Perspektive einer Integration in Europa.

Ein mit Hindernissen gepflasterter Weg zum Olymp

Die Europäer sind in der Lage, voranzukommen, wenn sie es wollen und wenn sie diese Chance, sich durchzusetzen, rechtzeitig ergreifen.

Es ist ein langer Weg, bis wir dieses Modell erreichen können, und niemand behauptet, dass er einfach sein wird – ganz im Gegenteil. Es wird immer wieder politische Entscheidungsträger geben, die sich mit allen Mitteln dagegen wehren, um an einer überholten historischen Sichtweise festzuhalten.

Es geht keineswegs darum, die eigene Geschichte zu ignorieren, ganz im Gegenteil: Auf fast tausend Jahre fast ununterbrochener Kriege, Blutvergießen und Zerstörung folgte die Gründung der EGKS – ein stabiler Frieden, der mit zunehmender, wenn auch noch unvollkommener Rechtsstaatlichkeit und Zusammenarbeit einherging.

Es fehlt nur noch eine Handvoll Visionäre in den Ländern, um diesen Schwung zu verleihen. Oder sind sie vielleicht schon da und haben ihre Positionen eingenommen?

Dieser Artikel erschien in unserer Printausgabe (Le Regard Libre Nr. 30).

1 Kommentar

  1. Angelilie
    Angelilie · 20. August 2017

    Schöner Blog. Es ist eine Freude, auf Ihren Seiten zu stöbern. Eine tolle Entdeckung und ein wahrer Genuss. Schauen Sie doch gerne mal auf meinem Blog vorbei (Link unter dem Nutzernamen).
    Bis bald

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