Rubrik: Visuelle Künste
Kunst ist nicht nur in Museen zu finden
LANGARTIKEL, Vinciane Vuilleumier | Man weiß nie, wo und wann einem die Kunst begegnet. Für eine Studentin am Ende ihres Masterstudiums in Kunstgeschichte mag diese Vorstellung seltsam erscheinen, doch in Wirklichkeit beschäftigen sich viele Menschen nicht mit der Kunst in Museen. Auch ich habe mich damals kaum damit beschäftigt, bevor ich mich in die Welt der Worte verliebte – in all das, was die Kunst in Museen zum Sprechen, Denken und Träumen anregt. Das Museum ist ein offener, öffentlicher Ort, an dem viele Dinge versammelt sind, die angeblich eine Bedeutung haben – und die haben sie auch, das stimmt, wenn man es uns sagt.
Champ et hors-champ (weiße Karte von Patrick Gilliéron Lopreno)
LANGARTIKEL, Patrick Gilliéron Lopreno | Der Schweizer Fotograf Patrick Gilliéron Lopreno präsentiert uns anlässlich des hundertsten Todestages des Schweizer Malers Eugène Burnand eine fotografische «Carte blanche», die diesem gewidmet ist.
Smallville fährt die Krallen aus
Der damals sehr erfolgreiche Pablo Picasso zeichnete eines Tages in einem Restaurant eine Skizze auf die Tischdecke. Der Wirt bot ihm an, ihm im Gegenzug für seine Zeichnung und seine Unterschrift das Essen zu spendieren. Picasso antwortete sehr amüsiert und nicht dumm, dass er sein Essen mit seiner Zeichnung bezahlen könne, dass er aber nicht das ganze Restaurant mit seiner Unterschrift kaufen wolle. Eine Anekdote, die viel über den Stellenwert der Signatur auf dem Kunstmarkt und das große Interesse der Sammler an ihr aussagt. Stolz zur Schau gestellt, wie ein heiliger Teil ihres Schöpfers, stellt die Signatur oft weit mehr als nur eine Authentifizierung dar. Als Spiegelbild der Persönlichkeit kann das Autogramm oder allgemeiner die Handschrift eine gewisse plastische und ästhetische Qualität besitzen. Signatures (X) ist eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst des Neuenburger Künstlerkollektivs Smallville.
Die Zeichnung und die Nähte des Bildes
ARTIKEL LONG FORMAT, Vinciane Vuilleumier | Werke auf Papier üben auf mich immer eine besondere Faszination aus. Vielleicht liegt das daran, dass der Bildträger immer präsent ist und eine aktive Rolle im Bild spielt - er ist schließlich der negative Raum, den man benutzt, um das Licht hervorzubringen. Auf einer Leinwand hinterlässt eine glatte, einheitliche Malschicht die Illusion, dass wir es mit einem Bild zu tun haben, nur - die Technik ist so perfekt, dass sie den Gegenstand und die Schöpfung unter dem Anschein einer Szene verbirgt. Auf einem Blatt bringen die Spuren die Zeichnung zum Vorschein, aber die markierte Oberfläche bleibt sichtbar - ihre Körnung, ihr Farbton, die Spuren der Zeit und der Abnutzung, sie leiht der Komposition ihr Material.
Schönheit als Emotion
LONG FORMAT ARTIKEL, Vinciane Vuilleumier | Bilder lehren uns zu sehen. Sie schulen unsere Sensibilität: Durch die Bilder wird das Land zur Landschaft. Alain Roger spricht von der Artialisierung in visu: Kulturelle, künstlerische oder literarische Produktionen bilden dynamisch Sehregime, indem sie uns zeigen, wie wir Teile der Realität, die wir bis dahin überflogen hatten, ästhetisch sehen können. Das erste Land, das zur Landschaft wurde, war das Land, dann folgten die Küste, die Weite des Ozeans und der grandiose Anblick der Alpen. Wenn man so viele schöne Darstellungen gesehen hat, bekommt man einen neuen, sensiblen Blick auf die Wirklichkeit, wenn sie sich in diesen anderswo betrachteten Formen präsentiert.
Die Postkarte - eine heimliche Begegnung mit der Kunst
Man hängt sie an die Wand, klebt sie in ein Notizbuch, steckt sie in ein Buch, schickt sie an einen Verwandten oder bewahrt sie zusammen mit dem Rest der Sammlung in einem Holzkästchen auf: Postkarten sind allgegenwärtig. Es gibt nichts Lebhafteres als das Gefühl, in einem Buch aus zweiter Hand eine Postkarte zu finden, die nicht die unsere war und die Zeichen eines Austauschs oder einer Erinnerung trägt, die uns entgangen ist.
«Champs», eine Ode an die Schweizer Bauern
Les bouquins du mardi - Jonas Follonier In einer Mischung aus den Fotografien von Patrick Gilliéron Lopreno und den Texten von Slobodan Despot,...
Das Werk als Ort der Erinnerung
Das Gedächtnis ist elastisch: Man kann es nach Belieben konfigurieren - und das muss man auch. Das erfordert natürlich eine gewisse Askese, denn in der Menge gehen die Reliefs verloren: "Wählen heißt verzichten", sagte André Gide. Und genau das ist der Schlüssel: Die Menge der Inhalte, die durch unser Bewusstsein fließen, zu reduzieren, unsere Aufmerksamkeit gezielt zu lenken, damit bestimmte Inhalte zu Knotenpunkten werden - zu Knotenpunkten in einem Gedächtnisnetz, das wir wie ein Kunstwerk gestalten.