Craft Beer - ein Phänomen der Mode, aber auch des Geschmacks
Die Freitage der Mikrobrauerei - Jonas Follonier
Experten sind sich einig: Der größte Genuss beim Biertrinken ist das Gefühl, wie es die Kehle hinunterfließt. Weit vor dem Geschmack ist es also der Tastsinn, der als Bindeglied zwischen dem hopfenreichen Getränk und unseren Emotionen dient. Das Wesen des Bieres lässt sich auf eine überaus sinnliche, ja sogar erotische Weise begreifen. Wer würde das leugnen, nachdem er diese so universelle Erfahrung gemacht hat: ein kühles Bierglas am Ende eines heißen Sommernachmittags, umgeben vom Duft der ersten Merguez des Abends?
Aber Vorsicht: Diese etwas prolleige Seite des Bieres – und wir alle haben unsere prolleige Seite – wurde vor einigen Jahren durch eine edlere Dimension veredelt, wodurch dieses alte Getränk wieder die ganze gastronomische Kraft erhielt, die es einst auszeichnete. Ja, klar, man kann durchaus etwas anderes trinken als ein Carlsberg oder ein Heineken. Vorbei ist die Zeit, in der man das Fassbier trank, ob man wollte oder nicht. Heute muss man das Echte bestellen, das mit Geschmack.
Lange bevor die Industrie Fuß fasste und den Geschmack der Biere nach unten nivellierte, gab es in der Schweiz eine lokal verwurzelte Braukultur. Heute erlebt das Land eine Wiederbelebung dieses helvetischen Know-hows, weniger in Form eines kulturellen Erbes als vielmehr als eine Bewegung, die von internationalen Rezepten und Herstellungsverfahren inspiriert ist. Die Brauer von heute sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und kleiden sich nach der Mode Hipster und sind vor allem Enthusiasten, die sich in ein prickelndes Abenteuer stürzen, von dem sie nicht unbedingt einen finanziellen Gewinn erwarten.
Das Ausmaß dieses Phänomens ist nicht unerheblich, sondern weltweit einzigartig. Obwohl auch in Frankreich, Belgien, Deutschland, Kanada oder den Vereinigten Staaten seit durchschnittlich den 1990er Jahren eine Zunahme zahlreicher Craft-Brauereien zu beobachten ist, ist die Schweiz das Land, das über die weltweit höchste Anzahl an Mikrobrauereien pro Einwohner (409 Brauereien im Jahr 2013). Dieser Rekord ist insbesondere der Weitsicht und dem vorausschauenden Handeln des Bundesrats zu verdanken, der in dieser Zunahme neuer lokaler Brauereien ein interessantes wirtschaftliches Potenzial erkannte und daher die Gesetzgebung lockerte, um die Entwicklung von Mikrobrauereien zu fördern.
Man muss auch sagen, dass die Schweizer eine unternehmerische Mentalität besitzen, was erklärt, warum sich viele junge Erwachsene in solche Unternehmen stürzen, obwohl es unzählige Schwierigkeiten gibt, in diesem Bereich Fuß zu fassen. Da es sich oft um eine Leidenschaft handelt, verstehen wir diesen Aufschwung auch, wenn wir bedenken, inwieweit die Lebensbedingungen des Landes, der wirtschaftliche und soziale Wohlstand der Einwohner, die Sicherheit und das Bildungssystem die Entfaltung einer solchen Tätigkeit ermöglichen. Die Schweiz, insbesondere die Deutschschweiz, ist zudem führend im Bereich der biologischen Landwirtschaft, was dazu beiträgt, dass die Menschen lokale und ökologische Produkte schätzen.
Die Folgen dieser starken Zunahme im Bereich der Craft-Biere sind erfreulich – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zunächst einmal – und diese Tatsache mag überraschend erscheinen – ist der Pro-Kopf-Bierkonsum von 71 Litern im Jahr 1990 auf etwa 57 Liter im Jahr 2009 gesunken. Die Qualität scheint also gegenüber der Quantität die Oberhand zu gewinnen, laut Laurent Mousson. Der Geschmack – wie wir bereits in der Einleitung erwähnt haben – ist das, was die Verbraucher zunehmend interessiert und was die zweite Triebkraft dieses Phänomens darstellt, diesmal aus gastronomischer Sicht. Schließlich findet das wachsende Interesse der Bevölkerung an der Braukultur seinen Niederschlag in der pädagogischen Dimension dieser jungen Brauereien.
Aus all diesen Gründen Le Regard Libre hat beschlossen, den Schweizer Mikrobrauereien eine wöchentliche Rubrik zu widmen. Ausnahmsweise einmal folgen wir dem Zeitgeist. Denn ausnahmsweise geht es hier zwar um einen Trend, aber auch um Geschmack – im wahrsten Sinne des Wortes.
Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com
Bildnachweis: © La Nébuleuse
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