Die Bilder eines Flaneurs von Elia Suleiman

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geschrieben von Ivan Garcia · 01. Januar 2020 · 0 Kommentare

Mittwochs im Kino - Ivan Garcia

It Must Be Heaven, Der neueste Spielfilm des israelisch-palästinensischen Regisseurs Elia Suleiman führt den Zuschauer auf die Spuren eines stillen Protagonisten, Elia Suleiman selbst, der von Ort zu Ort reist und die Welt um sich herum beobachtet. In mehreren Bildern schildert der Film auf humorvolle Weise die vergessenen, aber alltäglichen Momente unserer Existenz sowie das Streben eines Regisseurs nach Anerkennung. Ein poetischer und amüsanter Spielfilm, der jedoch nicht unbedingt in alle Hände gelegt werden sollte.

Elia Suleimans neuer Film, der 2019 bei den Filmfestspielen von Cannes vorgestellt wurde, wurde mit Spannung erwartet. Das muss der Himmel sein ist ein «Meta»-Film in dem Sinne, dass der Protagonist des Spielfilms kein Geringerer ist als Elia Suleiman selbst, der auf der Suche nach Finanzmitteln für die Produktion seines Films ist. Ein von Anfang an bewusst gewählter Spielansatz, der es uns ermöglicht, Suleimans Perspektive einzunehmen, insbesondere was seinen Alltag und die Dinge betrifft, die er sieht.

https://www.youtube.com/watch?v=RYSKzDiUGdk

Der stumme Blick

Was den Aufbau betrifft, ist der Spielfilm in verschiedene Szenen gegliedert; Szenen, zwischen denen der Zuschauer mithilfe visueller Hinweise oder der Äußerungen von Nebenfiguren Verbindungen herstellen muss. Eine besondere Besonderheit des Films ist nämlich, dass der Protagonist absolut schweigt. Und genau das macht das Anschauen so faszinierend.

Mir scheint, dass der gesamte Film auf einem einzigen Element aufbaut: dem Blick. Da er nicht sprechen kann, beobachtet Suleiman alles. Diese Beobachtungsgabe, die auf den ersten Blick so langweilig wirkt, wird durch den Protagonisten, der mit einer gewissen Gestik- und Situationskomik spielt, spielerisch und witzig gestaltet. Das erinnert mich insbesondere an das Schauspiel in alten Stummfilmen, wie zum Beispiel bei Buster Keaton in Steamboat Bill Jr.

Der Blick des Protagonisten wirft Fragen auf – im wahrsten Sinne des Wortes. Angesichts dieses Blicks kommen die Nebenfiguren zu Wort, gehen auf Suleiman zu und knüpfen Beziehungen. Als Beispiel sei sein Nachbar genannt, der sich jeden Morgen in seinen Garten schleicht, um sich um die Zitronenbäume zu kümmern. Dies wird übrigens durch die Kameraführung widergespiegelt, die zwischen Totalen – um die Landschaften zu beschreiben und den Protagonisten in einem Umfeld oder einem Land zu verankern – und der subjektiven Kamera wechselt, die uns die Szene durch die Augen des Protagonisten sehen lässt.

Elia Suleiman, dieser Flaneur

Da uns die Figur keinerlei Hinweise gibt, hat der Regisseur hier und da Anhaltspunkte eingestreut, damit wir verstehen können, was vor sich geht. Nehmen wir das geografische Beispiel. Zu Beginn des Films deuten die Sprache der Nebenfiguren sowie die Schilder darauf hin, dass sich der Protagonist in arabischsprachigem Gebiet befindet. Später jedoch trägt ein Kleintransporter vor dem Haus des Protagonisten israelische Kennzeichen.

Ebenso wird, als Suleiman ins Flugzeug steigt, auf dem Bildschirm, der die Flugroute anzeigt, der Abflugort als Flughafen Tel Aviv angegeben. Das zwingt uns dazu, genau darauf zu achten, was wir sehen. Und was wir hören. Der schöne Soundtrack unterstreicht zudem mehrere – poetische – Passagen, wie etwa die Verfolgungsjagd zwischen einer femen als Engel verkleidet und New Yorker Polizisten vor dem Hintergrund von Darkness von Leonard Cohen.

Von Tel Aviv aus begibt sich unser Regisseur nach Paris, wo er auf der Terrasse eines Cafés sitzt und die Passantinnen auf der Straße beobachtet. Der Rhythmus des Films ist, ganz wie bei einem großen Gemälde, langsam: Man hält inne, beobachtet und analysiert Dinge und Menschen. Vor allem, wenn es sich um alltägliche Ereignisse handelt, wie Passanten, die um einen Brunnen herum sitzen, Polizisten auf Streife oder Müllmänner, die mit Dosen spielen…

Es sei angemerkt, dass der Protagonist nur ein einziges Mal spricht, und zwar während eines Gesprächs mit einem Taxifahrer. Dieser fragt ihn nach seinem Herkunftsland und seiner Staatsangehörigkeit. Suleiman antwortet ihm daraufhin, dass er Palästinenser sei und aus Nazareth komme. Der Taxifahrer ist daraufhin begeistert und schenkt ihm die Fahrt. Weil Suleiman Palästinenser ist … Daher die Bedeutung des Schweigens. Von Stadt zu Stadt, von Tel Aviv bis New York, bleibt der Protagonist – solange er nichts sagt und die anderen sich nicht für seine Herkunft interessieren – unbemerkt. Ein Weltbürger.

Bevor es sich um einen Film über Palästina oder über die Situation eines palästinensischen Regisseurs handelt, steht in Das muss der Himmel sein, ist eine Hommage an den Flaneur. Sie wissen schon, diesen Helden aus Baudelaires Werk, der so gerne durch die Straßen schlendert? Nun, Elia Suleiman tritt selbst in Erscheinung, um diese umherziehende Figur zu verkörpern, die letztlich überall und nirgends zu Hause ist.

Der Spielfilm des israelisch-palästinensischen Regisseurs ist von einer Poesie durchdrungen, die sich nicht auf das Verbale stützt, sondern auf das Visuelle und insbesondere auf Gesten konzentriert. Doch gerade angesichts der heutigen Standards richtet sich dieser Film vielleicht eher an Menschen, die neugierig auf Neues sind oder Filme «der alten Schule» schätzen. Auf jeden Fall gelingt es Elia Suleiman, uns eine schöne Zeit in Gesellschaft seines palästinensischen Flaneurs zu bereiten.

Schreiben Sie dem Autor: ivan.garcia@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Filmcoopi

Ivan Garcia
Ivan Garcia

Ivan Garcia ist Web-Editor bei der Zeitung Le Temps und Referendar. Er leitet die Literaturrubrik von Le Regard Libre und schreibt dort regelmäßig.

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