Coco Mellors, der Blues einer zerrissenen Schwesternschaft
Die «Blue Sisters» haben etwas sehr Zeitgenössisches und gleichzeitig Entwaffnendes: eine Art, die Zerbrechlichkeit zu streicheln, ohne sie jemals zu dramatisieren. Foto: Zoe Potkin
In Blue Sisters, Coco Mellors verfolgt mit entwaffnender Ehrlichkeit die zeitgenössische Angst, den Boden unter den Füssen zu verlieren, indem sie vier Schwestern an den Rand ihrer selbst bringt.
«Lucky ist sechsundzwanzig Jahre alt und verloren. Um ehrlich zu sein, sind es auch die drei verbliebenen Schwestern.
Aber eines wissen sie nicht: Solange man lebt, ist es nie zu spät, um gefunden zu werden.»
Der Prolog von Coco Mellors' neuem Roman endet mit diesem Satz, der wie eine Prophezeiung nach einem alkoholisierten Abend klingt und alles enthält, was Menschen ins Wanken bringen kann: eine Schärfe, die von mörderischen Hoffnungen geprägt ist.
Vier Jahre nach ihrem leuchtenden Debüt in der Literatur kehrt die britische Autorin mit Blue Sisters und setzt seine Entlarvung der sozialen Beziehungen fort. Man findet die scharfe Handschrift von Kleopatra und Frankenstein, Sie hat die gleiche Verletzlichkeit, aber einen introspektiveren und kurvenreicheren Ton. Ein Hauch von Sally Rooney, in der emotionalen Präzision und der Ungezwungenheit der Beziehungen, weniger Plattitüden. Das Ganze in einem dramatischeren, weniger analytischen Stil. Coco Mellors setzt Herz ein, wo Sally Rooney Körper einsetzt.
Was bleibt von einer Familie übrig, wenn das, was sie zusammengehalten hat, wegfällt? Kann man seinem Umfeld wirklich entfliehen? Kann man Verletzungen verarbeiten, wenn man sie verschweigt? Ist es möglich, bei anderen etwas zu finden, das das, was bei einem selbst zerbrochen ist, wiedergutmachen kann? Auf über 400 Seiten entfaltet Coco Mellors eine Polyphonie von Fragen, die den Leser in die existenziellen Fragen einer ganzen Generation hineinzieht.
Aber lassen Sie sich nicht täuschen, Blue Sisters ist kein Roman, der uns auf eine rote Couch setzt; die Zweifel und Ängste der Figuren sind keine Themen der Psychoanalyse, sondern das Echo einer Millenniumsverwirrung.
Vermeidung des billigen Pathos der Trauer
Trotz eines sehr fatalen Themas ist die Aussage nie betrübt. Coco Mellors hält jede Versuchung einer übertriebenen Dramatisierung zurück, indem sie die Emotionen auf eine manchmal rohe Art und Weise ausdrückt. So wird die Trauer nicht dramatisiert, sondern in gewöhnliche Gesten, Schweigen und Substitutionen zerlegt. Das Drama liegt in den routinemässigen Verzichten, nicht in den Ergüssen. Mit einer feinen, aber verführerischen Feder geht die Autorin mit Berührungen vor: Sie erfasst weniger die Ereignisse als ihre intimen Auswirkungen, ihre verzögerten Schockwellen im Bewusstsein der Figuren. Die Autorin ritzt die Schmerzen nicht auf, um sie der Literatur zuzuführen.
Das Ergebnis ist eine Schrift über den Riss: nicht den klaren Bruch, sondern den anhaltenden Einschnitt, der die Verbindung zwar nicht auflöst, aber ihre Textur dauerhaft verändert.
Und was an Coco Mellors bewundernswert ist, ist ihre Fähigkeit, eine greifbare Emotion aufzubauen, sie zu einem langen Faden zu entrollen und den Leser wie einen Seiltänzer voranschreiten zu lassen, der gerade genug von den Winden der Gefühle hin und her geworfen wird, aber nie so sehr, dass er abstürzt. Die Autorin pflückt die Affekte, wie ein Kind mit seinem Netz die Schmetterlinge zu fangen versucht. Sie fängt das Unbehagen einer verzweifelten Gesellschaft ein und lässt die psychischen Verwerfungen wie Zwillingsintimitäten klingen.
Was nachgibt, wer bleibt
Was nach und nach unter der glatten Oberfläche der Erzählung zum Vorschein kommt, ist ein wahres Theater der neurotischen Störungen. Seit ihrem ersten Roman hat Coco Mellors eine Faszination für dysfunktionale Beziehungen entwickelt. Alle ihre Figuren tragen ein inneres Ungleichgewicht in sich, und die Blue-Schwestern sind da keine Ausnahme: Sie bewegen sich auf leisen Sohlen durch die Welt, gefangen in diffusen psychologischen Spannungen, die sie daran hindern, ihre eigene Existenz voll auszuleben. Sie sind wie Sirenen, die von ihrem eigenen Gesang angetrieben werden.
Es gibt in Blue Sisters etwas sehr Zeitgenössisches und gleichzeitig zutiefst Entwaffnendes: eine Art, die Zerbrechlichkeit zu streicheln, ohne sie jemals zu dramatisieren. Es ist eine Mischung aus klarer Melancholie und Intimität. Die Traurigkeit setzt sich auf diesen Seiten in diffusen, fast stummen Schichten fest und hinterlässt ein Gefühl der Leere, eine Abwesenheit, die sich nicht füllen lässt, mit der man sich aber arrangieren muss. Es ist eine Nostalgie ohne Ideal, ein unendliches Ufer.
Coco Mellors zu lesen bedeutet, die Ängste auf Augenhöhe zu betrachten.
Jeden Monat, Quentin Perissinotto versucht, ein literarisches Werk durch ein Kaleidoskop zu schicken, um die Bilder, die es projiziert, zu sammeln und ihre Beugung wiederzugeben. Dabei kann es vorkommen, dass sich die Geistesblitze als Glassplitter erweisen. Schreiben Sie dem Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com
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Coco Mellors
Die Blue-Schwestern
Übersetzung aus dem Italienischen von Laura Brignon
Calmann-Lévy
März 2026
400 Seiten
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