«Das Blut», Auszug Nr. 10
Le Regard Libre Nr. 34 - Sébastien Oreiller
Intermezzo
Von den Bergen aus konnte man die Sümpfe der Ebene hören. Der schlecht eingedeichte Fluss ließ hier und da kleine Flecken entstehen, die in der Nacht leuchteten und dich reflektierten. Wie eine Herbstbrise flog das Quaken der Frösche die Hänge hinauf bis in die Schlafzimmer, eine ganze kleine, feuchte Welt, die sich am Abend bewegte, wie ein großer Körper, der sich unbeweglich dreht und wendet. Nichts war nonchalanter als diese glucksenden Amphibien, die nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren, sich wortlos anstarrten und leicht zu verschlingende Fliegen verschlangen. Und doch erhob sich aus ihren Unebenheiten, aus ihrem froschartigen Groll wie ein unheimlicher Chor in der Nacht eine Art unregelmäßiges Schlagen, gepaart mit dem dumpfen Summen der Insekten. Es ist kein Wunder, dass die Reichen von einst, als die Luft noch klar war, die Leute aus der Ebene dafür bezahlten, mit ihren Stöcken auf das Wasser zu schlagen, bis das düstere Lied verstummte, so wie man einen Verbrecher verprügelt, eine Art Volksrache gegen erbliches Elend, böse Blicke und Land, das nichts hervorbrachte. Aber das war die einfachste Lösung, so wie man sich die Ohren mit Wachs zuhält, wenn man in Ruhe schlafen will, ohne sich um die Straße unten, die Realität der Welt und die Flüche der Bettler zu kümmern. Selbst auf dem Land ist der Schlaf nie leicht, und das ist nicht die Schuld der Frösche, zumindest nicht ganz. Im Moment summten sie frei vor sich hin, kümmerten sich weder um die Menschen noch um das heisere Echo ihrer Gesänge, egoistisch in ihrem Festmahl. Aber der Herbst würde bald dem Winter weichen, die Sümpfe würden gefrieren und die Frösche mit ihnen, und man würde sie erstarrt wiederfinden, in einer akrobatischen Bewegung, um ein wenig weiter, ein wenig höher zu flüchten, aber wohin? Das Eis würde sie einholen. Sie waren blind wie die Menschen für den Schnee, der bereits auf den Gipfeln lag, und für die kleinen Falten, die sich auf dem Wasser bildeten, und genossen die letzten Krümel ihres Sommers, gleichgültig, ob er zu Ende ging oder nicht. Sie dachten nicht einmal daran, dass im Frühling die letzten ihrer Art, die den Winter überstanden hatten, eine Fülle von kleinen Fröschen und Kröten hervorbringen würden, die als Kaulquappen zwischen den noch nicht geschlüpften, schleimigen Eiern umherschwirrten. Das war nicht ihre Überlegung. Wie ein großes, schlagendes Herz drang das Klagelied der Sümpfe in die Berge, bis hinauf in die schlaflosen Betten.
Schreiben Sie dem Autor: sebastien.oreiller@netplus.ch
Bildnachweis: © valais.ch
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