«Das Blut», Auszug Nr. 1
Le Regard Libre Nr. 25 – Sébastien Oreiller
Kapitel I: Der Verlust
Sie wurden nicht alt geboren. Höchstens flossen ihre Tage – süße Reben des Novembers – seltener und dichter über die rote Erde, die durstige Erde, die je nach Aussaat und Ernte die Freuden und Leiden bestimmt. Geizig mit Zärtlichkeiten, wachten sie mit dem Blick derer, die nichts haben, über das Wenige, das sie besaßen – ihre stillen Freuden –, und deshalb haben sie diese in unseren Gesichtszügen so sehr geschätzt, viele Jahre später, als wir ihnen zulächelten. Entstanden aus stillen Unglücken. Entstanden aus den erloschenen Freuden ihrer Jugend.
Sie sind wie ein kalter Gebirgsbach unter der Sonne dahin geflossen, und doch waren auch sie einmal jung. Für kurze Zeit. Der Vater meines Vaters war noch keine zwanzig Jahre alt, als er sie verlor, seine Jugend, an einem Tag, als er auf den Feldern war. Er hatte sie beim Aufbruch an der Hand mitgenommen und sie spielen lassen, während er allein am Waldrand arbeitete, der die Ebene überragt. Wie immer, wenn der Tag sich dem Ende zuneigte und der Schweiß seinen von der Arbeit gezeichneten Nacken brannte, war sie verstummt; er hatte ihr Lied nicht mehr gehört, das Lied der Wasserfälle und der kleinen Kinder. Er hatte nach seiner Jugend gerufen, und er hatte sie nicht gefunden. Vielleicht hatte sie sich, unbeständig, dort verirrt, wo das Unterholz verwildert und die Schluchten gierig sind, in den Tiefen, in die der Geist junge Menschen manchmal entführt und aus denen sie nicht zurückkehren. Vielleicht war er auch taub geworden, wie sein Vater, der sieben Monate zuvor gestorben war, erschöpft wie er, und er hatte nicht den Mut gehabt, nach ihr zu suchen.
Als er nach Hause kam, in der Hoffnung, sie wäre ihm vorausgegangen, fand er nur das Feuer im Kamin vor und über dem Kamin das geliebte Bildnis des Vaters. «Ich habe auf dich gewartet», sagte die Mutter zu ihm, und er küsste ihre faltigen Wangen, die sieben Kinder hatte geboren und manchmal auch sterben sehen, von denen er der Älteste war. Er nahm die Jüngste auf den Schoß, noch rund und blond wie etwas Essbares, eine in der Sonne vergoldete Leckerei, die man fast vergessen hätte; sie blieb nicht lange und lief ebenfalls davon, aber fröhlicher, krabbelnd zu der hässlichen Puppe, die sie von ihren Schwestern geerbt hatte. Dann waren die Jungen an der Reihe. Drei an der Zahl. Noch jung, aber wie er bereits dazu bestimmt, stark zu werden und die Erde unter ihren Schultern zu beugen; vorerst, während die Mutter sich um den Weinberg und die Apfelbäume kümmerte, waren es die Tiere, die sie mit ihren langen Stöcken zähmten, jeweils ein oder zwei Tiere, fast so jung wie sie selbst und wie sie Hoffnungsträger der Herde. Sie waren rot und laut, manche hatten keine Zähne mehr, aber alle zappelten auf der Holzbank neben ihm herum. Er sagte nichts.
Als er auf dem rustikalen Boden stand, sah ihn seine Mutter, und da sie es mit ihrem Mutterherz verstand, lächelte sie ihn an, während sie ihm eine Tasse dieses schlechten Kaffees einschenkte, den man sogar abends mit Schwarzbrot trank. Er war schon hart, ohne dass die Sonne und die Sorgen, wie heute, ihn in den Augen der anderen noch größer und vielleicht auch gefährlicher erscheinen ließen. So sah die Mutter ihren Sohn, doch schon war das kleine Mädchen zurückgekommen und verlangte mit ihrer zahnlosen Stimme nach demselben Imbiss wie ihre Brüder.
Es war der Abend, der erste Abend, der so arm an Jugend war, der mit dem Duft von Lavendel und Malve in ihr kleines Zimmer drang, ihre Laken mit lauer Zärtlichkeit durchtränkte und ihr zu Kopf stieg. Er ließ das kühle Wasser aus den Bergen über seinen Körper laufen, der noch von der Sommerarbeit glühte, und wusch von seinen Beinen den Schmutz der undankbaren Erde und von seinem Rücken den männlichen Geruch des Schweißes ab. Draußen brannten die Johannisfeuer in der noch hellen Nacht. Er wollte nicht hingehen, er würde nicht hingehen, da er nur zu gut wusste, dass seine Jugend dort keinen Platz hatte, so abgeneigt war sie doch dem Lärm und dem sinnlosen Geschrei. Und doch hatte er keine Wahl; sein Gesicht im Spiegel hatte ihn traurig gestimmt, und er musste vergessen.
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