Neige Sinno in Lausanne mit Ehren empfangen

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geschrieben von Sandrine Rovere · 5. Juli 2024 · 0 Kommentare

Die französische Schriftstellerin, die bereits zahlreiche Literaturpreise gewonnen hat, hat ihrer Sammlung einen neuen hinzugefügt: den Goncourt de la Suisse, der ihr im Mai im Palais de Rumine verliehen wurde.

Neige Sinno wurde in Lausanne von einem vollbesetzten Saal empfangen. Fast 200 Personen waren auf Einladung insbesondere der französischen Botschaft in der Schweiz angereist, um mitzuerleben, wie die Schriftstellerin den Schweizer Goncourt-Preis für Der traurige Tiger, ein erschütterndes Buch, in dem sie von den wiederholten sexuellen Übergriffen berichtet, denen sie während ihrer gesamten Kindheit durch ihren Stiefvater ausgesetzt war.

Dieses Werk, das im August 2023 im P.O.L.-Verlag erschien, hat seitdem eine unglaubliche Fülle an Auszeichnungen erhalten, darunter den Prix Femina und den Goncourt-Preis der Schüler. Der Roman, der bald in 26 Sprachen übersetzt sein wird, wurde zudem von den Lesern des „Choix Goncourt“ in 18 Ländern ausgezeichnet, darunter die Türkei, die USA, Kanada und Südkorea.

In der Schweiz haben sich rund hundert Studierende von neun Hochschulen und Universitäten dafür entschieden, Der traurige Tiger. Und der Preisträger stach aufgrund seiner unbestreitbaren literarischen Qualitäten sehr schnell aus den Finalisten hervor, erklärte die Jury in Lausanne, die zudem die Verdienste von Neige Sinno hervorhob, deren Schreibstil die an dieser Auswahl beteiligten Leser tief berührt und geprägt hat.

Ein flüchtiger Erfolg, den man nutzen muss

Angesichts dieser Flut von Komplimenten wirkt die Französin, die heute in Mexiko lebt, keineswegs abgestumpft. Ganz schlicht gekleidet, in Jeans und einem schwarzen Rollkragenpullover, gibt sie zu, dass der Erfolg ihres Romans nach wie vor ein Grund zum Feiern ist, auch wenn er ihr noch immer unwirklich erscheint. Es sei wie eine «Art Traum», gesteht sie fast schüchtern. «Ich versuche vor allem, diese Freude zu spüren, denn sie wird nicht lange anhalten», scherzt Neige Sinno, die keineswegs die Lorbeeren für sich beansprucht, sondern der Meinung ist, dass es sich in erster Linie um eine Würdigung des Lesens im Allgemeinen handelt.

Denn die Autorin ist auch eine begeisterte Leserin. Das spürt man in ihrem Buch, das eine Mischform darstellt – zwischen autobiografischer Erzählung, Tagebuchauszügen und literarischer Auseinandersetzung… Vladimir Nabokov, Christine Angot, Toni Morrison: In ihrem Werk bezieht sie zahlreiche Schriftsteller ein, die sich ebenfalls mit dem Thema sexueller Gewalt gegen Kinder auseinandergesetzt haben. Diesen Ansatz vergleicht sie mit der Bestäubungsarbeit der Bienen. «Man sammelt hier und da Pollen. Beim Sammeln verarbeitet jeder das Material auf seine eigene Art und Weise, und das Ergebnis ähnelt dem Ausgangsbuch nicht mehr. Aber ich finde das schön», bemerkt Neige Sinno.

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Auch wenn die Hauptthemen der Diskussion weiterhin Vergewaltigung und Inzest sind – und die Debatten immer wieder darauf zurückkommen –, ist die Atmosphäre im Palais de Rumine keineswegs bedrückend oder schwer. Es gibt sogar Gelächter, als Neige Sinno zugibt, dass sie ihrem bissigen Humor in ihrer Arbeit gerne noch mehr freien Lauf gelassen hätte. Opfer sexuellen Missbrauchs seien nicht «die ganze Zeit in Ernst und Feierlichkeit gefangen», scherzt sie. Doch es gibt auch Momente tiefer Ergriffenheit, wenn Mitglieder der Versammlung mit Tränen in den Augen der Autorin dafür danken, dass sie das Wort ergriffen hat, um über ein so schwieriges Thema zu sprechen.

Dreißig Jahre Reflexionen

Auf eine Frage aus dem Publikum hin gibt die Autorin gleich zu Beginn zu, dass sie keine autobiografische Erzählung schreiben wollte. Sie wollte nicht ihr Leben erzählen. «Ich hätte es vorgezogen, mit einem anderen Text und einem anderen Thema in der Literatur präsent zu sein», räumt sie ein und betont, dass der schwindelerregende Erfolg ihres Buches bei ihr einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. «Es ist ein weiteres Paradoxon, dass ausgerechnet dieser Text so großen Anklang findet, obwohl ich ihn gar nicht schreiben wollte», bemerkt Neige Sinno, die sich in Zukunft, wenn sich die Wogen geglättet haben, noch mit dieser Reaktion auseinandersetzen möchte.

Was an ihr auffällt, ist, dass jedes Wort wohlüberlegt und bedacht wirkt – das Ergebnis von drei Jahrzehnten des Nachdenkens und der Analyse dessen, was ihr während dieser langen Jahre ihrer Kindheit widerfahren ist. Diese Selbstreflexion hat auch nach der Verurteilung ihres Stiefvaters durch die Justiz kein Ende gefunden.

Sie gibt übrigens zu, dass Der traurige Tiger ist das Ergebnis einer «Besessenheit, dieselbe Geschichte aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten», auch wenn ihrer Meinung nach kein Ansatz eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage des sexuellen Missbrauchs von Kindern liefert.

Neige Sinno nimmt übrigens keineswegs die Rolle einer Richterin und Jury ein; im Gegenteil, sie betont ihre Position als Beobachterin. «Ich muss keine Entscheidungen treffen, keine Meinung äußern, keine Lösungen vorlegen. (…) Fragen zu stellen, reicht schon aus. Zu versuchen, die Fragen besser zu stellen, bedeutet, dafür zu sorgen, dass diese Fragen besser gehört werden», meint sie. Eine Haltung, deren Klarheit und Bescheidenheit das Westschweizer Publikum offenbar überzeugt hat. Am Ende einer zweistündigen Veranstaltung würdigte es die französische Schriftstellerin mit stehenden Ovationen. Und kehrte mit dem Kopf voller weiterer Fragen nach Hause zurück.

Schreiben Sie der Autorin: sandrine.rovere@leregardlibre.com

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Schnee Sinno
Trauriger Tiger
Verlag P.O.L.
August 2023
283 Seiten

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