Joël Dicker - Tiefgründiger Plot, zu ehrgeizig?

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geschrieben von Nicolas Jutzet · 27. März 2018 · 0 Kommentare

Die Westschweizer Briefe vom Dienstag - Nicolas Jutzet

Der neue Roman von Joël Dicker, der in seiner Dicke an den Roman erinnert, der ihn weithin bekannt gemacht hat, - Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert – befindet sich kaum in den Regalen der Buchhandlungen und steht bereits an der Spitze der Verkaufszahlen. Business as usual, sozusagen. Und doch, ganz gewiss, Das Verschwinden von Stephanie Mailer ist ein neues Risiko. Wieder gewonnen?

Die Erzählung, in der die Figuren – so zahlreich, dass man sich manchmal darin verliert – miteinander vermischt und verflochten werden, offenbart schnell ihre Schwäche. Der Autor scheint hier durch übertriebene Gier gesündigt zu haben, indem er eine ohnehin schon flüssige Geschichte unnötig verkompliziert. Die Rollen scheinen doppelt besetzt zu sein – oder schlimmer noch: Zwischen dem Vierfachmord, den Teamkollegen, den Bürgermeistern und ihren Stellvertretern, Ehemännern und Ex-Ehemännern, dem Chefredakteur und seinem Stellvertreter ist man einfach überfordert.

Im Laufe der Erzählung wird man schließlich von so vielen Schikanen bedauert. Die literarische Bürokratie, eine Erfindung mit dem Stempel Joël Dicker? Ansonsten sind wir wie in den vorherigen Büchern von der ersten bis zur letzten Seite von dem Wunsch gefesselt, «die Wahrheit» zu erfahren. Die Wahrheit, die schließlich wie ein Geysir in der Schlussapotheose hervorbricht.

Ist die Länge ein Hemmnis?

Das Gefühl, sich in der Vielzahl der Figuren zu verlieren, wird zweifellos durch den ständigen Wechsel des Erzählers verstärkt, der Kapitel für Kapitel wechselt, um seine Sicht auf den Verlauf der Geschichte darzustellen. Und doch halten wir hier eine gestraffte Fassung in den Händen. Während seines Aufenthalts in « On n'est pas couché », der Autor gab bekannt, dass das Manuskript ursprünglich doppelt so umfangreich war. Haben die Vielschichtigkeit der Figuren und die Visionen unter dieser redaktionellen Kürzung gelitten?

Der Zweifel bleibt bestehen und hinterlässt ein leichtes Bedauern, da der Roman trotz seiner Zugänglichkeit stellenweise schwer verdaulich wirkt. Diese Einschätzung teilt übrigens auch der Star-Rezensent Yann Moix, der in Hochform ist und sich eine leichtes Reframing das in diesem Meer aus Lobeshymnen wie ein Fremdkörper wirkt. Der Austausch verdient es, kurz wiedergegeben zu werden:

Laurent Ruquier: «Ich bin mir nicht sicher, ob das die Literatur meiner Freunde ist – das sage ich Ihnen lieber gleich.»
Yann Moix: «Ich würde «meiner Kameraden» streichen: Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt Literatur ist!»

Hinter diesem scheinbar polemischen Satz verbirgt sich jedoch ein verständliches und akzeptables Urteil, selbst für den eifrigen Leser. Joël Dicker ist ein erfolgreicher Autor, der die Aufmerksamkeit der Leser zu fesseln versteht, ohne jedoch zu den «großen» Autoren zu zählen. Manche Autoren muss man lesen; andere werden gelesen. Weit davon entfernt, verachtenswert zu sein, sollte dieser Bereich der Literatur von feinsinnigen Geistern wie dem von Monsieur Moix geschätzt werden. Joël Dicker dient als Einstieg in andere Lektüren, die vielleicht anspruchsvoller sind, vielleicht auch weniger, aber er bringt die Menschen zum Lesen, und das gereicht ihm zur Ehre. Das sollten wir nicht vergessen.

«Es gibt nichts, was ich mehr liebe als den Sonnenaufgang, zu jeder Jahreszeit, über dem Yachthafen. Zu sehen, wie der tintenfarbene Horizont von einem leuchtend rosafarbenen und dann orangefarbenen Punkt durchbrochen wird, und diesen Feuerball zu sehen, der sich langsam über den Wellen erhebt.»

Wie geht es weiter?

Die Verfilmung seines Bestsellers Die Wahrheit über den Fall Harry Québert Unter der Leitung von Jean-Jacques Annaud wird das Projekt in Kürze das Licht der Welt erblicken, nachdem zuvor Steven Spielberg, der Interesse an dem Projekt gezeigt hatte, abgelehnt wurde. Ein neuer Meilenstein in der bislang reibungslosen Karriere des Genfers. Dies ist auch eine Gelegenheit, an Joël Dickers Verleger Bernard de Fallois zu erinnern, der kürzlich verstorben ist. Als Präsident und Gründer des Verlags „Éditions de Fallois“ war er der Erste, der das Talent des heutigen Weltstars erkannte.

Mein Lieblingsbuch aus dem Werk von Joël Dicker, der es auch dieses Mal wieder geschafft hat, die Leser zu begeistern, ist und bleibt Die letzten Tage unserer Väter, weniger spannend und fesselnd als der Rest seines Werks, aber unendlich viel intimer und bewegender – einerseits durch seine Kühle, die die Kriegszeit widerspiegelt, andererseits durch seine Wärme, die sich in der Schönheit und Tiefe der Figuren zeigt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in der Bibliografie des heutigen Autors für jeden etwas dabei ist, vorausgesetzt, man möchte eine angenehme Lesezeit verbringen, ohne unbedingt zu erwarten, Joris-Karl Huysmans oder einen anderen anspruchsvolleren Klassiker zu lesen.

«Wir sind wie die Blütenblätter eines Löwenzahns, rund und wunderschön, und der Wind hat jeden von uns in verschiedene Ecken der Erde geweht.»

Schreiben Sie dem Autor : [email protected]

Bildnachweis: © Nicolas Jutzet für Le Regard Libre

Nicolas Jutzet
Nicolas Jutzet

Nicolas Jutzet ist Mitbegründer des Mediums Liber-thé und Vize-Direktor des Liberalen Instituts in der Schweiz.

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