«Die Fanatikerin: Reise ins Herz des Hasses

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geschrieben von Sandrine Rovere · 30. Oktober 2024 · 0 Kommentare

Mit diesem packenden Roman, der zu Beginn der literarischen Saison in der Romandie für Furore sorgt, versetzt uns Lovlé Tillmanns auf brillante Weise in die Gedankenwelt der «First Lady» des III.. Reich. Faszinierend und beunruhigend.

Wir hatten sie 2020 an der Rezeption eines Fitnessstudios zurückgelassen, zusammen mit Fit. Lovlé Tillmanns läutet das neue Schuljahr mit ihrem sechsten Roman ein, Die Fanatikerin. In diesem aufsehenerregenden Buch, das im Verlag Editions Cousu Mouche erschienen ist, macht die Waadtländer Autorin einen Sprung achtzig Jahre in die Vergangenheit und lässt eine der extremistischsten und komplexesten Persönlichkeiten der SS-Nomenklatura zu Wort kommen: Magdalena Goebbels, Ehefrau des großen Propagandisten des Dritten Reiches. Reich und ein Vertrauter von Adolf Hitler.

Lovlé Tillmanns zeichnet dank langwieriger und akribischer Recherchen ein Porträt dieser Frau, von ihrer Geburt bis zu ihrem Niedergang. Doch die Schriftstellerin lehnt die Distanz der Historiker ab. Die Autorin schreibt ihren Roman in der Ich-Form. Und so hinterfragt die aus dem Kant Waadt stammende Autorin aus dem Inneren des Regimes heraus das Phänomen der Indoktrination und Verblendung, das diese Epoche geprägt hat. Magdalena Goebbels – im Buch nur „M“ genannt – geht mit ihren Zeitgenossen nicht gerade zimperlich um. Den Nazi-Würdenträgern werden wenig rühmliche Spitznamen verpasst: der kleine Brillenträger, der dicke Morphiumsüchtige … Doch dem Führer – H – entgegenbringt sie eine eifersüchtige und absolute Verehrung. Jede Kritik an ihm weist sie wütend zurück. Selbst als der Krieg verloren ist, weigert sich M. stets, Hitlers Verantwortung für dieses Debakel anzuerkennen.

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Die Frage stellt sich daher fast auf jeder Seite: Wie konnte sich diese gebildete und mehrsprachige Großbürgerin, die von einem jüdischen Stiefvater erzogen wurde und in ihrer Jugend in einen zionistischen Aktivisten verliebt war, so sehr von der nationalsozialistischen Ideologie verführen lassen? Welche Gründe erklären ihre Hartnäckigkeit, Adolf Hitler bis in den Tod zu folgen und dabei ihre sechs kleinen Kinder mitzureißen? Für M sind die Motive nicht nur politischer Natur. Sie glaubt zwar fest an die Überlegenheit der deutschen Rasse. Doch auch Langeweile, die Suche nach Sinn und ein unstillbarer Machthunger erklären diesen Eintauch in ein gewalttätiges und mörderisches Regime.

Der Alltag der Reichsgrößen

Denn dieser Roman ist auch eine Erzählung über die Banalität des Bösen. Für die Männer, die den Einmarsch in Polen beschließen oder die „Endlösung“ umsetzen, geht das Leben weiter. Sie lassen die Goebbels-Kinder auf ihrem Schoß hüpfen, trinken Champagner, gehen ins Theater und feiern Weihnachten. M selbst hat keine Gewissensbisse, keine moralischen Bedenken. Sie ist betrübt darüber, dass sie kein Leder für neue Schuhe finden kann. Aber sie kümmert sich weder um das Schicksal der Juden noch um ihre deutschen Landsleute, die bei den Bombenangriffen der Alliierten ums Leben gekommen sind. Das Leben außerhalb des Kreises der Privilegierten des Regimes lässt sie kalt.

Sie lehnt sich höchstens gegen das Korsett auf, das ihr von einer Ideologie auferlegt wird, die Frauen in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter festhält. Ständig schwanger, wird M. zum Inbegriff der deutschen Frau. Ihre Familie wird als Vorbild herangezogen und in den Zeitungen inszeniert. Hinter den Kulissen jedoch ist Magdalena wütend darüber, dass ihr Einfluss im Laufe ihrer Schwangerschaften immer weiter schwindet. Zu Beginn ihrer Ehe war sie eine vollwertige Partnerin ihres Mannes, doch nach und nach wird sie auf eine rein häusliche Rolle beschränkt. Auch bei Hitler verliert sie an Ansehen, obwohl sie vor dem Krieg eine seiner bevorzugten Gesprächspartnerinnen war. Nur indem sie ihm in seinen Berliner Bunker folgt, kann sie dem Führer ihre absolute Ergebenheit beweisen.

Diese letzten Seiten sind erschreckend. Mehrfach hätte M Deutschland verlassen und ihre Kinder retten können. Doch sie weigert sich. Selbst die flehentlichen Bitten ihrer ältesten Tochter können ihre Hartnäckigkeit nicht brechen. Ihr Glaube an Hitler ist stärker als ihre mütterliche Liebe oder ihr Überlebensinstinkt.

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Was Lolvé Tillmanns in diesem Buch ebenfalls aufzeigt, ist, dass Fanatismus kein ausschließliches Merkmal autoritärer Regime des 20. Jahrhunderts ist. Jahrhundert. Zwischen den einzelnen Kapiteln fügt Lovlé Tillmanns ein Zitat aus Werken wie dem Rekrutierungshandbuch von Al-Qaida oder der Anleitung für die Inquisitoren des 14.Jahrhundert, das kleine rote Buch von Mao Zedong oder die zehn Gebote der Hutu aus dem Jahr 1990. Diese Auszüge zeigen zweifelsfrei, dass Indoktrination und Verblendung weder zeitlich noch räumlich Grenzen kennen. Und dass es oft ein Weg ohne Wiederkehr ist. Ein Anhänger einer apokalyptischen Sekte drückt dies in einer Passage aus, die diesem Roman als Motto vorangestellt ist: «Ich musste einen langen Weg zurücklegen, ich habe so gut wie alles aufgegeben (…) Ich kann es mir nicht leisten, zu zweifeln: Ich muss glauben, es gibt keine andere Wahrheit.»

Schreiben Sie der Autorin: sandrine.rovere@leregardlibre.com

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Lolvé Tillmann
Die Fanatikerin

Verlag Cousu Mouche
August 2024
340 Seiten

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