«Summer», in der Vorhölle des Sees und der Erinnerungen

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geschrieben von Quentin Perissinotto · 01 Juli 2022 · 0 Kommentare

Ich habe diesen Roman aus dem Jahr 2017, der an einem See in der Schweiz spielt, am Wasser liegend und mit nach Sonnencreme riechenden Seiten gelesen (2019 als Taschenbuch erschienen). Was könnte normaler sein bei einem Buch mit dem süßen Namen «Summer»? Doch die ersten Seiten ließen den Eindruck von Sommerfrische schnell verblassen. Sommer. Alles ist ein Rückfluss von Bitterkeit.

Es ist die Geschichte einer Falle, die vor Jahren um den Erzähler geschnappt hat und aus der er sich nicht befreien kann: die Erinnerung an einen vermissten Menschen. Seine Schwester, eine ebenso brillante wie leichtfertige Frau, hat sich eines Tages um 180 Grad gedreht und ist nie zurückgekehrt. Sie verschwand wie der Morgennebel. Mehr als zwanzig Jahre später lebt sein Bruder mit der Gewissheit, dass sie irgendwo da draußen ist.

«Wo sind die Menschen, die wir verloren haben? Vielleicht leben sie in der Zwischenwelt oder in uns. Sie bewegen sich weiterhin in unseren Körpern, sie atmen die Luft ein, die wir einatmen. Alle Schichten ihrer Vergangenheit sind da, wie aufeinander gelegte Dachziegel, und auch ihre Zukunft ist da, zusammengerollt, rosa und weich wie das Ohr eines Neugeborenen.»

Die Wellen klatschen gegen die Felsen, die Sätze schlagen gegen die Wände meines Kopfes, alles umgibt mich und hält mich in einer ohrenbetäubenden Stille gefangen. Im gleichen halbbewussten Zustand wie der Erzähler schwimme ich in einem Strom von Gedanken: Wer ist Summer? Und wo ist sie? Ich taste mich durch den Strudel der Erinnerungen und versuche, die Last, die mich nach unten zieht, abzuschütteln. Summers Silhouette taucht inmitten der Blitzlichter auf, ihr Porträt zeichnet sich ab, wie ein wankender Schatten, wie die Flamme einer Kerze, die bald verlöschen wird. Augenblicke des verschwiegenen Lebens zeigen den Himmel mit einer Elektrizität, die alles zu erschüttern droht. Eine Atmosphäre, die immer instabiler wird, wird mit Spannung aufgeladen. Eine dunstige Atmosphäre, die zwischen Leichtigkeit und Morbidität schwankt...

Vergessen wollen heißt, ständig daran zu denken

Benjamin - so heißt sein Bruder - ertastet das Leben in den Vertiefungen seines Gedächtnisses, um den Tod fernzuhalten; er erinnert sich an die Wellen, als sie im See spielten, an das blonde Haar seiner Schwester in der Sommersonne, an die verbotenen Spiele, die sie mit ihren besten Freundinnen spielten, an den trotzigen Blick seiner Schwester gegenüber ihren Eltern. Benjamin erinnert sich an all das und lebt durch diese perforierte Erinnerung. Wie kann ein Verschwinden eine ganze Welt verschlingen und an ihrer Stelle nur eine Illusion hinterlassen? Vergessen zu wollen bedeutet, ständig daran zu denken. Eine Abwesenheit wie ein Tintenfleck; zuerst ein Punkt, dann der ganze Horizont, der in einer zähflüssigen Flüssigkeit badet: die Flüssigkeit des unmöglichen Vergessens.

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Benjamin streckt immer wieder seine Hand aus, um die Anwesenheit seiner Schwester festzuhalten, aber durch seine Finger rinnt nur der Wind. Summer ist ein Roman wie ein Pendeln; zwischen freiwilligem Vergessen und konstruierten Erinnerungen. Verwirrend wie ein zerrissenes Foto, verzaubert von einer giftigen Wahrheit. Eine schwebende, unentschlossene Anmut, ein anziehender Nebel, ein Gift. Unerbittlich.

Schreiben Sie dem Autor: quentin.perissinotto@leregardlibre.com

Monica Sabolo
Sommer
Jean-Claude Lattès
2017
315 Seiten

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Quentin Perissinotto
Quentin Perissinotto

Kundenberater und Schriftsteller, Quentin Perissinotto ist Literaturkritiker für Le Regard Libre.

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