«Eurotrash», zwischen Familienroman und kathartischem Werk

5 Leseminuten
geschrieben von Chelsea Rolle · 27. März 2024 · 0 Kommentare

Der kürzlich aus dem Deutschen übersetzte Roman des Berners Christian Kracht, der 2021 erschien, kehrt in die scheinbar sauberen helvetischen Gefilde seiner Kindheit zurück. Eine Erkundung der kindlichen Bindung und der Bedeutung der Abstammung, vor dem Hintergrund von Geld und Nationalsozialismus.

Eurotrash ist einer jener Romane, die man der Autofiktion zuordnen kann, in der Autor und Erzähler miteinander verschmelzen. Hier lässt sich nicht zwischen Wahrheit und Fiktion unterscheiden, aber im Grunde spielt das keine Rolle, so genussvoll ist die Reise, auf die uns Christian Kracht mitnimmt. Der Text beginnt mit einer fulminanten Einleitung von Christian Kracht: Er muss seine an Demenz leidende Mutter in einem wohlhabenden Vorort von Zürich aufsuchen und ihr die Leviten lesen, vielleicht weil er spürt, wie der Tod mit seinen kalten Händen nach ihr greift. So beginnt eine lange Reise in die Vergangenheit, deren erste Station ein Dorf im Berner Oberland sein wird.

Eine Erkundung der Familiengeschichte

In diesem sehr schweizerischen Kontext, der bisweilen an eine Karikatur grenzt, versuchen Mutter und Sohn, die Vergangenheit zu bewältigen – eine Vergangenheit, die von Geld geprägt und von der Erinnerung an einen Großvater in der SS überschattet ist. Eine Mischung, die Scham und Schuldgefühle hervorgerufen hat, denn obwohl das Bankkonto stets im Plus war, stellt sich heraus, dass Kracht’s Vater ein «Emporkömmling» war, der es nie geschafft hat, sich die Manieren der Menschen anzueignen, denen er nacheifern wollte, während die nationalsozialistische Vergangenheit des Großvaters seine Nachkommen in eine Art unüberwindbare Illegitimität gefangen hat.

«Er mochte zwar gelernt haben, dass man, wenn man im Simpson’s in the Strand zu Mittag aß, ein paar Münzen in die Tasche der weißen Schürze des Tranchierers stecken musste, der den silbernen Rosbif-Wagen bis zum Tisch schob, die maßgeschneiderten englischen Anzüge meines Vaters rochen immer noch nach der deutschen Arbeiterklasse und, schlimmer noch, nach den Manieren eines Emporkömmlings.»

NEWSLETTER DES FREIEN BLICKS

Erhalten Sie unsere Artikel jeden Sonntag.

Der Autor setzt sich somit mit der Entwurzelung und der Verwurzelung innerhalb der Familie auseinander. Wie kann man sich mit einem Umfeld zufrieden geben, dessen Werte man nicht teilt? Die kindliche Bindung zwischen Kracht und seiner Mutter offenbart sich jedoch als selbstverständlich, als er unterwegs entdeckt, dass seine Mutter einen Beutel trägt, der mit ihrem Stoma verbunden ist, und er gezwungen ist, diesen regelmäßig zu wechseln, wo immer sie auch hingehen. Eine Mauer bricht ein; er muss auf seine Mutter zugehen, die er doch sein ganzes Leben lang zu verabscheuen schien. Wir erleben eine interessante Art von Rollenumkehr, bei der der Sohn sich um seine gebrechliche Mutter wie um ein Kind kümmern muss, in einer körperlichen Verbindung, die die Gesten eines Elternteils gegenüber seinem Kind nachahmt.

Eine Kritik, die kaum hinter Ironie verborgen ist

In dieser sich wieder aufbauenden Beziehung erzählt Kracht seiner Mutter Geschichten, wenn ein wenig Ablenkung nötig ist. Diese Exkurse in den Roman geben dem Autor die Möglichkeit, über die Erzählung hinauszugehen, die Wahrheit des Romans zu hinterfragen und alternative Realitäten zu erkunden, die nicht ohne Sinn sind. Der Künstler scheut sich zudem nicht, Satire einzusetzen, insbesondere um eine allzu ordentliche Schweiz zu kritisieren, die manchmal einen Hauch von Selbstironie gebrauchen könnte.

«Die Schweizer aßen alle ihren «grünen Sonnenschein», erledigten ihre Arbeit, gingen schlafen und wachten am nächsten Morgen wieder auf, und es passierte nichts.»

Geld spielt somit im gesamten Roman eine wichtige Rolle. Die Macht desjenigen, der es besitzt, ist nicht grenzenlos, wie Kracht zeigt. Es kann beispielsweise keine Kultur kaufen, auch wenn es den Erwerb teurer Gemälde ermöglicht. Während des gesamten Roadtrips von Kracht und seiner Mutter werden die Geldscheine übrigens in einer Plastiktüte herumgeschleppt, wie wertloser Müll. Deutlicher könnte der Autor es nicht machen.

Ohne in Selbstmitleid zu verfallen, sondern in einer Erzählweise, die bisweilen mit Klischees spielt, Eurotrash beruft sich auf die Erinnerung, um eine Versöhnung mit dem Vergangenen zu erreichen. Das Ganze ist mit einer willkommenen Leichtigkeit gewürzt, die das Buch zu einem Leseerlebnis macht, bei dem man bis zum Ende kommt, ohne sich jemals zu langweilen.

Schreiben Sie der Autorin: [email protected]

Sie haben soeben eine frei zugängliche Literaturkritik gelesen, die aus unserer Printausgabe stammt (Le Regard Libre N°104). Debatten, Analysen, Kulturnachrichten: abonnieren Sie um uns zu unterstützen und Zugang zu all unseren Inhalten zu erhalten!
Eurotrash

Christian Kracht
Eurotrash

Übersetzt aus dem Deutschen von Corinna Gepner
Verlag Denoël
Januar 2024

192 Seiten

Einen Kommentar hinterlassen