Die literarische Orgie von Max Lobe
Genf, Schweiz, 6. Januar 2021. Der schweizerisch-kamerunische Schriftsteller Max Lobé. © Niels Ackermann / Lundi13
Bücher am Dienstag - Jonas Follonier
Ein Wortgewirr, sexuelle Anspielungen in Hülle und Fülle und ein Karneval aus Klängen, Farben und Formen: Beim Lesen des neuen Romans von Max Lobe muss man sich gut festhalten. Das Versprechen Seiner Phall'Excellence, das gerade im Zoé-Verlag erschienen ist, ist ein höllischer Karneval. Doch hinter diesem Trubel verbirgt sich eine donnernde Anklage gegen den Totalitarismus, gepaart mit einer Freude an der Sprache und den Körpern. Ausnahmsweise schlage ich vor, Ihnen diese Welt in Begleitung von Max Lobe selbst näherzubringen.
Der neue Roman von Max Lobe ist eine Gefahr für die Gesundheit. Man kommt erschöpft daraus hervor, als hätte man eine Stunde lang ein Gespräch in einer Sprache geführt, von der man nur jedes zweite Wort versteht. Denn mit Das Versprechen Seiner Phall'Excellence, Der aus Kamerun stammende Genfer Autor hat sich eine Art rabelaisisches Wagnis vorgenommen: seinen Lesern ein skurriles Festmahl in einer neuen Sprache zu bieten. Der Bezug ist offensichtlich. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, wird dies vom Autor bereits angekündigt: «Ich habe mich mit Rabelais unterhalten … er lässt dich grüßen»: Als ich diese freundliche Widmung las, hatte ich nur einen Wunsch: mich meinerseits mit Rabelais, dem Autor von Pantagruel und von Gargantua.
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Als Max Lobe mir die Tür zu seiner Wohnung öffnet, strahlt er über das ganze Gesicht; man muss dazu sagen, dass er gerne über seine Romane spricht – und dass er einfach gerne redet. Ein bisschen wie sein Erzähler, der zugleich Plauderkünstler und Kommentator ist und die Leser schon im ersten Satz des Romans warnt: «Wenn euch die Sprache, in der ich diese Geschichte erzählen werde, nicht zusagt, dann kommt doch einfach hierher nach Elobi, auf die Terrasse der Bar von Uncle Godblessyou.» Da bin ich also am richtigen Ort, ein Glas in der Hand, um mit Max Lobe über seinen charmanten Wahnsinn zu sprechen.
Zunächst muss ich ihm die Wahrheit sagen: Ich bin mir nicht sicher, ob ich sein neues Buch verstanden habe. Ich beruhige ihn. Der Roman hat mir in seiner Maßlosigkeit gefallen, und auch wenn mir vielleicht einiges entgangen ist, habe ich darin Bedeutungen gefunden, die mir umso mehr gefallen haben. Sein Text ist keineswegs Kauderwelsch oder Geschwafel. Ich habe ihn vielmehr als eine literarische Orgie gelesen, die sich selbst als solche versteht und vor Symbolen nur so strotzt. Nehmen wir zum Beispiel den Erzähler von Das Versprechen Seiner Phall'Excellence als «Sexbesessener» wäre falsch – oder sagen wir mal: unvollständig. Das Vorkommen anzüglicher Bilder in jedem zehnten Wort («Seine Phall’Exzellenz», «Ihre Clith’Alttesse», «Clitharicot», „Beim Phallanus!“ …), kann eine gute Möglichkeit sein, sich über die inklusive Sprache lustig zu machen, in der die Geschlechter (weiblich und männlich) allgegenwärtig werden.
«Les merles, les rossignols, les grives, des hibous-hibous là-là tiennent mon nom au bout de leurs becs. Ils caquètent que Oooh! je suis sexiste-sexuce, que Oooh! je suis misogyne-misogouine. Que je suis qu’un pauvre’ « Ah mes chers frèèères ». Un sans-phallancouille! Or, moi Mista AcaDa-Writa, raconteur d’histoires, j’ai bien mes phallancouilles en place, la grosse-droite comme la p’tite-gauche. Et je suis pas pour autant un phallomacho. Du-tout-du-tout. Et même si je l’étais? Où que ça vous gratterait, hein? Là? Au niveau du phallanus? Ou plutôt en bas, là-bas, au niveau du clitharicot?
[...]
»Ich habe keine Angst vor Tata Pélagie, und auch nicht vor diesen „Dingsbums-Katzen“-Sachen der inklusiven Schreibweise ihrer blöden Mutter. Überhaupt nicht. Man darf die Dinge nicht verwechseln. Zu schweigen bedeutet nicht, Angst zu haben.“
Auf dieses Thema angesprochen, erläutert Max Lobe seinen Standpunkt. «Das ist in der Tat eine mögliche Interpretation. Ich spiele mit der Sprache und ihrer Instrumentalisierung für politische Zwecke. Die Sprache ist nicht Tatsache Nicht die Politik – sie bleibt lediglich eine Instrumentalisierung. Wenn jemand sagt: ‘Liebe Schweizer, liebe Schweizerinnen‘, meint er das vielleicht gar nicht so.’ Die Instrumentalisierung der Sprache durch Ideologen mit totalitären Tendenzen ist ebenfalls ein Thema, das im Hintergrund seines Romans präsent ist. Darin begleitet man eine widerstandsfähige Bevölkerung, die der ’Republik Crevetterie», die alles schluckt, was man ihr erzählt, und auf den Grossen Tag wartet, an dem «Seine Phall’Exzellenz» und «Ihre Clith’Hoheit» erscheinen werden. Das Thema ist aktuell. «Und das nicht nur in Afrika», flüstert mir der Autor zu.
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«Ce qui m’intéresse le plus, c’est la prise de parole», poursuit le romancier. «Tous les personnages prennent la parole à un moment donné en disant des choses qui se complètent, se contredisent, s’entrechoquent.» Face à eux, un régime vieillissant, avec un dictateur présenté comme un bébé dans une poussette. Les mots par lesquels les personnages s’expriment sont toujours les mêmes, les rues et les carrefours ont des noms très similaires, la narration elle-même n’en devient qu’un gigantesque et somptueux psittacisme. Et si au début le narrateur est le seul à douter, c’est le lecteur lui-même qui commence peu à peu à douter de la crédibilité de ce dernier, un alcoolique raconteur d’histoires.
Beim Lesen dieses Buches denkt man insbesondere an Meursault – Eine Gegenuntersuchung von Kamel Daoud in dieser genialen Art, die Illegitimität bis hinein in das, was uns erzählt wird, zu verdoppeln. Aber im Grunde eignet sich die Literatur im Allgemeinen hervorragend dafür. Das ist der Ansatz, den Max Lobe gefunden hat, um nicht nur seine Lobeshymne auf den Zweifel, sondern auch auf die Emanzipation zum Ausdruck zu bringen. «Der Zweifel ist die reine Freiheit. Er ist auch das Denken: Deshalb spreche ich so viel über das natürliche Haar meiner Figuren – es geht gewissermaßen um ihr Denken. Wenn ich eine Perücke aufsetze, ist das nicht mein Denken, sondern ein Denken, das von anderswo kommt.»
Man muss den afrikanischen Kontinent, der diesen Roman so sehr inspiriert hat, jedoch nicht gut kennen, um ihn zu schätzen. Ein wenig Neugier reicht aus. Und – warum nicht – ein bisschen Verrücktheit. Denn auch wenn viel von der Verrücktheit großer Autoren, insbesondere von Lobe, die Rede ist, darf man diese kleine Verrücktheit in uns nicht vergessen, die uns nicht nur Zugang zum Unbekannten und zum Spektakulären verschafft, sondern auch zu dem, was in uns selbst schlummerte. Das Versprechen Seiner Phall'Excellence ist eine Lektüre, deren Dringlichkeit nicht unbedingt gesundheitlicher Natur ist, aber dennoch wohltuend. Wir werden also nicht darauf herabblicken!
Schreiben Sie dem Autor: [email protected]
Bildnachweis: © Niels Ackermann / Lundi13

Max Lobe
Das Versprechen Seiner Phall’Exzellenz
Zoé-Verlag
2021
144 Seiten
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