Die literarische Orgie von Max Lobe

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geschrieben von Jonas Follonier · 12. Januar 2021 · 0 Kommentare

Bücher am Dienstag - Jonas Follonier

Ein Wortgewirr, sexuelle Anspielungen in Hülle und Fülle und ein Karneval aus Klängen, Farben und Formen: Beim Lesen des neuen Romans von Max Lobe muss man sich gut festhalten. Das Versprechen Seiner Phall'Excellence, das gerade im Zoé-Verlag erschienen ist, ist ein höllischer Karneval. Doch hinter diesem Trubel verbirgt sich eine donnernde Anklage gegen den Totalitarismus, gepaart mit einer Freude an der Sprache und den Körpern. Ausnahmsweise schlage ich vor, Ihnen diese Welt in Begleitung von Max Lobe selbst näherzubringen.

Der neue Roman von Max Lobe ist eine Gefahr für die Gesundheit. Man kommt erschöpft daraus hervor, als hätte man eine Stunde lang ein Gespräch in einer Sprache geführt, von der man nur jedes zweite Wort versteht. Denn mit Das Versprechen Seiner Phall'Excellence, Der aus Kamerun stammende Genfer Autor hat sich eine Art rabelaisisches Wagnis vorgenommen: seinen Lesern ein skurriles Festmahl in einer neuen Sprache zu bieten. Der Bezug ist offensichtlich. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, wird dies vom Autor bereits angekündigt: «Ich habe mich mit Rabelais unterhalten … er lässt dich grüßen»: Als ich diese freundliche Widmung las, hatte ich nur einen Wunsch: mich meinerseits mit Rabelais, dem Autor von Pantagruel und von Gargantua.

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Als Max Lobe mir die Tür zu seiner Wohnung öffnet, strahlt er über das ganze Gesicht; man muss dazu sagen, dass er gerne über seine Romane spricht – und dass er einfach gerne redet. Ein bisschen wie sein Erzähler, der zugleich Plauderkünstler und Kommentator ist und die Leser schon im ersten Satz des Romans warnt: «Wenn euch die Sprache, in der ich diese Geschichte erzählen werde, nicht zusagt, dann kommt doch einfach hierher nach Elobi, auf die Terrasse der Bar von Uncle Godblessyou.» Da bin ich also am richtigen Ort, ein Glas in der Hand, um mit Max Lobe über seinen charmanten Wahnsinn zu sprechen.

Zunächst muss ich ihm die Wahrheit sagen: Ich bin mir nicht sicher, ob ich sein neues Buch verstanden habe. Ich beruhige ihn. Der Roman hat mir in seiner Maßlosigkeit gefallen, und auch wenn mir vielleicht einiges entgangen ist, habe ich darin Bedeutungen gefunden, die mir umso mehr gefallen haben. Sein Text ist keineswegs Kauderwelsch oder Geschwafel. Ich habe ihn vielmehr als eine literarische Orgie gelesen, die sich selbst als solche versteht und vor Symbolen nur so strotzt. Nehmen wir zum Beispiel den Erzähler von Das Versprechen Seiner Phall'Excellence als «Sexbesessener» wäre falsch – oder sagen wir mal: unvollständig. Das Vorkommen anzüglicher Bilder in jedem zehnten Wort («Seine Phall’Exzellenz», «Ihre Clith’Alttesse», «Clitharicot», „Beim Phallanus!“ …), kann eine gute Möglichkeit sein, sich über die inklusive Sprache lustig zu machen, in der die Geschlechter (weiblich und männlich) allgegenwärtig werden.

«Die Amseln, die Nachtigallen, die Drosseln und die Eulen dort drüben tragen meinen Namen auf der Zunge. Sie krächzen: ’Oooh! Ich bin sexistisch-sexistisch, Oooh! Ich bin frauenfeindlich-frauenfeindlich. Dass ich nur ein armer “Ach, meine lieben Brüder” bin. Ein Phallusloser! Doch ich, Mista AcaDa-Writa, Geschichtenerzähler, habe meine Phalli sehr wohl an Ort und Stelle, den großen rechten ebenso wie den kleinen linken. Und trotzdem bin ich kein Phallomacho. Überhaupt nicht. Und selbst wenn ich es wäre? Wo würde es euch jucken, hm? Da? Auf Höhe des Phallanus? Oder eher weiter unten, dort drüben, auf Höhe des Clitharicot?

[...]

»Ich habe keine Angst vor Tata Pélagie, und auch nicht vor diesen „Dingsbums-Katzen“-Sachen der inklusiven Schreibweise ihrer blöden Mutter. Überhaupt nicht. Man darf die Dinge nicht verwechseln. Zu schweigen bedeutet nicht, Angst zu haben.“

Auf dieses Thema angesprochen, erläutert Max Lobe seinen Standpunkt. «Das ist in der Tat eine mögliche Interpretation. Ich spiele mit der Sprache und ihrer Instrumentalisierung für politische Zwecke. Die Sprache ist nicht Tatsache Nicht die Politik – sie bleibt lediglich eine Instrumentalisierung. Wenn jemand sagt: ‘Liebe Schweizer, liebe Schweizerinnen‘, meint er das vielleicht gar nicht so.’ Die Instrumentalisierung der Sprache durch Ideologen mit totalitären Tendenzen ist ebenfalls ein Thema, das im Hintergrund seines Romans präsent ist. Darin begleitet man eine widerstandsfähige Bevölkerung, die der ’Republik Crevetterie», die alles schluckt, was man ihr erzählt, und auf den Grossen Tag wartet, an dem «Seine Phall’Exzellenz» und «Ihre Clith’Hoheit» erscheinen werden. Das Thema ist aktuell. «Und das nicht nur in Afrika», flüstert mir der Autor zu.

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«Was mich am meisten interessiert, ist das Wort», fährt der Romanautor fort. «Alle Figuren kommen irgendwann zu Wort und sagen Dinge, die sich ergänzen, widersprechen oder aufeinanderprallen.» Ihnen gegenüber steht ein alterndes Regime mit einem Diktator, der wie ein Baby im Kinderwagen dargestellt wird. Die Worte, mit denen sich die Figuren ausdrücken, sind immer dieselben, die Straßen und Kreuzungen haben sehr ähnliche Namen, die Erzählung selbst wird so zu einem gigantischen und prächtigen Nachplappern. Und während zu Beginn nur der Erzähler zweifelt, ist es nach und nach der Leser selbst, der an der Glaubwürdigkeit des Erzählers, eines alkoholkranken Geschichtenerzählers, zu zweifeln beginnt.

Beim Lesen dieses Buches denkt man insbesondere an Meursault – Eine Gegenuntersuchung von Kamel Daoud in dieser genialen Art, die Illegitimität bis hinein in das, was uns erzählt wird, zu verdoppeln. Aber im Grunde eignet sich die Literatur im Allgemeinen hervorragend dafür. Das ist der Ansatz, den Max Lobe gefunden hat, um nicht nur seine Lobeshymne auf den Zweifel, sondern auch auf die Emanzipation zum Ausdruck zu bringen. «Der Zweifel ist die reine Freiheit. Er ist auch das Denken: Deshalb spreche ich so viel über das natürliche Haar meiner Figuren – es geht gewissermaßen um ihr Denken. Wenn ich eine Perücke aufsetze, ist das nicht mein Denken, sondern ein Denken, das von anderswo kommt.»

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Man muss den afrikanischen Kontinent, der diesen Roman so sehr inspiriert hat, jedoch nicht gut kennen, um ihn zu schätzen. Ein wenig Neugier reicht aus. Und – warum nicht – ein bisschen Verrücktheit. Denn auch wenn viel von der Verrücktheit großer Autoren, insbesondere von Lobe, die Rede ist, darf man diese kleine Verrücktheit in uns nicht vergessen, die uns nicht nur Zugang zum Unbekannten und zum Spektakulären verschafft, sondern auch zu dem, was in uns selbst schlummerte. Das Versprechen Seiner Phall'Excellence ist eine Lektüre, deren Dringlichkeit nicht unbedingt gesundheitlicher Natur ist, aber dennoch wohltuend. Wir werden also nicht darauf herabblicken!

Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

Bildnachweis: © Niels Ackermann / Lundi13

Max Lobe
Das Versprechen Seiner Phall'Excellence
Zoé-Verlag
2021
144 Seiten

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Bundeshauskorrespondent für «L'Agefi», Singer-Songwriter, Jonas Follonier ist Gründer und Chefredakteur von «Regard Libre».

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