Die musikalische Improvisation ist eine schöne Metapher für den freien Ausdruck: eine Kunst, sich an andere zu wenden, Klarheit zu suchen und eine zerbrechliche Harmonie zu weben, in der jede Stimme vorbereitet, aber mutig ist.
Über den musikalischen Genuss hinaus kann ein Abend in einem Jazzclub Gedanken über die Zeit - und über die menschliche Natur, wie sie zu allen Zeiten existiert - vermitteln. Das habe ich kürzlich in London erlebt, als ich den Soli der Musiker wie einer Rede zuhörte. Ich dachte mir, dass die vom Jazz ermöglichte Improvisation in vielerlei Hinsicht mit der freien Meinungsäusserung in der liberalen Demokratie vergleichbar ist.
Zunächst einmal ist ein Solo dieser Art nichts Einsames. Es wird von der restlichen Band begleitet oder, wenn es das einzige Instrumentarium des Augenblicks ist, reagiert es auf das, was vorher war, oder nimmt das vorweg, was folgen wird. Darüber hinaus ist eine solche Improvisation auf die Interaktion mit dem Publikum ausgelegt. Wenn ein Saxophonist auf die Bühne tritt, wird er von den mehr oder weniger schweigenden Zuschauern begrüsst, angehört und auch beurteilt. Und nichts ist von vornherein festgelegt. Es ist dieser unausgesprochene Pakt zwischen denen, die sprechen, und denen, die zuhören, der die Schönheit des Augenblicks schafft.
Ebenso soll die liberale Demokratie nicht jedem das Recht garantieren, Recht zu haben, sondern das Recht, Vorschläge zu machen, die von anderen bewertet werden. Wie ein Improvisationskünstler weiss auch der, der sich zu Politik oder Gesellschaft äussert, dass seine Worte nur dann etwas wert sind, wenn sie sich in ein grösseres Ganzes einfügen: das kollektive Gespräch, das bürgerliche Orchester, in dem viele Stimmen eine flüchtige Harmonie bilden können.
Ausserdem verliert eine liberale Demokratie in dem Masse an Bedeutung, in dem die gemeinsame Sprache verkümmert und die Meinungen unverständlich werden, ähnlich wie bei einem bestimmten Jazz, der aus Snobismus und der Anhäufung von Grenzüberschreitungen nicht einmal mehr zu gefallen versucht. Die Verwirrung negiert das Wesen der Musik wie auch der Debatte über Ideen.
Schliesslich weiss jeder Musiker, dass ein Solo selten vom Himmel fällt. Die Vorarbeit nährt die Spontaneität und umgekehrt. Komposition und Improvisation bedingen sich gegenseitig. Das gilt auch für Hintergrundgespräche. Ohne Authentizität, Selbstvertrauen und Risikobereitschaft gibt es keinen Fortschritt. Aber ohne Auseinandersetzung mit dem Thema gibt es auch keine Chance, Originalität zu erreichen. All das gehört zusammen.
Wir sollten also niemals die Meinungsfreiheit verherrlichen, ohne gleichzeitig die Suche nach der Wahrheit zu loben, die eine Forderung nach Klarheit und das Zuhören anderer voraussetzt. Schliesslich können wir uns nicht nur von der Musik, sondern auch von der angelsächsischen Tradition inspirieren lassen.
Abschluss in Philosophie und von Beruf Journalist, Jonas Follonier ist Gründer und Chefredakteur des Regard Libre.