Medien Kommentar

Geoffroy Lejeune wird neuer Chef des JDD: ein sinnloses Tamtam

6 Leseminuten
geschrieben von Jonas Follonier · 23. Juli 2023 · 0 Kommentare

Die bis in die höchsten Kreise reichende Aufregung über die Ernennung des Ex-Bosses von Aktuelle Werte an die Leitung des Sonntagszeitung ist eine selektive und fehlgeleitete Empörung. Kurze Entwicklung des Standpunkt, den ich am 4. Juli im RTS äußern konnte.

Das war auf den Tag genau vor einem Monat. Am 23. Juni, Geoffroy Lejeune, ehemaliger Chefredakteur der konservativen Wochenzeitung Aktuelle Werte, wurde offiziell zum Leiter des Sonntagszeitung (JDD). Seitdem das Gerücht über seine Ernennung verbreitet wurde durch Die Welt Am Vortag hatten die Journalisten dieser führenden französischen Zeitschrift, die eher der Mitte-Rechts-Richtung zuzuordnen ist, angekündigt, in den Streik zu treten. Grund dafür war laut einer am 22. Juni veröffentlichten Erklärung der Journalistenvereinigung die «Weigerung, von einem Mann geleitet zu werden, dessen Ideen in völligem Widerspruch zu den Werten der Zeitung stehen».

Der Streik dauert auch heute noch an und hat damit die Ein-Monats-Marke überschritten – genau so lange hatte der Streik der Journalisten des Senders iTélé, der inzwischen zu CNEWS wurde, gedauert, als dieser 2016 vom Milliardär Vincent Bolloré aufgekauft wurde. Seit einem Monat wird dieselbe Befürchtung geäußert: Der Geschäftsmann habe rechtsextreme Ansichten, die er durch die Übernahme immer weiterer französischer Medien verbreiten würde. Sein Konzern Vivendi steht in der Tat kurz davor, Lagardère zu schlucken, den Eigentümer von JDD, von Paris Match und von Europe 1 nach einem erfolgreichen öffentlichen Übernahmeangebot. Viele Beobachter sehen in der Ernennung von Geoffroy Lejeune an die Spitze der einzigen bedeutenden französischen Sonntagszeitung eine «Übernahme durch Bolloré».

Auch wenn die Frage, ob die Redaktion die Ausrichtung eines Medienunternehmens bestätigen soll, durchaus umstritten ist, betrifft sie doch nur das betreffende Medienunternehmen. Die gesamte Elite des Landes, die sich auf der Seite des Guten sieht, hat daraus jedoch ein politisches Thema gemacht. Nicht weniger als 400 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur, Verbänden und Sport haben daher einen offenen Brief in Die Welt um zu erklären, dass «das JDD »darf nicht zu einer Zeitung werden, die rechtsextreme Ideen vertritt“. Die Kulturministerin selbst hat sich zu einer tweet wo sie ihre Besorgnis über die «republikanischen Werte» zum Ausdruck brachte. Zudem wurde am Mittwoch in der Nationalversammlung ein parteiübergreifender Gesetzentwurf zum Schutz der «redaktionellen Freiheit der Medien» eingebracht.

Qui sont-ils pour dire ce qu’un média privé doit faire?

Es geht hier nicht darum, sich zu fragen, was diese empörten Sonntagsaktivisten unter «extremer Rechter» oder «republikanischen Werten» verstehen – Begriffe, die in der heutigen politischen Debatte, in der allzu oft Etikettierungen anstelle von Argumenten stehen, fast nie definiert werden. Es geht vielmehr darum, Folgendes zu verteidigen: Selbst wenn Geoffroy Lejeune die extreme Rechte verkörpern sollte – was auch immer das bedeuten mag –, ist es Sache des Chefs eines Unternehmens – in diesem Fall eines Medienunternehmens –, über dessen Ausrichtung zu entscheiden. Ebenso ist es Sache des Lesers, zu entscheiden, was er liest.

Allen Umfragen zufolge sind die Franzosen übrigens weitaus konservativer als die JDD derzeit. Diese Maßnahme entspricht also zweifellos einer Nachfrage. Und sollte sie sich letztendlich als Fiasko erweisen, umso besser für die Konkurrenz. Im Übrigen, bevor er vom JDD, Geoffroy Lejeune wurde aus Aktuelle Werte… weil er eine zu rechtsgerichtete Linie vertrat. Warum sollten die Menschen, die von dem bevorstehenden – und zudem noch vermuteten! – Kurswechsel des JDD Ärgern sie sich nicht darüber, dass Aktuelle Werte wird wahrscheinlich ebenfalls seiner Substanz beraubt werden? Zweifellos, weil man damit zugeben müsste, dass bestimmte Medien – entgegen der Behauptung beispielsweise des Vorsitzenden der Menschenrechtsliga, Patrick Baudouin – links orientiert sind, während andere rechts orientiert sind. Das Leben eben.

L’affaire est encore plus basique, hélas: «il suffit à la gauche de se voir contestée pour se croire assiégée», comme le disait très justement in einem Interview le sociologue québécois Mathieu Bock-Côté en 2020. Déjà minoritaires dans les idées de la population, les représentants d’une certaine gauche morale ne peuvent supporter de devenir également minoritaires dans les médias.

Cela étant, n’éludons pas la discussion de fond: ce ne serait pas bon pour le pluralisme que Bolloré rachète tous les médias privés de France. Mais il est réjouissant que des hommes d’affaires investissent dans la presse. L’idéal étant qu’il y ait une diversité de ces acteurs, de la même manière qu’une variété de points de vue est nécessaire au débat public. Or justement, si une telle volonté existe au plus haut niveau de «sauver» un dominical aux idées qu’on dit proches de la Macronie, n’y aurait-il pas moyen de financer d’une manière ou d’une autre un nouvel hebdomadaire pour faire concurrence au nouveau JDD? Par exemple, par l’entremise d’un riche mécène proche du président? Ou d’un financement participatif? Bref, ceux qui n’aiment pas Geoffroy Lejeune ne sont pas obligés de continuer à lire le JDD ou à y travailler. Qu’ils créent un autre titre. La presse ne s’en portera que mieux.

Das eigentliche Thema betrifft die öffentlich-rechtlichen Medien

L’autre volet hautement critiquable de cette indignation politico-médiatique, c’est l’énième «deux poids deux mesures» qu’elle révèle. Quand un ancien co-directeur du grand quotidien de gauche Befreiung accède (à nouveau) à l’animation de la matinale de France Inter, radio de service public, les mêmes qui militent aujourd’hui contre la nomination de Geoffroy Lejeune ne s’offusquent pas. Logique, répondra-t-on: ces bonnes âmes penchent plutôt à bâbord! C’est là oublier qu’ils devraient justement en faire abstraction. Et que l’impartialité des médias publics – ou au moins l’équilibre dans leurs rédactions et les directions qui s’y succèdent – est pour le coup un vrai sujet politique, contrairement à ce qui se trame dans les médias privés.

NEWSLETTER DES FREIEN BLICKS

Erhalten Sie unsere Artikel jeden Sonntag.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Frankreich sind nach wie vor einseitig ausgerichtet; Bürger, die sich derselben Seite zugehörig fühlen, empfinden dies nicht als störend: Dies zeigt die tiefe Unvernunft ihrer Weltanschauung. Und das ist keine rein französische Angelegenheit: Das gleiche Phänomen lässt sich auch in der Westschweiz beobachten.

Schreiben Sie dem Autor: [email protected]


Sie haben gerade einen frei zugänglichen Artikel gelesen. Debatten, Analysen, Kulturnachrichten: abonnieren Sie um uns zu unterstützen und Zugang zu all unseren Inhalten zu erhalten!
Jonas Follonier
Jonas Follonier

Jonas Follonier ist Chefredakteur von «L’Agefi» und Essayist sowie Gründer und Vorsitzender von «Regard Libre».

Einen Kommentar hinterlassen