Ginette Kolinka prägt mit «Rückkehr nach Birkenau» das Gedenken und die Erinnerungen»
Stacheldraht im Konzentrationslager mit einem Vintage-Effekt und unscharfem Hintergrund
Bücher am Dienstag - Loris Musumeci
Eine nette und lustige kleine Dame. Mit einem lachenden Geist und einem Lächeln auf den Lippen hält sie sich für glücklich. Sie führt ein normales Leben und erzählt in Rückkehr nach Birkenau was die Shoah für sie bedeutete und wie sie ihre Deportation erlebte. Ohne eine allzu stolze Haltung einzunehmen, die zur Nachlässigkeit neigen würde, und ohne unter ihrer Feder zu weinen, ist die Erzählung nüchtern und wahr.
«Ein Leben ohne große Freuden, ohne großes Weinen.
Normal, eintönig.
»Aber angenehm, das passt zu mir.“
Ginette Kolinka wurde im März 1944 von der Gestapo verhaftet. Wie durch ein Wunder – sofern man diesen Ausdruck hier überhaupt verwenden kann – überlebte sie diese Zeit. Danach führte sie dieses Leben «normal», «monoton», wie sie selbst sagt. Sogar angenehm. Und doch für immer gezeichnet, das versteht sich von selbst. Durch den Schrecken der Deportation, durch die fast unwirklichen Lebensumstände, unter denen sie lebte. Durch das Schuldgefühl, ihren kleinen Bruder und ihren Vater in den Tod geschickt zu haben.
«An den Kais bellen die Hunde. Ich verstehe nichts. Jemand übersetzt mir: ‘Wir bringen euch zu Fuß ins Lager, aber das Lager ist weit weg. Für die Müden gibt es Lastwagen.’ Dieser Satz hallt auch siebzig Jahre später noch in mir nach. ‘Für die Müden gibt es Lastwagen.’
In meiner Naivität – jener Naivität, die mich vielleicht gerettet und sie zum Scheitern verurteilt hat – denke ich an meinen Vater, der in den letzten Wochen abgemagert ist und von der Reise erschöpft ist, ich denke an Gilbert, meinen kleinen Bruder, der erst 12 Jahre alt ist, an sein kleines, zerzaustes Köpfchen. Und ich höre mich ihnen zurufen: ‘Papa, Gilbert, nehmt den Lkw!’
Das ist zumindest etwas, was sie nicht zu Fuß zurücklegen müssen.
Ich küsse sie nicht. Sie verschwinden.
»Sie verschwinden.“
Ohne Lachen, ohne Tränen
Begleitet von der Feder der Journalistin Marion Ruggieri leistet Ginette Kolinka einen Beitrag zum Erbe der Erinnerung. Ihr Zeugnis. Ganz ohne Schnörkel. Ohne Romantik. Ohne stilistische Effekte. Ohne Lachen. Ohne Tränen. Das ist eine Art, es zu tun. Nicht besser als jede andere. Aber auch nicht weniger wirkungsvoll. Auf jeden Fall ist die Schlichtheit, die dieses Buch ausstrahlt, ergreifend.
Einerseits schildert sie die Ereignisse so, wie sie waren. Sie teilt sie mit uns, ist sich dabei aber durchaus bewusst, dass sie für den Leser bis zu einem gewissen Grad unzugänglich bleiben. Man kann sich eine Vorstellung, sogar eine recht klare, davon machen, was Ginette Kolinka erlebt hat. Aber man kann es sich nicht vollständig vorstellen. Diese Diskrepanz wird nicht von der Autorin geschaffen. Sie betrachtet sich nicht als abgesehen von. Es ist einfach so, dass seine Erfahrung nicht unsere ist. Die geschilderten Momente der Not, so eindringlich und tiefgründig sie auch sein mögen, entsprechen niemals der Realität einer dramatischen Situation, die man mit eigenen Augen gesehen und selbst erlebt hat.
«Der Boden ist mit einem dicken Teppich aus Haaren bedeckt, auf dem lange, unberührte Locken schweben: weich, gewellt, direkt aus der Kindheit.»
Man muss gar nicht weiterlesen, um zu spüren, wie sich ein Kloß des Unglücks in der Kehle bildet.
«Eine riesige Hütte. Der Boden ist aus gestampftem Lehm, zumindest glaube ich das. Es riecht so stark, dass selbst offene Türen nichts daran ändern. In dieser Hütte sitzen Frauen Seite an Seite, Rücken an Rücken, so weit das Auge reicht, auf Holzbrettern und verrichten ihre Notdurft. Alle zusammen. Eine Reihe von Hinterteilen. Eine davon sticht besonders hervor: Ihr Hinterteil hat alle möglichen Farben – gelb, rosa, violett. Aber das ist es nicht, was mich schockiert, sondern was sie tut: Sie uriniert in ihre Hände und reibt sich damit über den Hintern.»
Das Kleid von Simone Veil
Diese Worte sind schonungslos. Hart. Sie reißen an den Nerven. Sie gehen einem ans Herz. Das hätte auch mir passieren können. Das hätte mir widerfahren können. Das Ereignis liegt noch gar nicht so lange zurück. Die Welt hat sich verändert; das Zeugnis ist geblieben. Ginette Kolinka und andere Überlebende, auch wenn sie schon alt sind, sind der Beweis dafür. Die Verkörperung. So banal und überflüssig es auch klingen mag, muss man sich dennoch bewusst machen, dass all das einer Frau widerfahren ist, die noch am Leben ist. Die das Alter und den Alltag einer Großmutter wie jede andere hat.
Neben der Schilderung des Lebens einer Jüdin in den Lagern, Rückkehr nach Birkenau wirft universelle und tiefgründige Fragen auf. Ist Freundschaft auch in den extremsten Situationen möglich? Der gesunde Menschenverstand – und vielleicht auch die guten Gefühle – würden uns sagen: Ja. Doch die Autorin scheut sich nicht zu sagen, dass sie in Birkenau keine Freunde hatte. Dass sie die Möglichkeit einer Freundschaft wirklich in Frage gestellt hat. Denn jeder ist damit beschäftigt, so gut es geht zu überleben. Einfach nur zu überleben. Dennoch hat ihr jemand Freundschaft entgegengebracht und ihr sogar das Leben gerettet. Es handelt sich um eine gewisse Simone Veil, die damals noch Simone Jacob hieß.
«Wie versprochen kam die Kapo mit einem Kleid zurück, das Simone genommen und mir gegeben hat. Warum gerade mir? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Warum hat sie es nicht ihrer Mutter oder ihrer Schwester geschenkt? Vielleicht hatte sie Mitleid mit mir? Ich hatte die ganze Szene miterlebt, und die Kapo hatte mich nicht bemerkt. Man muss dazu sagen, dass ich mit meinem Rock und meinem Pullover kein schöner Anblick war. Ich war allein, in meiner Ecke, kannte niemanden, hatte meinen Vater und meinen Bruder in den Tod geschickt. Und Simone schenkt mir ein Kleid. Ohne sie hätte ich mich …
Den Mut zu verlieren bedeutet, den Tod zu beschleunigen.
»Simone ist gleich danach mit ihrer Mutter und ihrer Schwester gegangen. Und was ist eigentlich aus dem Kleid geworden? So sehr ich auch in meinem Gedächtnis kramte, ich kann es nicht mehr finden.“
Das Buch von Ginette Kolinka ist kurz. Es gibt weitere Werke dieser Art. Es werden noch einige weitere folgen, auch wenn wir allmählich miterleben, wie die Überlebenden der Shoah nach und nach von uns gehen – was dieses Werk umso wichtiger macht. Und natürlich bleibt man von einem solchen Zeugnis nicht unberührt. Man hat schon andere gesehen und gehört, doch jedes dieser Zeugnisse stammt von einer Person, die die Ereignisse am eigenen Leib erlebt hat. Das lässt bei den Lesern keinen Raum für Gleichgültigkeit. Was uns noch besonders in Erinnerung bleibt: die zärtliche und sympathische Gutmütigkeit dieser älteren Frau, die, indem sie ihre Geschichte im Dienste der Erinnerung erzählt, einen bleibenden Eindruck hinterlässt. In meiner Erinnerung.
Ginette Kolinka und Marion Ruggieri
Rückkehr nach Birkenau
Grasset-Verlag
2019
99 Seiten
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