«Der Regen, bevor er fällt»: Jonathan Coes Determinismus

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geschrieben von Lauriane Pipoz · 15. September 2020 · 0 Kommentare

Bücher am Dienstag - Die Retrospektive - Lauriane Pipoz

Eine alte Tante, die mysteriöserweise in einem düsteren Herrenhaus verstorben ist, aufgestapelte Kassetten... Der Regen, bevor er fällt beginnt mit einem Hauch von Geheimnis. Der rätselhafte Titel dieses Romans fiel mir schon vor über zehn Jahren auf. Auch wenn die Spannung nicht zu kurz kommt, ist ein anderes, tiefgründiges Thema viel wichtiger: der Determinismus. Entschlüsselung einer tiefgründigen und bewegenden Erzählung.

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Die alte Tante Rosamund ist verstorben. Gill ist sehr betroffen. Flankiert von ihren beiden Töchtern macht sie sich auf den Weg, um die letzten Angelegenheiten der einsamen Frau zu regeln. Dabei stößt sie auf Kassetten, die für eine mysteriöse Tochter namens Imogen aufgenommen wurden. Da sie sie nicht ausfindig machen kann, hört sie sich die Kassetten mit ihren Töchtern an und entdeckt dabei die Geheimnisse einer ganzen Familienlinie.

Mit verbundenen Augen weitergehen

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Imogen blind ist. Nur mithilfe ihrer Stimme versucht Tante Rosamund, ihr eine Reihe von Fotografien vor Augen zu führen, die ihr ihre Herkunft offenbaren sollen. Wir erhalten also die gleichen Informationen, allerdings in schriftlicher Form. Obwohl uns das Bild gezeigt werden könnte, erhalten wir Zugang zu etwas viel Wertvollerem: der Betrachtung dieser Bilder durch die Hauptfigur. Zu jeder beschriebenen Aufnahme gibt es eine Anekdote aus der Familie. Jede Einstellung enthüllt einen Teil der Familiengeschichte von Rosamund und Imogen.

Wir verstehen schnell, dass ihre Behinderung mit ihrer Abstammung verbunden ist. Jonathan Coe nutzt diesen Weg, um uns die Situation mehrerer Generationen von Frauen im tiefsten England näher zu bringen. Alle sind von der Geschichte ihrer Vorgängerinnen geprägt. In diesem Buch geht es jedoch nicht um Feminismus, sondern um die Verletzungen, die in der Kindheit entstanden sind. Jede dieser Frauen musste die Lieblosigkeit ihrer eigenen Mutter erleiden. Bis eine von ihnen Generationen später das gleiche Medium verwendet, was zu einem dramatischen Ergebnis führt.

Diese fast philosophische Erzählung stellt somit die Bissigkeit der Kindheit mit den Fehlern der Erwachsenen in Verbindung. Es mag vielleicht vereinfachend oder zu großzügig erscheinen, die einen mit den anderen zu erklären und sie damit scheinbar zu entschuldigen. Denn die begangenen Fehler sind enorm. Aber das ist die Sicht von Rosamund und durch sie die Sicht der britischen Autorin. Übrigens kann das Ende vom Leser auf verschiedene Weise interpretiert werden.

Aber das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt, den ich an dieser heiklen Geschichte habe: Auch wenn das Wort «Determinismus» nicht vorkommt, hätte der Roman ohne die schwarz auf weiß formulierten Fragen einer der Protagonistinnen noch subtiler sein können. Vielleicht ist es meine Besessenheit von diesem Thema, die mich denken lässt, dass es noch schöner gewesen wäre, wenn der Gedanke an einen Determinismus von selbst im Kopf des Lesers aufgetaucht wäre. Aber das ist nur meine Sicht der Dinge.

Schreiben Sie der Autorin: lauriane.pipoz@leregardlibre.com

Fotocredit: © Flickr/OliBac

Jonathan Coe
Der Regen, bevor er fällt
Gallimard Verlag
2011
268 Seiten

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