Sie kennen Redl nicht, Alfred Redl?

8 Leseminuten
geschrieben von Arthur Billerey · 09. Februar 2021 · 0 Kommentare

In «Vert et Florissant…», übersetzt von Peter Brabenec, schildert der slowakische Autor Pavel Vilikovský die verrückten und actionreichen Abenteuer eines Geheimagenten im ungewöhnlichen und skurrilen 007-Stil, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Europa reist. Jahrhundert spielt und von seinen Abenteuern in der Spionage und Spionageabwehr erzählt.

Sie kennen Alfred Redl nicht? Er war Oberst und Leiter des österreichisch-ungarischen Geheimdienstes sowie ein bekannter Homosexueller, der zum Doppelagenten wurde, um seinen Geliebten zu versorgen. Als Liebhaber der technischen Spielereien jener Zeit – wie jeder Geheimagent, der etwas auf sich hält – fiel er mehreren Erpressern zum Opfer, die ihn mit seinen eigenen fleischlichen Gelüsten überführten. Denn Alfred Redl war eine ideale Beute für ausländische Geheimdienste, die ihn erpressten, indem sie seine Achillesferse ausnutzten: seine Leidenschaft für die schönen Frauen. Historisch gesehen scheint es, dass der Agent durch die Vermittlung von Liebhabern, die ihm vorgestellt wurden, dazu kam, österreichisch-ungarische Militärgeheimnisse an die französischen, russischen und italienischen Geheimdienste zu verkaufen. Diese Geheimnisse machten ihn unermesslich reich, doch als er von den Behörden dazu aufgefordert wurde, musste er Ermittlungen anstellen und den Schuldigen (niemand anderen als sich selbst) für diese Indiskretionen innerhalb seines Dienstes ausfindig machen. Er musste Verrat begehen und ein intensives Leben führen, bis er eines Tages, nachdem er von der Polizei entlarvt worden war, in seinem Hotelzimmer in Wien seinem Leben ein Ende setzte.

Der Autor lässt sich jedoch nur sehr frei von dieser Spionagegeschichte inspirieren, die lediglich als erzählerischer Vorwand oder Hintergrund dient. Zwar reist ein ungewöhnlicher und schrulliger 007 durch Europa, berichtet von seinen Abenteuern in der Spionage und Spionageabwehr sowie von seiner Begegnung mit Alfred Redl. Man könnte jedoch sagen, dass es dem Autor vor allem darum geht, die Themen hervorzuheben, in diesen Kontext einzubinden oder auf diese Leinwand zu zeichnen, die in seinem Werk wie Zugvögel, die von seiner Schrift zurückgerufen werden, immer wiederkehren: die slowakische Identität, die Herausforderungen der Liebe, die Freuden und Rückschläge des Lebens oder auch die Geschichte der Nationen und Völker.

Lesen Sie auch | Die erzählende Poesie von Mathilde Vischer

Dieses Buch handelt nicht von einem Geheimagenten aus dem frühen 20.. Jahrhundert, die angeblich eine Beziehung zu Alfred Redl gehabt haben soll, aber es handelt sich wieder einmal, wie in ihrem Roman, Ein Hund auf der Straße, eine Möglichkeit, über Themen zu schreiben, die Pavel Vilikovský tief in seinem Innersten beschäftigen. Da vollzieht sich das Wunder, und der Autor knüpft damit wieder an die Tatsache an, dass das Schreiben die Kraft besitzt, Themen, eine Botschaft, eine Obsession, ein Anliegen oder einen Traum an den Leser zu vermitteln, lässt seine Zugvögel und seine Feder singen – so wie es bei der slowakischen Identität der Fall ist, diesem kleinen Land, das vom Kommunismus mit dem Brandmal geprägt wurde, von seinen verschiedenen brutalen Staatswechseln und von seiner Auslöschung.

«Eine der psychisch und körperlich anspruchsvollsten Aufgaben erwartete mich in einem abgelegenen Winkel der Welt. Kennen Sie die Slowakei? Das überrascht mich nicht. Ein von Gott vergessenes Land, würde ich sagen – vorausgesetzt, Gott hätte es überhaupt jemals zur Kenntnis genommen.»

Was die anderen wiederkehrenden Themen des Autors betrifft – also die Herausforderungen der Liebe, die Freuden und Rückschläge des Lebens –, so gibt es dafür zahlreiche Beispiele. Literarische Formulierungen gibt es in allen Varianten. Es gibt pauschale Aussagen, es gibt widersprüchliche, es gibt solche, die aus diesen Widersprüchen Funken sprühen lassen, es gibt solche, die zum Lachen bringen, und andere, die uns so sehr erröten lassen, dass wir überrascht sind. Pavel Vilikovský knetet den Ton der Worte so gut er kann und liefert Zitate, die man – je nach Vertrautheit – dem Nachbarn von nebenan nachsagen könnte, wie zum Beispiel dieses: «Seine Sinnlichkeit zu beherrschen bedeutet, der Versuchung zu widerstehen», oder auch: «Der Schmerz – wenn man das Zarte mit unfeinen Worten beschreiben darf – ist die Kolik der Seele.» Und um seine Lieblingsthemen zu vermitteln, hat sich Pavel Vilikovský für den Monolog entschieden.

Der Stil des Schriftstellers, streng in seiner Einfachheit, unregelmäßig in seinen Abschweifungen, erreicht eine seltene Klarheit, eine unerschütterliche literarische Natürlichkeit, deren größte Bedrohung für Schriftsteller die der verstreichenden Zeit ist, die über Generationen hinweg die literarische Spreu vom Weizen trennt. Die Kapitel lesen sich angenehm, und die Formulierungen, die Satzwendungen und die Metaphern, die sich aus den zahlreichen Abschweifungen ergeben, prallen wie Kristallgläser aneinander, die den Leser nur noch durstiger machen und dazu verleiten, weiterzulesen. Und um die Kunst des Schreibens vollends zu verwirklichen, spielt der Wortschatz eine wichtige Rolle. Ob es nun um die Aussprache von Namen, unerwartete oder gar erfundene Lautmalereien, die Etymologie der Wörter oder deren Interpretation geht – der Autor bringt seine Leidenschaft für das Wort zum Ausdruck, ganz gleich, woher es stammt, ob es nun slowakisch, französisch oder deutsch ist.

«Ein französischer Schriftsteller hat das Wort kommentiert Zahl: das Wort Zahl ist derb; es bringt die Gefühle, die die Zahlen hervorrufen, perfekt zum Ausdruck. Es musste erst ein slowakischer Sprachwissenschaftler sein, der ihm in einem im Eigenverlag erschienenen Buch […] prompt und treffend antwortete, und ich sage es dir auch in meinem Namen: Derb, von wegen! Das Wort Zahl ist unschuldig wie ein Engel. Die Rauheit, die Faguet ihm zuschreibt, rührt von den Rechnungen her, vor allem wenn sie hoch sind und wir nicht über die Mittel verfügen, sie zu begleichen. Zahlen und trockene Buchhaltung lösen bei Menschen, die sich der Politik verschrieben haben, Abscheu und Widerstand aus. Ich möchte mich nicht in fruchtlose sprachliche Streitigkeiten einmischen. Wenn sich die Sprachwissenschaftler nicht einigen können, ist es letztlich der Staat, der seine Autorität durchsetzt. Wie viel Energie und wie viel Zeit hätten die Deutschen in vergeblichen Auseinandersetzungen darüber verschwendet, ob man in Fraktur oder in lateinischer Schrift schreiben solle, wie viel Papier hätten sie verschwendet! Ohne dabei eine Lösung zu finden. Der Führer gab den Befehl, in lateinischer Schrift zu schreiben – es ist bekannt, dass ihm die gotische Schrift Probleme bereitete –, und die Streitigkeiten verstummten. Das ist ein schönes Beispiel für die Rolle des Einzelnen in der Geschichte.»

NEWSLETTER DES FREIEN BLICKS

Erhalten Sie unsere Artikel jeden Sonntag.

Dieser spritzige Monolog und diese literarische Natürlichkeit, dieser dem Autor eigene Stil beruhen auf einer entschlackten Ironie, die in einfachen Sätzen auf das Wesentliche reduziert ist, befreit von ihren Sünden und all ihrer Rauheit oder all ihren Unvollkommenheiten. Ironie ist ein in der Literatur heikel zu handhabender Humor. Man könnte sie mit dem Umgang mit Sprengstoff vergleichen, denn der Schriftsteller, der die Ironie beherrscht, besitzt dasselbe Talent wie derjenige, der die Explosion beherrscht, sei er nun Sprengmeister oder Selbstmordattentäter, das heißt die seltene Fähigkeit, mit der Verzögerung umzugehen, die raffinierte Gabe, den richtigen Moment abzuwarten und die exakte Länge der Zündschnur zu wählen, die das Pulver in den Augen des Lesers entzünden wird.

«Mais je peux vous dire, et je vous le dis d’homme à homme – encore que je me demande ce que vous valez en tant qu’homme; mais ce n’est pas pour vous que nous allons transformer les proverbes, les locutions figées, et encore moins les comparaisons consacrées… avez-vous remarqué que le comparant est toujours plus riche, plus profond, plus vivant que le comparé? Par exemple: Vous puez comme Napoléon au retour de la campagne de Russie. Que de péripéties historiques, que d’espace – les vastes steppes russes… – et vous? Vous êtes zéro, et pas seulement dans cette comparaison. Maintenant c’est votre tour, et si vous répondez à mon attaque par une attaque, je ne me vexerai pas, Je vous l’assure. Que je croasse comme un corbeau? C’est banal, cher ami, et faux; vous ne savez certainement pas que garçon, je chantais dans un chœur, et ma voix d’ange… Bon. Maintenant c’est mon tour et pour vous montrer ma virtuosité, je prends le même point de départ: Vous puez comme le bouillon de chaussettes du champion olympique de marathon. Excellent, n’est-ce pas? A vous maintenant. Oui, oui. Je pue comme une merde, c’est ça. Remarquable. C’est laconique mais quelle justesse. J’avoue que je vous envie une chose: cette sublimation.»

Et l’objet livre dans tout cela? On pourrait dire qu’on accorde toujours de l’importance au contenu, dans la critique littéraire, mais peu au contenant, et pourtant… La singularité esthétique de ce livre de poche paru aux Editions La Baconnière, ce sont tous ces mots-clefs, sur l’extrémité des pages, extraits comme des pierres précieuses à la roche du texte. C’est le mot «tarte», dans la marge de la page 54, qui met en lumière «Ne soyez pas si tarte, faites travailler un peu vos méninges!» C’est le mot «plop», dans la marge de la page 38, qui met en lumière «Quand j’entendis le discret plop! tels deux becs de corbeaux qui s’entrechoquent, je me trouvais déjà en lieu sûr, protégé par le massif rocheux.» Et ainsi de suite. C’est une mise en page originale, qui rend la lecture différente.

Der Intertext, der dem durchschnittlichen französisch-schweizerischen Leser dient, kann ihm Elemente der mitteleuropäischen Kultur, Fakten zur slawischen Geopolitik und zu bestimmten politischen Persönlichkeiten vermitteln, all dies mit dem Ziel, seine Unwissenheit zu überwinden, die ihn eines guten Verständnisses der vom Autor behandelten Themen berauben würde. Denn letztendlich zählt nur der Leser. Wie Pavel Vilikovský übrigens in Ein Hund auf der Straße: «Die Wirklichkeit eines Buches ist der Leser.» Mit anderen Worten: Solange ein Buch nicht gelesen wird und im Regal steht, existiert es nicht. Und ist es nicht beruhigend zu wissen, dass das Leben der Bücher in unseren Händen liegt?

Bildnachweis: © Pixy.org

Schreiben Sie dem Autor: [email protected]

Pavel Vilikovský
Grün und blühend...
Übersetzt aus dem Slowakischen von Peter Brabenec
Verlag La Baconnière
2020
208 Seiten

Einen Kommentar hinterlassen