| Eine Patchwork-Erzählung, die in die Aids-Jahre der Schweiz zurückführt

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geschrieben von Chelsea Rolle · 06. Oktober 2023 · 0 Kommentare

Der Lausanner Autor Mathias Howald kehrt mit Für dich genäht, Darin erzählt er von seinen Erfahrungen in den 90er Jahren, als die AIDS-Epidemie grassierte, und von den Spuren, die sie hinterlassen haben. Diese autofiktive Erzählung in zwei Teilen verleiht einer manchmal vergessenen Epoche eine Stimme.

Für dich genäht, da taucht eine lange Erinnerung wieder auf. Zunächst die an das Jahr 1994 aus der Sicht von Mathias Howald, dann die der AIDS-Opfer und derjenigen, die sich im Kampf gegen die Krankheit engagiert haben. Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) hat in der Schweiz, wie überall sonst auch, verheerende Schäden angerichtet. Die Folgen dieser noch gar nicht so lange zurückliegenden Zeit sind noch immer spürbar, und genau das wollte der Autor in die Gegenwart zurückholen, indem er ein Werk in zwei Teilen schuf.

Eine Patchwork-Erzählung, die dennoch nicht zusammenhanglos ist

Im Jahr 1994 ist Mathias Howald ein junger Teenager, der seine Anziehung zu Männern entdeckt – und gleichzeitig die Angst vor diesem unkontrollierbaren Virus. Während die Télévision suisse romande (TSR) damals Bilder vom berüchtigten Platzspitz-Park in Zürich zeigt (siehe Fotoreportage S. 60–65), das zu einem Treffpunkt für Heroinsüchtige geworden war, sendet dort außerdem die Kultursendung Viva präsentiert von Pierre Biner. In dieser Sendung widmet sich der Journalist den Patchworks, die zum Gedenken an Verstorbene angefertigt wurden. Diese Patchworks bilden den Ausgangspunkt und den roten Faden dieser Geschichte, die mit keiner anderen vergleichbar ist. Sie ermöglichen es dem Schweizer Schriftsteller, im Laufe seiner Begegnungen seine Figuren – ob tot oder lebendig, ob real oder fiktiv – zum Leben zu erwecken.

«Ich zog an einem Faden, und die Bilder entfalteten sich langsam, Motiv für Motiv. Ich musste sie wohl in jenem Teil meines Kopfes aufbewahrt haben, den man Herz nennt.»

Die in zwei Teile gegliederte Erzählung macht einen Zeitsprung in die Gegenwart und knüpft gewissermaßen an die 90er Jahre an. Howald ist kein Teenager mehr, und sein Alltag wird nicht mehr von der Schule bestimmt. Aids ist kein aktuelles Thema mehr … oder fast nicht mehr. In seinen Gedanken ist es jedoch nach wie vor sehr präsent, ebenso wie in einigen Szenen des Alltags, wie an jenem Nachmittag im Jahr 2019, als André, ein 64-jähriger HIV-positiver Mann aus Biel, eine Klasse von 13- oder 14-jährigen Schülern trifft, um mit ihnen über seine HIV-Infektion und die Folgen zu sprechen, die sie bei ihm hinterlassen hat:

«Er macht eine Demonstration mit einem Stück Zucker, das er in seinen Kaffee taucht: Der Zucker färbt sich, er wirkt wie deaktiviert, ist aber immer noch da.»

Der Autor spielt mit den Formen. Erschienen im neuen Gallimard-Imprint «Scribes», Für dich genäht ist ein Werk, das sich in keine Schublade einordnen lässt – oder vielmehr in eine Vielzahl von Schubladen zugleich. Der Text nimmt mal die Form eines Tagebuchs, mal die einer Erzählung, einer E-Mail, einer Reportage oder auch eines Gedichts an, während er gleichzeitig diesem fast greifbaren roten Faden folgt. Auch wenn diese Freiheit manche Leser verwirren mag, wird sie andere begeistern.

Eine persönliche Geschichte, die Nachhall findet

Die Geschichte ist persönlich, ja sogar intim, zeichnet aber zugleich auch eine umfassendere Geschichte nach. Howald schafft einen konkreten Kontext und erzählt den Werdegang von Figuren, deren Lebensweg irgendwann einmal mit der Krankheit gekreuzt wurde. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches, das autobiografische Erzählung, Fiktion … und Recherche miteinander verbindet. Denn dieses Werk zeichnet – wenn auch aus einer subjektiven Perspektive – einen Teil, so klein er auch sein mag, des Weges einer von Aids geprägten Schweiz nach. Howald unternimmt dabei eine regelrechte Reise quer durch das Land, von Lausanne bis Zürich, und wagt es sogar, hier und da ein paar Brocken Schweizerdeutsch einzustreuen.

Masken, Krankenhäuser, Kranke, Erfahrungsberichte – die Bilder, die während der Covid-19-Pandemie über unsere Bildschirme liefen, erinnern unweigerlich an HIV. Beide Zeitabschnitte stehen in einem Zusammenhang. Indem der Autor die Geschichte von AIDS wieder aufgreift – für das es noch immer keine Heilung gibt –, erinnert er uns daran, dass diese Krankheit nach wie vor in unser Leben eindringt und dass sie nicht nur homosexuelle Kreise oder Drogenkonsumenten betroffen hat, sondern auf die eine oder andere Weise die gesamte Gesellschaft. Für dich genäht ruft diese schmerzhaften Jahre in Erinnerung, vielleicht damit wir sie nicht vergessen.

Schreiben Sie der Autorin: chelsea.rolle@leregardlibre.com

Sie haben soeben eine Literaturkritik aus unserer Printausgabe gelesen (Le Regard Libre N°99).

Mathias Howald
Für dich zusammengestellt
Verlag Scribes

Mai 2023
216

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