«Die Nacht im Herzen», Sprachrohr dreier Stille

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geschrieben von Aurelia Fellous · 30. Juni 2026 · 0 Kommentare

Nathacha Appanah verknüpft ihre eigenen Erfahrungen mit Gewalt und Überleben mit den Schicksalen von Emma und Chahinez Daoud und erzählt die Geschichte von drei Frauen, die in den Würgegriff der Gewalt geraten sind – von denen zwei nicht das Glück hatten, sich daraus zu befreien.

In Die Nacht im Herzen, lässt Nathacha Appanah die Schicksale dreier Frauen miteinander verflechten: das ihrer Cousine Emma, das von Chahinez Daoud und ihr eigenes. Was sie gemeinsam haben: ein verzweifelter Wettlauf, um den Fängen ihrer Partner zu entkommen. Nur der Autorin gelingt dies. Jahre, nachdem sie diese Beziehung hinter sich gelassen hat, beschliesst sie, sich auf die Spuren dieser Frauen zu begeben, um ihre jeweiligen Geschichten zum Klingen zu bringen.

Drei unterschiedliche Geschichten, die jedoch alle von derselben Frage durchzogen sind: Was bleibt nach der Gewalt übrig? Was wird aus einem Menschen, wenn sich die Liebe gegen ihn wendet? Das Buch erzählt nicht nur von intimen Dramen, sondern zeigt auch, wie sich bestimmte Formen der Gewalt festsetzen, verschwiegen werden und dann noch lange nach den Ereignissen weiterbestehen.

Der Charme vor der Falle

Für die drei Frauen vollzieht sich die Begegnung mit dem Mann, der später ihr Peiniger werden wird, zunächst unter fast idealen Vorzeichen. Er verkörpert einen Ort der Freiheit, der Emanzipation, vor allem aber der Liebe. Die Gewalt tritt nicht sofort als Bedrohung in Erscheinung. Sie schleicht sich in eine Geschichte ein, die zunächst vielversprechend erscheint.

Das Porträt von HC, dem Mann, der in diesen Jahren des Leidens Nathacha Appanahs Leben an seiner Seite stand, beginnt auf diese Weise auf fesselnde Weise. Als grosser Literat führt er sie in die Schönheit der Worte und die Kraft der Leidenschaft ein und stellt ihre Geschichte als eine unvermeidliche Idylle dar, als eine fast magische Begegnung. Diese Liebesgeschichte lässt jedoch aus, was rückblickend von zentraler Bedeutung ist: den beträchtlichen Altersunterschied – sie ist 17 Jahre alt, als sie sich kennenlernen, und er 32 Jahre älter –, aber auch den intellektuellen, emotionalen und symbolischen Einfluss, den er auf sie ausübt.

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An dieser Stelle hinterfragt das Buch auf subtile Weise die heimtückischsten Formen der Macht. Manchmal öffnet sich die Falle durch Charme und das Gefühl, auserwählt zu sein. Die Leidenschaft, aus der Perspektive des Dominierenden erzählt, kann zu einem Vorwand werden, der die Ungleichheit und die Gewalt verschleiert, die sich nach und nach einschleichen.

Über andere erzählen, um sich selbst besser offenbaren zu können

Der Wechsel zwischen den Erzählungen dieser drei Frauen ist nicht immer eindeutig, als wolle man eine gemeinsame Stimme zum Ausdruck bringen. Von den drei Frauen ist die Erzählerin die einzige Überlebende eines gefährlichen Partners. Die Stärke ihres Schreibstils liegt in dieser Fähigkeit, von einer Geschichte zur nächsten zu wechseln, als würde jedes Schicksal die beiden anderen beleuchten. Sie stellt offen die Fragen, die sich der Leser stellt, und hinterfragt dabei zugleich die Möglichkeit des Überlebens an sich: ihr eigenes, aber auch das der beiden Frauen, die das Schicksal – oder vielleicht auch nur bestimmte Umstände – hätte verschonen können.

Mit ihrer Entscheidung, die letzten Stunden der anderen Opfer zu untersuchen, setzt sich Nathacha Appanah auch mit ihren eigenen letzten Tagen vor dem endgültigen Abschied auseinander. Und während sie die Jahre zurückverfolgt, die Emma und Chahinez nach und nach zu ihrer Ermordung geführt haben, sucht sie nach dem Wendepunkt: dem Moment, in dem eine Flucht nicht mehr möglich ist.

Une question revient régulièrement dans les débats publics interrogeant la véracité des témoignages de victimes: pourquoi attendre des dizaines d’années pour en parler? Ce livre offre, à lui seul, plusieurs possibilités de réponse. Il propose une réflexion poignante sur la difficulté pour une victime de se considérer comme telle, sur l’impossibilité de creuser dans la douleur des souvenirs, mais aussi sur la force parfois puisée dans le malheur d’autres victimes, qui réveille la nécessité de s’exprimer.

«Die Erinnerung ist eine Entscheidung, die Erinnerung ist ein geduldiger Geist. In den folgenden Monaten dachte ich an Emma, ich dachte an ihren schrecklichen Tod […], aber ich streifte ihre Erinnerung nur vorsichtig, so wie man eine Schachtel voller Erinnerungen einen Spalt weit öffnet, und schloss sie dann sehr schnell wieder, mit zitternden Händen. Ich wollte nicht dorthin zurückkehren. Dorthin: dieses Loch, das zugleich zu einem Brunnen geworden ist, aus dem ich trinke, und zu einem Abgrund, in den ich nicht fallen will.»

A travers son témoignage, Nathacha Appanah interroge moins la violence elle-même que ce qui lui survit. Il ne s’agit pas seulement de décider de raconter, il faut que cela devienne possible. Le poids des années n’efface pas la violence, mais rend parfois seulement la parole envisageable.

Der Lebenswille

Der Tod schwebt über der gesamten Erzählung. Doch was Nathacha Appanah vor allem interessiert, ist weniger das Verschwinden als vielmehr der Lebenswille, der die Menschen weiterhin dazu treibt, zu fliehen, Widerstand zu leisten und zu leben.

«Je suis ici, allongée, les yeux ouverts, et aussi une autre qui se tient à côté, un ersatz de moi-même fait de morceaux de cette nuit que j’ai découpés et avalés. Aucune version n’est intacte. Les deux portent la honte, le chagrin, le sentiment de déchéance, l’envie de vivre. Vivre, oui. Encore. Comment est-ce possible, cette folie d’avoir envie de continuer à vivre encore des jours et des nuits ?» Nathacha Appanah dit ce paradoxe central: la violence peut briser sans éteindre tout désir de continuer. Vivre, ici, n’a rien d’un triomphe. C’est une folie presque incompréhensible, une impulsion fragile, mais persistante.

Gibt es trotz allem noch eine Erlösung?

En évoquant son histoire, Nathacha Appanah raconte aussi l’après: ce qui commence lorsque l’on parvient à quitter la violence. Le livre interroge cette culpabilité diffuse qui accompagne parfois la survie. Elle met des mots sur ce qui, longtemps, est resté à distance, non pour s’en libérer complètement, mais pour cesser peut-être d’être seule avec cette histoire.

A la fin du livre, les mots ne guérissent pas tout. Ils donnent une forme à la douleur, lui ajoutent peut-être des témoins, mais ne la font pas disparaître. En racontant Emma et Chahinez, Nathacha Appanah les arrache au silence, sans soulager tout à fait leur destin ni sa propre peine. Le livre ne transforme donc pas la parole en réparation totale. Il laisse plutôt une idée plus inconfortable: celle d’une vie sauvée, mais pas rendue intacte, une vie qui continue avec ce que la violence lui a définitivement pris.

Moderatorin eines Poesie-Accounts auf Instagram, Aurelia Fellous ist Redakteurin für das französische Kulturmedium Zone critique.

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Nathacha Appanah
Die Nacht im Herzen
Gallimard
August 2025
288 Seiten

Aurelia Fellous
Aurelia Fellous

Aurelia Dellous betreibt einen Poesie-Account auf Instagram und ist Redakteurin für das französische Kulturmedium Zone critique.

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