Ein unwichtiges Buch?

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geschrieben von Jonas Follonier · 02. August 2022 · 0 Kommentare

Ein unbedeutendes Verbrechen, Der «Prix Interallié 2020» reiht sich in die unzähligen Erzählungen ein, die seit einigen Jahren die Auslagen der Buchhandlungen füllen. Zumindest hat die Autorin Irène Frain das Werk als «Erzählung» und nicht als „Roman“ bezeichnet. Damit ist der Ton von Anfang an vorgegeben. Doch obwohl ihr Thema – der Mord an ihrer Schwester – schrecklich ist, ist dieses Buch nicht ergreifend. Vielleicht war das auch gar nicht das Ziel der Autorin mit diesem Werk, das sich in erster Linie – oder vielmehr letztendlich – als Lobeshymne auf die Literatur und ihre Kräfte versteht.

Ein Herbstwochenende. Die 79-jährige Denise wird in ihrer Wohnung in einem «ruhigen, fast schon zu ruhigen» Viertel überfallen, unweit eines kleinen Waldes, eines Hypermarkts, einer Problem-Wohnsiedlung und einer evangelischen Kirche, die sie regelmäßig besuchte. Ihre Verletzungen werden ihr einige Wochen später zum Verhängnis. Erst nach ihrem Tod wird ihre kleine Schwester, Irène Frain, von einem der Söhne des Opfers über das Drama informiert. Anlässlich der Beerdigung sieht die Romanautorin die Gelegenheit, sich der Familie von Denise anzunähern. Doch sehr schnell wird ihr klar, dass diese Annäherung, die sie sich so sehr wünscht, nicht stattfinden wird. Genauso wenig wie die Trauerarbeit, die Worte voraussetzt.

Bücher gegen das Schweigen

Die Autorin und Erzählerin wendet sich daraufhin an die Justiz: Sie will verstehen, was mit ihrer Schwester geschehen ist, und mehr Informationen erhalten. Sie erfährt, dass dieser, gelinde gesagt, mysteriöse Mord nicht der erste dieser Art in dieser Wohnsiedlung ist – und auch nicht der letzte. Sie wird auch feststellen, dass die Öffentlichkeit zwar grundsätzlich über den Mord an einer älteren Person empört ist, sich aber sofort anderen Themen zuwendet und sich nie für einen solchen Fall einsetzt, der als (hoffnungslos) verloren gilt. Sie will als Zivilklägerin auftreten, wendet sich an einen Anwalt, dann an einen anderen, schreibt an das Gericht. Doch auch hier stößt Irène Frain schmerzlich auf Schweigen.

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Das ist es, was uns dieses Buch hinsichtlich der Haupthandlung erzählt. Es wechselt zwischen der dritten und der ersten Person und wechselt zwischen gesellschaftlichen Schilderungen und intimen Bekenntnissen hin und her. Da es zudem auf zwei Erzählebenen spielt – der der Erzählung und der der Tagebücher, die die Autorin selbst während des Verfahrens geführt hat –, ist diese nüchterne Prosa – die leider jedoch keineswegs schlichte Form hat – nicht außergewöhnlich. Auch das literarische Mittel, das als Gegenmittel zur Langsamkeit der Gerichtsverfahren eingesetzt wird, ist altbekannt. Doch letztendlich liegt die Stärke des Werks in der Aufrichtigkeit, die aus diesem Ansatz hervorgeht, der eher therapeutisch als künstlerisch, eher initiativ als ästhetisch ist.’Ein unbedeutendes Verbrechen.

«– Wie geht es denn jenen Ihrer Kunden, denen es genauso geht wie mir und die nicht schreiben?“
– »Sie klagen über eine Krankheit. Oft über Krebs.“

Die Seiten blättern sich um, während die Schriftstellerin ihre Liebe zu ihrer verstorbenen Schwester, die damit verbundenen Geheimnisse, ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Familie … und die rettende Kraft des Schreibens sowie des Lesens zu Papier bringt. Trotz zahlreicher thematischer Wiederholungen, ohne die der Roman auch als Kurzgeschichte auskommen könnte, handelt diese Erzählung von der Notwendigkeit, von der Intuition und vom Schrei nach fiktionaler Freiheit, um die faktische Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie ist zugleich eine Hommage an das hohe Alter, eine Zuneigung zu den Vergessenen – einer der roten Fäden im Werk von Irène Frain. Deshalb geht ihre Erzählung über das bloße Zeugnis hinaus und berührt das Universelle. Was nicht ohne Bedeutung ist.

Schreiben Sie dem Autor: jonas.follonier@leregardlibre.com

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Irène Frain
Ein unbedeutendes Verbrechen
Editions du Seuil
2020
256 Seiten

Jonas Follonier
Jonas Follonier

Jonas Follonier ist Chefredakteur von «L’Agefi» und Essayist sowie Gründer und Vorsitzender von «Regard Libre».

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