Existieren und zu anderen gehören - der einzige Ausweg

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geschrieben von Arthur Billerey · 10 November 2020 · 0 Kommentare

Ständig zwischen den Gesetzen der Anziehung und der Abstoßung schwankend, sind Thomas Flahauts Figuren in seinem neuesten Buch Sommernächte, Die Filme erschüttern uns durch ihren Realismus. Mehr noch, sie enthüllen uns den Alltag der Grenzarbeiter in der Franche-Comté.

In der Literatur gibt es Romane, die durch ihren wahrheitsgetreuen Ausdruck der Realität bewegen. Sie behandeln universelle Themen, die den Alltag von uns allen prägen. Das heißt, von Ihnen, Ihrem Nachbarn, Ihrem Versicherer oder Ihrem Psychiater. Diese Themen sind Arbeit, Liebe, Freundschaft und die Beziehungen, die sich daraus ergeben. Man könnte über den sozialen Kampf, die Forderungen der Arbeiterklasse, der Mittelklasse oder der Volksklasse sprechen, wenn es um die Arbeit geht. Für den Rest könnte man von Streicheln, Küssen und Umarmungen sprechen. Anknüpfen an den realistischen Roman von gestern, von Balzac oder Zola (fürchten wir uns nicht vor den großen Namen), Sommernächte, in der pulsierenden Vene eines Nicolas Mathieu, spielt zwischen der Franche-Comté und dem Schweizer Jura, zwischen Besançon, Audincourt, Montbéliard und der Fabrik Lacombe, die Grenzgänger einstellt, um eine anstrengende Arbeit zu verrichten, die die Schweizer nicht machen wollen.

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Drei Jugendfreunde in den Zwanzigern, Mehdi, Thomas und Louise, kommen aus demselben Viertel Les Verrières in Montbéliard. Während eines Sommers, der hauptsächlich nachts stattfindet, ist ihr Leben zwischen zwei Ländern geteilt. Ständig auf den Straßen und auf der Transjurane, die die Schweiz mit Frankreich verbindet, lassen sie sich von dem bewegen, was sie anzieht und von dem, was sie entfernt. Jeder hat seine Persönlichkeit, seine Hoffnungen und seine Illusionen, aber alle sind mit der Fabrik Lacombe SA verbunden. Diese bindet sie wie eine dunkle, mechanische Spinne bis zum Ende aneinander. Im Laufe der Seiten berichten sie über eine aktuelle soziale Realität, die der heutigen Grenzarbeiter, die man eher als «Leiharbeiter» bezeichnen würde, deren Rolle nicht mehr die Industrie- und Fließbandarbeit von gestern ist, sondern vielmehr die Entlastung riesiger autonomer Maschinen, die Teile wie von Geisterhand herbeizaubern.

«L’atelier C est moins une ligne qu’un damier. Des îlots de machines toutes identiques reliés entre eux par des allées. L’atelier ne correspond pas à l’idée que Thomas s’en était fait. Il s’était figuré une suite de postes placés le long d’une chaîne se déroulant sous le haut plafond d’un hangar, une alternance de mouvements et d’arrêts, le fracas des tôles frappées. Mais cette usine-là a disparu depuis longtemps. Elle appartient à la vieille époque des syndicats et des grèves générales, celle de Chaplin. Thomas se penche sur la première machine que Romuald lui présente. Si elle existe, cette usine de film et de roman, c’est à l’intérieur des machines. Des centaines de pièces filent sur des courroies, des bras mécaniques les emboîtent, les soudent à une vitesse qui empêche de saisir l’ordre et la nature de ces opérations. La machine vit toute seule.»

Die Gesetze der Anziehung

Neben der Darstellung einer aktuellen sozialen Realität besteht die Stärke von Thomas Flahaut darin, dass er es versteht, seine Figuren zu verkörpern, ihnen Energie einzuhauchen und sie real erscheinen zu lassen, obwohl sie nur auf dem Papier atmen. Er schafft es, für den Leser greifbar zu machen, was sie anzieht und was sie entfremdet, was sie erfreut und was an ihnen nagt, was sie belebt und was sie auslöscht. Mit anderen Worten: Er schafft es, sie ihm fast vertraut zu machen. Und das Dreieck wird wie folgt definiert: Mehdi und Thomas sind sehr gute Freunde, Louise ist Thomas' Zwillingsschwester, Mehdi und Louise verlieben sich.

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Die Figur des Thomas, der von Müdigkeit geplagt wird, wird vom Abgrund des Versagens und von dem der Nacht angezogen. Er hat seinen Eltern nicht gesagt, dass er sein Studium vermasselt hat, und da er mit seinem Geheimnis auf verlorenem Posten steht, verwandelt er sich nach und nach in einen Schatten. Er führt «ein Leben wie eine Fledermaus, die lautlos durch die Nacht fliegt, manchmal erhellt durch den Glanz eines elektrischen Lichts». Mehdi und Louise werden von der Liebe zueinander angezogen. Eine aufrichtige und starke Liebe, eine junge Liebe. Sie ist stark genug, um sie dazu zu bringen, der Entfernung zu trotzen, der Arbeit, die sie trennt, und auch dem sozialen Umfeld. Louise zieht es an die Universität, sie muss eine Dissertation über Grenzarbeiter abgeben. Mehdi ist ein Nomade, der sich von der Geschwindigkeit angezogen fühlt, vom Abweichen von der Norm, um nicht von den Vorschriften gefangen genommen zu werden. Er ist ein freier junger Mann, der die Drehzahl des Motors seiner Kawasaki in die Höhe treibt. Wie bei diesem Rennen zwischen Kawasaki und Ducati, zwischen Mehdi und einem seiner Arbeitskollegen:

«Als Nicolas ihn wieder mit seinem Maschinengewehrlärm überholt, schluckt er seinen Speichel hinunter. Und der Tunnel dauert, er endet nicht. Ruhige Abfolge der Neonröhren. Kurve, die sich in den Bauch des Berges gräbt. In der Schlange zu fahren bedeutet, mit der Geschwindigkeit zu fahren, die von anderen vorgegeben wird, die sich an die Straßenverkehrsordnung halten. In der Schlange fahren heißt nicht mehr fahren, sondern zirkulieren, getrennt von anderen Körpern durch einen vorschriftsmäßigen Abstand wie Teile auf dem großen Fließband dieser riesigen Fabrik, die die Welt ist.»

Doch obwohl jeder seine eigenen Magnetismen besitzt, wird das Trio von der Anziehung zu einem besseren Leben geleitet. Und paradoxerweise ist es für Mehdi und Thomas die Fabrik, die sich ihnen als Mittel zur Verbesserung ihres Lebens präsentiert, als Mittel, um - auch wenn die Wahl nicht die beste ist - eine gewisse finanzielle Stabilität zu erreichen. Ihre Verbundenheit mit der Fabrik wird sich vor allem dann zeigen, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen der Rendite umziehen muss. Es ist eine voreingenommene Anhänglichkeit. Sie kritisieren die Fabrik, schimpfen auf sie, hassen sie dafür, dass sie ihre Väter verschlissen hat, aber wenn sie sie zu verlieren drohen, tun sie alles, um sie zurückzugewinnen. Sie übertreffen sich selbst, werden zu nächtlichen Herkules, halten wahnsinnige Tempi ein, verzehnfachen ihre unglaublichen Kräfte, um den Schweizern zu zeigen, was sie können. Diese Schweizer, die ihre Zukunft in den Händen halten. Diese Schweizer, die sie in der Fabrik nie zu Gesicht bekommen:

«Die französischen Operateure in grauen Polohemden. Die französischen Werkstattleiter in roten Polohemden. Die Schweizer, von denen man weiß, dass es sie gibt, die aber unsichtbar bleiben.»

Die Gesetze der Abstoßung

Die offensichtliche Abstoßung, die als Bumerang zurückkommt in Sommernächte, ist die Abneigung gegen den Vater. Die Väter in diesem realistischen Roman haben den gleichen Mangel an Empathie gemeinsam. Sie sind nicht in der Lage, sich in ihren Sohn hineinzuversetzen oder sich selbst zu hinterfragen. Geformt durch ihr Leben, das sie mit harter Arbeit verbracht haben, wie z. B. die alten Taktzeiten der Lacombe-Fabrik für Thomas' Vater, sind sie Figuren der Standhaftigkeit, Ausdauer und Stärke, die im Laufe ihres Lebens vergessen haben, was Schwäche, Zerbrechlichkeit und Scheitern bedeutet. Sie mussten diese Dinge vergessen, um Bestand zu haben.

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Die Figur des Thomas verheimlicht seinem Vater sein Universitätsfiasko so lange wie möglich, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Mehdis Vater arbeitet als Rôtisseur auf den Märkten. Mehmed muss ihm oft nach den langen Nächten, die er bei Lacombe gearbeitet hat, helfen. Er muss ihn auch ertragen:

«Mehdi se demande s’il est vraiment encore jeune. Vingt-cinq ans et déjà, son corps s’alourdit. Il fait les nuits chez Lacombe, et maintenant les jours au marché. Et c’est peut-être moins l’âge, la double journée, la nuit trop courte qui lui pèsent, pense-t-il, que le fait d’y être astreint par le patron, par le père. Toute la matinée le père va bouder, Mehdi le sait. Il va falloir attendre le client dans la chaleur de la rôtisserie, qui rend intolérable celle d’un jour d’été qui s’annonce étouffant. Il va falloir survivre dans le silence plein de griefs du père, guetter l’instant où, revêtant son casque et sa veste en cuir, il pourra démarrer la Kawasaki, prendre l’autoroute transjurane en direction de La Combe, laisser la vitesse le nettoyer de la nervosité de cette journée qui colle à sa peau.»

Il y a aussi une répulsion moins évidente, plus intime et plus enfouie, chez les personnages de Thomas Flahaut. C’est la répulsion de l’absence. Ce que les frontaliers francs-comtois, par le biais de Mehdi ou Thomas, veulent intérieurement, c’est exister aux yeux des autres. Aux yeux de Louise ou aux yeux de leurs pères. Ils veulent exister entre ces deux pays et ces villages que l’autoroute transjurane traverse. Ils veulent exister malgré la fatigue, hors des enjeux sociaux et des règles. Ils voudraient vivre librement entre les lois de l’attraction et de la répulsion. Ne plus cuire sous la chaleur des nuits d’été.

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Aber die nächtliche Suche nach einem besseren Leben, nach ständiger Sicherheit, dieselbe Suche, die ihre Eltern die Schweiz als Eldorado betrachten ließ, ist hartnäckig. Zu existieren und zu den anderen zu gehören, bleibt die einzige Fluchtmöglichkeit. Zu existieren und zu anderen zu gehören, indem man den Problemen des Tages trotzt und dem, was die Gesellschaft auf unseren Wegen vor sich herträgt, mag an den letzten Satz von Ihre Kinder nach ihnen. Denn schließlich erschüttern uns Thomas, Louise und Mehdi, indem sie existieren wollen, mit ihrem Realismus und ihrer «erschreckenden Süße des Dazugehörens».

Bildnachweis: © Pxhere

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Thomas Flahaut
Les nuits d’été
Editions de l’Olivier
2020
218 Seiten

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